Gespräch mit Kirsten Hager

Produzentin

Die Flüchtlinge werden in Namibia in ein Auffanglager gebracht.
Die Flüchtlinge werden in Namibia in ein Auffanglager gebracht. | Bild: WDR

Wie lange hat es von der ersten Idee für diesen Film bis zu den Dreharbeiten gedauert?

Wir haben erstmals im August 2014 darüber gesprochen, dass man unbedingt einen Film über das Thema Flücht- linge machen müsste, um Empathie für diese Menschen zu wecken. Die Anzahl der Flüchtlinge war zu diesem Zeitpunkt noch deutlich geringer. Dann kam der September 2015 mit der Öffnung der Grenze, da hat sich die gesamte Situation noch einmal komplett verändert. Mir ist damals klar geworden, wie schwierig es ist, einen politischen Film zu machen. Es gibt immer wieder neue Entwicklungen, auf die man reagieren muss oder meint, reagieren zu müssen. Das Thema an sich ist gleich geblieben. Es kommen ja weiterhin Flüchtlinge aus Diktaturen, Bürgerkriegsgebieten und Armutsregionen. Die Dreharbeiten begannen dann im April 2017.

Wie kam es zu dem Dreh, die Rollen gewissermaßen umzukehren, also eine deutsche Familie zu zeigen, die nach Afrika fliehen muss?

Es besteht ja die Gefahr, dass man angesichts der Flut immer gleicher Bilder zu diesem Thema irgendwann abstumpft. Wir wollten deshalb ein Einzelschicksal beschreiben und eine emotionale Identifikation mit den Flüchtlingen ermöglichen. Damit standen wir vor der Frage: Wie schaffen wir es, dass die Leute überhaupt zuschauen bei all den vielen Nachrichten und Berichten zu diesem Thema? Und so entstand die grandiose und provokante Idee, ein Boot mit Europäern auf die afrikanische Küste zusteuern zu lassen.

Der Fluchtgrund ist die Verfolgung durch ein totalitäres, rechtsextremes Regime. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Wir haben mit einem renommierten Zukunftsforscher von der Ludwig-Maximilians-Universität München über das gesellschaftspolitische Setting gesprochen. Was könnte eine derartige Fluchtbewegung auslösen, welche Entwicklung ist da denkbar? Wir wollten so nah wie möglich an ein Szenario herankommen, das sich so ereignen könnte. Wir dachten zunächst an eine neue Bankenkrise, an das Wegbrechen des Mittelstandes. Doch bei dem Gespräch stellte sich heraus, dass der Rechtsnationalismus ein ganz zentrales Thema sein kann. Als sich 2016 der Putschversuch in der Türkei ereignete, entwickelte sich daraus ein Szenario, das unserem doch recht nahe kam: In einem europäischen Land wurden auf einmal Zeitungen und Sender geschlossen, Ärzte, Lehrer und Rechtsanwälte kamen in Haft. Wir empfanden diese Situation als sehr unheimlich, so von wegen: nicht, dass uns die Wirklichkeit einholt.

Was sprach für Kai Wessel als Regisseur?

Ich habe mit ihm ja schon gedreht und halte ihn für einen tollen Regisseur. Er hat das Wissen und die Kenntnis, wie man große Filme macht, und er legt Wert auf eine emotionale, authentische und wahrhaftige Inszenierung. Außerdem ist er ein sehr guter Partner, der auch bei sehr großem Aufwand am Set seine Kreativität bewahrt. So einen braucht man, wenn man ins Ausland geht und ein so großes Ding stemmen muss.

Waren die Dreharbeiten denn sehr herausfordernd?

Sagen wir mal so: Ein Dreh im Ausland ist immer eine Herausforderung. Außer den Wetterherausforderungen und Krankheitsherausforderungen kommt hinzu, dass die Teams gemischt sind und erst einmal zueinanderfinden müssen. Dazu kam, dass ein Thema wie eine Massenflucht eine gewisse Größe in den Bildern braucht und wir unseren Film in der Zukunft angesiedelt haben; dem mussten wir ja auch Rechnung tragen. Wir hatten große Sets, eine unglaubliche Anzahl an Komparsen, von denen jeder eingekleidet werden musste – logistisch war das alles schon sehr anspruchsvoll. Aber es waren auch tolle Dreharbeiten mit einem super Team, wo jeder den Film im Sinn hatte und alle an einem Strang gezogen haben. Das war schon etwas Besonderes, und es hat Spaß gemacht.

Und all die Mühe hat sich gelohnt?

Ich finde schon! Wir hatten ja bereits Vorführungen, bei den Internationalen Hofer Filmtagen zum Beispiel. Danach kamen viele Leute auf uns zu und sagten, wie sehr ihnen der Film mit seinem Perspektivwechsel zu denken gegeben habe. Bei der Entwicklung dieses Projekts hat uns eine Definition von Marc Engelhardt geleitet: "Ein Flüchtling ist jemand, der geht, obwohl er lieber bleiben würde, doch die Verhältnisse lassen ihn nicht." Das ist auch die Aussage des Films, und es wäre schön, wenn keiner das vergisst.

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