Wie die Marine auf die Recherchen reagierte

Gespräch mit Hannah und Raymond Ley

Hannah und Raymond Ley
Hannah und Raymond Ley beim Pressetermin zum Film "Tod einer Kadettin" im East Hotel Hamburg.

Der Film ist von einer wahren Begebenheit inspiriert. Wie entstand die Idee, die Geschichte aufzunehmen, und zu welchem Zeitpunkt kamen Sie zu dem Projekt hinzu?

Nico Hofmann hatte die Idee, den Stoff umzusetzen. Wir kamen zu den ersten Gesprächen im NDR dazu – für den wir schon eine Reihe von Filmen entwickelt und gedreht haben. Es war von Anfang an klar, dass wir den Stoff in der Form eines Spielfilms rein fiktional erzählen – plus einer Doku im Anschluss. Im Vorfeld haben wir in der Recherche Gespräche und Interviews mit den Eltern, Freunden etc. von Jenny Böken geführt, um mit diesem Wissen ganz klassisch den Stoff fiktional aufzubereiten und über die Figur der Lilly Borchert neu zu erzählen.

Was hat Sie an dem Stoff interessiert und welchen Ansatz haben Sie bei der Fiktionalisierung verfolgt?

Uns interessierte, wie junge Menschen ein militärisch geführtes Segelschulschiff erleben. Was das mit ihnen macht – wie die Gruppendynamik sich entwickelt. Wir wollten den Stoff dicht an der Figur des Mädchens Lilly erzählen – ihre Wünsche, ihren Ehrgeiz und so klar wie möglich die Erwartungen der Marine, der Eltern, der Kadetten an dieser Figur erklären und aufzeigen.

Das Drehbuch haben Sie beide gemeinsam geschrieben. Wie muss man sich die Zusammenarbeit zwischen Ihnen vorstellen – gab es eine klare Arbeitsteilung?

Hannah Ley: Wir verabreden die Schwerpunkte der Geschichte und gehen dann getrennt in Klausur. Oftmals arbeite ich dann alleine weiter.

Raymond Ley: Zum großen Teil kümmere ich mich um Recherche und Erzählhaltung beziehungsweise Bögen – manchmal gibt Hannah hier die Richtung vor oder wir vereinbaren ein gemeinsames erzählerisches Ziel. Es ist nicht so, dass Hannah die Frauen schreibt und ich die Männer – aber wir ahnen instinktiv, was wem liegen könnte.

Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen? Gab es auch Gespräche mit der Marine?

Es gab einige Hintergrundgespräche – aber ansonsten hat sich die Marine verweigert, mit uns zu sprechen oder uns mit Kadetten der Gorch Fock sprechen zu lassen. Die Marine bzw. die Bundeswehr setzt auf eine eher restriktive Informationspolitik. Von Offenheit keine Spur. Bisher konnte man sich immer hinter noch laufenden Prozessen verstecken – aber das ist nun ja auch vorbei. Da kommt man schnell auf die Idee: Die haben etwas zu verbergen.

Lilly ist ein eigenwilliger Charakter – nicht wirklich unsympathisch, aber auch nicht leicht zugänglich. Was war Ihnen bei der Figurenzeichnung wichtig?

Unsere Figur Lilly ist eigenwillig, manchmal vorlaut – sie bietet Angriffsflächen für Mobbing und Ausgrenzung. Uns war es wichtig zu zeigen, wie es für eine Figur wie Lilly ist, unbekanntes, militärisches Terrain zu betreten, in dem andere Regeln gelten, wo über Hierarchien Macht ausgedrückt wird und eine eigene Meinung eher hinderlich ist.

Herr Ley, für "Eine mörderische Entscheidung" haben Sie sich schon einmal mit dem Thema Bundeswehr auseinandergesetzt. Dieses Mal gewinnen die Zuschauer Einblicke in die Marine. Nach welchen Regeln funktionieren diese militärische Welt und die Menschen, die sich darin bewegen?

Hier herrscht ein Befehlston – hier soll der Einzelne sich nahezu "aufgeben", um der Gemeinschaft zu dienen. Das muss man wollen. Bei der Marine war das laut unseren Recherchen für Dokumentarfilm und auch Spielfilm immer noch Standard. Mit Frauen hatte man da noch nicht so viel Erfahrung und pflegte eher einen konservativen Macho-Betrieb, in dem die Männer – wie bisher geübt – den oftmals harschen Ton vorgaben.

Was stellte für Sie die größte Herausforderung im Rahmen des Drehs dar?

Ein Teil der Dreharbeiten fand zum Beispiel auf See statt. Sicherlich waren die Dreharbeiten auf dem Schiff schwierig – weniger wegen der Witterung beziehungsweise großer Übelkeit, eher im Bezug auf das Verstehen, wie Schiff, Marine und das dortige Miteinander funktionieren.

Maria Dragus zählt spätestens seit "Das weiße Band" und der Auszeichnung als "Europäischer Shooting Star" bei der Berlinale 2014 zu den spannendsten deutschen Nachwuchsschauspielerinnen. Welche Qualitäten zeichnen sie aus, die sie zur perfekten Besetzung für die Rolle der Lilly machen?

Maria ist ehrgeizig, extrem gut vorbereitet, diszipliniert – und zudem sehr talentiert. Sie weiß, wie sie in Szenen funktionieren kann.

Herr Ley, Sie haben ergänzend zum Spielfilm eine Dokumentation über den Fall Jenny Böken gedreht. Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus Ihren Gesprächen gewonnen haben?

Hier kommen die Eltern von Jenny Böken, ihre Freunde etc. und unter anderen der ARD-Journalist Jörg Hafkemeyer zu Wort, der in der Unglücksnacht an Bord der Gorch Fock war und der die Vorlage zur Journalisten-Figur ist, die im Spielfilm Miroslaw Baka mit großer Präsenz verkörpert. Der Spielfilm erzählt die fiktive Geschichte der Lilly Borchert in seinem sinnlichen Erleben, zeigt Unterwerfung, Chance und Niederlage, zeigt Selbstüberschätzung und Gruppendruck. Die Doku über Jenny Böken hingegen zeigt den faktischen Hintergrund einer großen Tragödie um ein Mädchen, welches nie hätte an Bord der Gorch Fock sein dürfen. Das hat niemand erkannt oder erkennen wollen.