Gespräch mit Kai Wessel

Regisseur

Making Of:  Regisseur Kai Wessel (M) bei den Dreharbeiten in Südafrika.
Making Of: Regisseur Kai Wessel bei den Dreharbeiten in Südafrika. | Bild: WDR

Europäer flüchten nach Südafrika – wie haben Sie reagiert, als Sie erstmals von diesem Plot gehört haben?

Ich war gleich begeistert von dieser im Grunde ganz einfachen Idee, die aber auch extrem herausfordernd ist.

Inwieweit herausfordernd?

Weil man erst einmal die Frage beantworten muss, wie man diese Grundidee auf 90 Minuten herunterbricht und aus einem theoretischen Ansatz in eine Geschichte kommt, die einen angreift und als Film packt.

Ab wann hatten Sie das Gefühl, dass das gelingen könnte?

Die Idee war, die Geschichte komplett aus der Perspektive einer aus Deutschland flüchtenden Familie zu erzählen und damit subjektiv zu werden. Das hat der Grundidee Kraft und Sinnlichkeit verliehen. Natürlich mussten wir auch immer im Auge behalten, wie die Realität heute aussieht und wie wir sie im Film, der ja in der Zukunft spielt, spiegeln können. Im Zentrum aber sollte die Geschichte eines klassischen Mittelschichtenpaares mit Kindern stehen.

Wie sind Sie auf Maria Simon und Fabian Busch gekommen?

Wir haben zu einem Casting aufgerufen und dafür verschiedene Paarkonstellationen zusammengestellt, von denen wir glaubten, dass sie einen emotional berühren können. Bei Maria Simon und Fabian Busch hat mich beeindruckt, dass sie sich gleich so nah waren, als Paar, obwohl sie noch nie über eine längere Strecke zusammen gespielt haben. Und diese Nähe ist sehr wichtig, um ein Ehepaar erzählen zu können, das sich vielleicht seit 20 Jahren kennt und vielleicht seit 18 Jahren verheiratet ist – mit allen Problemen, die ein langer gemeinsamer Weg auch mit sich bringt. Die ganze Geschichte des Paares muss non-verbal miterzählt werden, denn es geht ja auch um die Frage: Bleibt dieses Paar überhaupt zusammen? Oder hat es sich komplett auseinandergelebt? Sie sprechen im Film ja kaum noch miteinander. Während des Castings wurde uns jedenfalls sehr bald klar, dass Maria Simon und Fabian Busch die ideale Besetzung dafür sind.

Warum war Ihnen wichtig, dass die südafrikanischen Schauspieler deutsch sprechen können?

Ja, da war ich heilfroh. Athena hat das unglaublich gut gemacht. Sie spricht sehr gut deutsch, ist sehr schnell auf die Geschichte angesprungen und war sofort bereit, sich voll in dieses Projekt reinzuschmeißen. Das hat sie dann auch die ganze Zeit durchgezogen. Das liegt aber auch, muss man sagen, an der Ensemblefähigkeit von Fabian Busch und Maria Simon, die einfach extrem stoff- und ensemblebezogen denken, jeden mit offenen Armen empfangen und sagen: Wir wollen zusammen etwas Gutes schaffen.

Die Protagonisten befinden sich durchgehend im emotionalen Ausnahmezustand. Wie führt man seine Schauspieler als Regisseur in eine solche Grundstimmung?

Im Grunde sind da die Vorgespräche das Entscheidende: dass man in intensiven Tagen der Vorbereitung die Grund- linien der Figuren mit ihren emotionalen Zuständen festlegt. Während großer Drehs ist nicht der Raum, noch einmal über so Grundsätzliches nachzudenken. Da arbeitet man dann an der konkreten Umsetzung dessen, was man vorher besprochen hat. Am Set ist es dann ganz wichtig, dass man sich Ventile schafft, sich auch mal über die Figuren lustig macht und zusammen lacht, ansonsten würde man das gar nicht aushalten. Man muss aus dieser Stimmung unbedingt immer mal wieder rauskommen, um sich dann wieder frisch und mit neuer Energie in sie hineinzubewegen.

Bei den Hofer Filmtagen war "Aufbruch ins Ungewisse" für den Preis für das beste Kostümbild und das beste Szenenbild nominiert. Warum ist das Kostümbild so wichtig für diesen Film?

Wir erzählen von vielen, vielen Europäern, die in Namibia und Südafrika eingekleidet werden. Und die Kleidung soll den Zuschauerinnen und Zuschauern etwas über die Lebenssituation und die Tragödie jedes einzelnen Menschen erzählen. Wenn wir in Südafrika sagen, wir brauchen jetzt mal um die 100 Komparsen, und wir filmen sie in ihrer normalen Alltagskleidung – das wäre falsch. Jeder Komparse ist vorher gecastet und eingekleidet worden. Und die Kleidung unserer Protagonisten soll in jeder Szene deren seelischen Zustand repräsentieren und gemeinsam mit der Maske ihren emotionalen Weg unterstützen. Gleichzeitig ist die Bandbreite bei den Kostümen sehr begrenzt: Wir gehen ja davon aus, dass die Flüchtlinge mit getragener, gespendeter Kleidung versorgt werden. Trotzdem bei jeder Figur und jedem Gemütszustand Nuancierungen hinzubekommen, das ist hohe Kunst und hat etwas mit dem Zustand der Kleidungsstücke zu tun, mit Mustern, mit Farben. Dieses Kostümbild ist durchgehend gestaltet. Da ist nichts dem Zufall überlassen.

Und das Szenenbild?

Da ist es ähnlich. Zum einen hatten wir im Deutschland der Zukunft Hightech zu erzählen, zum anderen in Afrika riesige Lager, die eine bestimmte Organisationsstruktur haben und einer bestimmten Bildästhetik gehorchen sollen. Wir wollten die einzelnen Menschen im Vordergrund der Geschichte haben und dennoch immer spürbar machen, dass wir in einem fremden Land sind. Wir brauchen eine andere Farbigkeit, das darf aber nie folkloristisch sein, und auch hier muss eine Grundtonalität getroffen werden, die vor allem die emotionalen Zustände unserer Protago- nisten stützt. Auch die Kamera war übrigens wahnsinnig gefordert, weil sie zusammen mit Kostüm und Szenenbild eine Welt erfinden musste, die in sich geschlossen ist und wie in einem Dokumentarfilm wirken muss: außergewöhnlich glaubwürdig, nie zu sehr gestaltet, nie ästhetisiert. Das ist unserem Kameramann Nicolay Gutscher wahnsinnig gut gelungen, denn wir haben einen klaren Look, man merkt die Handschrift, aber sie ist nicht Selbst- zweck, sondern ordnet sich immer dem Geschehen unter.

Der Strand, an dem die Europäer landen, wirkt beeindruckend dystopisch.

Oftmals laufen die Dinge ja sehr kurios. Den Strand hatten wir schon sehr früh ausgewählt, mit der Grundidee: Die Europäer landen an einem paradiesischen Ort, doch wenn man genauer hinschaut ist dieses Paradies die Hölle. Es war dann eine lange Zeit unsicher, ob wir diesen Strand bekommen können, weil ihn große amerikanische Produktionen über Wochen blockiert haben. Am Ende gab es einen einzigen Tag, an dem wir drehen konnten, und als wir dann morgens da standen, herrschte dichter Nebel. Von dem paradiesischen Strand sah man gar nichts. Natürlich waren wir im ersten Augenblick wahnsinnig enttäuscht, weil wir so viel getan hatten, um dort drehen zu können. Wir haben dann aber sehr schnell gemerkt: So ein Wetter kann man gar nicht erfinden, das ist für die Stimmung sehr viel besser als das, was wir uns ausgemalt hatten. Film bedeutet, größtmögliche Kontrolle über alles zu haben, ansonsten hat man nicht die Freiheit des kreativen Gestaltens. Der Zufall aber, und der Kompromiss, sind meines Erachtens sehr wichtige Faktoren, weil der Zufall manchmal die tolleren Angebote macht als die Fantasie.

Warum ist "Aufbruch ins Ungewisse" ein wichtiger Film?

Es ist keine Frage, dass wir auch in Deutschland Probleme haben. Mit lebensbedrohlichen Ereignissen wie Krieg und Hungerskatastrophen sind wir aber zum Glück seit langer Zeit nicht mehr direkt konfrontiert. Ich glaube, es ist sinnvoll, immer mal wieder über den Tellerrand zu schauen und daran zu erinnern, wie fragil das Leben ist, und das, was wir uns in diesem Leben aufgebaut haben. Ich glaube, dieser Film kann ein wenig an unseren Grundfesten rütteln und an unserer scheinbaren Sicherheit, die wir hier genießen. Und das schärft dann vielleicht auch unsere Empathiefähigkeit gegenüber den Menschen, die aus welchen Gründen auch immer ihr Land verlassen müssen oder glauben, es verlassen zu müssen, weil sie in Zuständen leben, die für sie nicht mehr haltbar sind. Das ist ja keine leichte Entscheidung. Sie wird aus Not getroffen und führt oft zu noch größerer Not, weil es auf der Flucht häufig um das blanke Überleben geht.

Dieses Gefühl, auf der Flucht ständig anderen ausgeliefert zu sein, muss der blanke Horror sein.

Dieses Ausgeliefertsein ... Ich finde es ja einen ganz starken Moment, wenn die Flüchtlinge nachts im LKW sind, nach langer Fahrt geht endlich diese Tür auf, sie können wieder frische Luft atmen, und dann stehen da auf einmal diese Typen und sagen: Ihr seid noch nicht in Südafrika, aber wir können Euch dorthin bringen – wenn Ihr uns Geld gebt. In Deutschland war Jan Anwalt, aber was soll er sagen? Dass er sie verklagen wird? All die Mittel und Möglich- keiten, die wir hier haben, funktionieren in dieser Situation nicht. Da gibt es nur "Friss oder stirb". Total simpel.

12 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.