Gespräch mit Fabian Busch

Fabian Busch spielt den deutschen Anwalt Jan Schneider, dem unter dem totalitären Regime in seiner Heimat Verhaftung und Folter drohen.
Fabian Busch spielt den deutschen Anwalt Jan Schneider, dem unter dem totalitären Regime in seiner Heimat Verhaftung und Folter drohen. | Bild: WDR

"Aufbruch ins Ungewisse" erzählt die Geschichte von Flüchtlingen aus einer umgedrehten Perspektive: Die Europäer fliehen nach Afrika ...

Ja, das fand ich sofort spannend. Gleichzeitig hatte ich aber auch moralische Bedenken.

Warum?

Ich habe mich gefragt, ob man das machen darf, die Rollen einfach umzudrehen und sich das Leid der Flüchtlinge gewissermaßen anzueignen. Ob es denn richtig ist, sich all dieser Bilder zu bedienen, die wir in den Nachrichten täglich sehen, und einen fiktionalen Film daraus zu machen. Das ist sicherlich eine Sache, die ich bis zum Ende mit mir herumgetragen habe. Jetzt ist der Film ja mittlerweile auf mehreren Festivals gelaufen, und wir haben die Zuschauerreaktion mitbekommen. Und spätestens da wurde mir klar: Das darf man nicht nur, das muss man machen. Plötzlich sind es die Nachbarskinder und die Frau von nebenan, die flüchten müssen. Da fällt die Identifikation leichter. Und wenn wir die Zuschauerinnen und Zuschauer so sehr kriegen, dass sie sich mit Empathie auf eine emotionale Reise begeben und sich in ihren Köpfen vielleicht etwas ändert, dann war es auf jeden Fall richtig, den Film zu machen.

Jan Schneider steht mit seiner Familie gewissermaßen stellvertretend für all die anderen Flüchtlinge mit ihrem Leid. Hinzu kommen die vielen Nebenfiguren ...

Zum Beispiel dieser kleine Junge, der dreimal durchs Bild rennt, mit meiner Film-Tochter Blicke tauscht und so traurig guckt. Was ist seine Geschichte? Welches Schicksal hat ihn hierhergebracht? Das würde ich total gern erfahren. Ich finde es dennoch großartig, dass diese Figuren nur anerzählt werden und auch noch im Schneideraum viel weggelassen wurde. Gerade das deutsche Fernsehen neigt ja manchmal dazu, alles zu erklären und bis zum Ende zu erzählen. Hier hat man als Zuschauer die Möglichkeit, seine eigenen Gedanken weiterlaufen zu lassen und sich zu jeder Figur zu überlegen, was sie wohl umtreibt und wie es mit ihr weitergeht. Kai Wessel hat tatsächlich für jede Figur eine Geschichte entwickelt, die man im Film überhaupt nicht sieht, die man aber vielleicht spürt, und deshalb sind diese Figuren so vielschichtig und so spannend.

War es allein die spannende Grundidee des Films, die Sie veranlasst hat, sich für die Rolle zu bewerben?

Ich wollte einfach auch schon immer mal mit Kai Wessel einen Film zusammen machen. Jedes Mal, wenn ich mit einem Team gedreht habe, das zuvor mit ihm gearbeitet hatte, habe ich gehört, was für ein toller Regisseur das sei. Und das hat sich jetzt total bestätigt. Das ist ein ganz feiner Mensch. Als Schauspieler ist es ein absoluter Traum, unter ihm zu arbeiten, weil er sich so wahnsinnig viel Zeit nimmt für Figuren, für Figurenentwicklung und für emoti- onale Momente. Das erlebt man leider Gottes sehr selten.

Wahrscheinlich war diese Qualität bei den vielen extremen emotionalen Situationen, die Sie spielen müssen, besonders wichtig.

Unbedingt, total. Vor allem auch, weil Kai von den Figuren herkommt und für die Figuren denkt. Man dreht ja nicht chronologisch, sondern bewegt sich immer im fragmentarischen Bereich. Man dreht mal die Szene, mal die Szene. Und das alles zusammenzuhalten, das große Ganze im Blick zu behalten und dafür zu sorgen, dass die Figuren emotional ihren Weg gehen, das hat er wunderbar geschafft. Auf das Casting hatte ich mich übrigens aber auch wegen Maria Simon gefreut.

Inwieweit?

Ich hatte zuvor schon mal in einem "Polizeiruf" mit ihr mitgespielt, daher wusste ich, dass es wahnsinnig viel Spaß macht, mit ihr zu arbeiten. Nach einem Casting hat man ja oft das Gefühl: "Na ja, mal gucken, wie sie sich ent- scheiden." Nach diesem Casting habe ich gedacht, das hat wahnsinnig gut funktioniert, es wäre echt schade, wenn sie sich nicht für uns entscheiden würden. Ich empfinde es so, dass Maria und ich zwei sehr unterschiedliche Heran- gehensweisen beim Spielen haben, und wenn die Kamera läuft, kommt beides gewinnbringend zusammen. Kai hat uns zusammengeführt, uns funktionieren lassen und dafür gesorgt, dass wir uns eingeladen fühlten, unsere Emotionen preiszugeben.

Jan Schneider befindet sich auf der Flucht, in einer zukünftigen Welt und in einer dauerhaften emotionalen Anspannung. Wie bekommt man so etwas als Schauspieler hin?

Wie ich schon sagte, einen Film zu drehen ist wirklich ein sehr fragmentarisches Arbeiten. Irgendwann vergisst man das große Ganze und arbeitet ganz konkret an einzelnen Szenen und den jeweiligen emotionalen Haltungen der Figur. Da geht es dann beispielsweise um die Frage: Wie bekomme ich meine Tochter davon überzeugt, dass sie et- was unter keinen Umständen tun soll? Das ist eine Szene, die in jedem Film vorkommen könnte, in dem es um Fami- lienstrukturen geht. Deshalb empfinde ich "Aufbruch ins Ungewisse" auch als Familiendrama, das beleuchtet, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten. Das muss nichts mit Flucht und Zukunft zu tun haben.

Jan Schneider quält unentwegt die Frage, was aus seinem kleinen Sohn geworden ist und wie er es schafft, nicht auch noch seine Tochter zu verlieren ...

Ich habe selbst zwei Kinder, die in demselben Alter sind wie die Kinder meiner Figur. Und wenn man spielen soll, dass die Figur Angst um ihre Kinder hat, ist es natürlich im- mer einfach, in diesen Momenten an die eigenen Kinder zu denken. Das ist aber ein Gefühl, das ich mir als Schauspieler nicht gerne zugestehe. Ich will die Angst um meine ei- genen Kinder nicht nutzen, und trotzdem rührt sich da immer wieder dieser Gedanke im Hinterkopf, dass sich damit leicht Emotionen erzeugen ließen. Manchmal macht man das dann auch und fühlt sich danach schlecht. Man nimmt es abends mit ins Hotelzimmer. Das war sicherlich ein Dreh, bei dem ich nach Drehschluss nicht so schnell abschalten konnte. Und ich habe meine Kinder während dieser Zeit noch mehr vermisst als sonst.

Wie war es für Sie, in Südafrika zu drehen?

Man kann sich da wohlfühlen, man kann dort sehr gut Filme drehen. Gleichzeitig konnte ich aber nicht ausblenden, dass es da diese Schere zwischen Arm und Reich gibt, diese Townships und gleichzeitig dieses Cocktailparty-Gefühl, das man in Kapstadt hat. Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, ist ja auch ein Grund, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Jedenfalls bin ich kein Fan von Kapstadt geworden. Ich mag es, mich frei bewegen zu können, und das kann man nicht in dieser Stadt. Ständig trifft man auf Leute, die sagen: Geh bitte nicht in die und die Gegend, nicht um diese Uhrzeit, und wenn, dann bitte nicht alleine.

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.