Gespräch mit Elmar Fischer

Er führte Regie in "Unterm Radar"

Elmar Fischer
Heino Ferch, Regisseur Elmar Fischer und Christiane Paul beim Set-Termin des Fernsehfilms "Unterm Radar".

Kann man sagen, dass sich "Unterm Radar" an Ihr Regiedebüt "Fremder Freund" anschließt? In diesem Film aus dem Jahr 2003 erzählen Sie die Geschichte von dem Studenten Chris, der nach dem 11. September einen aus dem Jemen stammenden Freund verdächtigt, am Anschlag auf die Twin Towers beteiligt gewesen zu sein.

Ja, das kann man sagen. Tatsächlich habe ich mich nach dem ersten Lesen einer frühen Fassung gefragt, inwieweit "Unterm Radar" eine Dopplung zu "Fremder Freund" wäre. Natürlich gibt es Parallelen, zum Beispiel wenn die Mutter sich fragt, wie weit sie ihrer Tochter vertrauen kann. Aber es sind dann doch sehr unterschiedliche Filme. "Fremder Freund" ist ein Buddy-Movie, das von der Nähe und Entfremdung zweier Freunde erzählt. "Unterm Radar" hat – nicht nur aufgrund der BKA-Ebene – einen viel größer gefassten Rahmen. Wenn man die Entwicklung rund um den IS, die neue Ausformung des Terrors betrachtet, sind wir heute auch an einem anderen Punkt als 2003. Für mich ist "Unterm Radar" eher eine Art Fortschreibung von "Fremder Freund". Ich konnte auf etwas aufbauen, ohne es zu reproduzieren.

Wann ist das Projekt "Unterm Radar" zu Ihnen gekommen?

Vor vier Jahren. Ich glaube, die Produzentin Nicole Swidler hatte meinen WDR-Film "Im Dschungel" gesehen und fand ihn von der Machart eine gute Referenz für unseren Film. Es hat sich dann über die Jahre eine sehr vertrauensvolle und inhaltlich sehr intensive Zusammenarbeit mit ihr entwickelt.

"Im Dschungel" ist ein Wirtschaftsthriller, wie "Fremder Freund" und "Unterm Radar", also ein Film mit gesellschaftspolitischer Relevanz. Das scheint Ihr Thema zu sein ...

Wenn ich ein Buch angeboten bekomme, frage ich mich im ersten Schritt immer: Würde mich der Film als Zuschauer interessieren? Und diese Frage beantworte ich dann eher mit "Ja", wenn eine Ebene darin ist, die etwas mit unserem politischen Leben zu tun hat; mit dem, was in unserer Gesellschaft passiert. In "Unterm Radar" erzählen wir einen wahnsinnig emotionalen Stoff, gepaart mit einer gesellschaftsrelevanten Frage von wirklich großer Bedeutung, nämlich: Wie weit darf ein Staat gehen, um die Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten? Wie weit darf ein Staat gehen, um die Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten?

Die Emotionalität ist Ihnen auch wichtig?

Natürlich. Ein Film ohne Emotionen wäre wahnsinnig langweilig. In diesem Fall war die Hoffnung, dass man Leute mit einer wirklich packenden emotionalen Geschichte dazu verführt, sich mit etwas zu beschäftigen, mit dem sie sich bei einer rein abstrakten, faktenorientierten Betrachtung vielleicht gar nicht beschäftigen würden: weil es ihnen zu politisch ist oder weil es sie unangenehm berührt oder weil sie nicht wüssten, warum sie darüber jetzt nachdenken sollen. Das ist doch die Chance, die wir mit solchen Filmen haben: Wir verführen Menschen, sich auf andere Milieus, spannende Figuren und fremde Sichtweisen einzulassen, und bringen so den Kopf zum Arbeiten und zum Denken. Das ist der Grund, warum ich Filme mache. Wenn das gelingt, dann freut mich das und ich weiß, warum ich diesen Job mache.

Inwieweit hat Ihre Arbeit an "Unterm Radar" Ihre Sicht auf die Frage beeinflusst, wie weit der Staat gehen darf, um die Sicherheit seiner Bürger zu sichern?

Wenn man sich mit diesem Thema über eine längere Strecke auseinandersetzt, dann merkt man, dass es wahnsinnig viele Fragen gibt und leider sehr, sehr wenige gute Antworten. Bei allen berechtigten sicherheitsrelevanten Bedenken, die heute von Polizei, Justiz und Politik angeführt werden, ist für mich aber klar, dass wir bleiben sollten, was wir sind: ein freies, demokratisches Land, in dem sich jeder Einzelne entfalten darf und in dem das Recht des Einzelnen ähnlich stark gewichtet wird, wie die Pflicht, die Allgemeinheit zu schützen. Ich denke, dass uns dieses Thema noch lange begleiten wird. Leider.

Der BKA-Beamte Richard König verletzt in "Unterm Radar" geltende Grundrechte, weil er glaubt, damit die Terrorgefahr verkleinern zu können. Eine nachvollziehbare Position?

Natürlich muss man sich fragen, in welchem Maße man sich mit einer Figur, wie wir sie hier von Fabian Hinrichs gespielt sehen, identifizieren kann und will. Er spielt das ja auch in einem sehr eigenen Stil und mit einer sehr eigenen Note. Die Position, die Richard König vertritt, ist sicherlich nicht meine, aber ich kann durchaus verstehen, dass es Menschen gibt, die so denken wie er. Und ich glaube im Übrigen auch, dass in dem Augenblick, in dem man selbst vom Terror betroffen ist, die Karten noch einmal neu gemischt werden und man auf einmal einen anderen Blick auf das Thema entwickelt.

Die Bilder des 11. September haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Schockierend und verunsichernd sind auch die fiktiven Aufnahmen des explodierenden Busses in Ihrem Film. Wie wichtig sind derartige Bilder für den Terror?

Ich denke, sie sind der digitale Treibstoff der Terror-Industrie: Bilder, Videos, Ikonografie. Damit treiben sie sich selber an, rekrutieren Nachwuchs, verunsichern ihre Gegner. So altertümlich sich militante Dschihadisten oft geben, in diesem Punkt sind sie sehr modern. Und wir als westliche Gesellschaft haben noch nicht die richtige Antwort darauf gefunden.

Was musste berücksichtigt werden, um die Bilder vom Bus-Attentat so authentisch wirken zu lassen?

Videos von Attentaten stammen meist von Handy- oder Überwachungskameras. Also mussten wir uns in unseren Produktionsmitteln selbst reduzieren und sagen: Wir lassen das „große Besteck“, das man bei solchen Produktionen hat, links liegen und drehen das jetzt auch mit solchen Kameras. Man sprengt also einen Bus in die Luft, hat einen Drehtag, der wahnsinnig teuer ist, und kommt da mit Kameras angerückt, die von Touristen sein könnten. Das ist schon eine seltsame Sache, einzusehen, dass es das braucht, um glaubwürdig zu bleiben. In Vorbereitung dieses Drehtages habe ich ausgiebig im Internet recherchiert und nach Aufnahmen von echten Explosionen gesucht.

Sind Sie fündig geworden?

Man findet da eine ganze Menge, sogar auf YouTube. Ich habe dann unter anderem dem Kameramann und dem Sezenenbilder eine Email mit mehr als zehn Links geschickt, damit alle wissen, wie so etwas in der Realität aussieht. Und ich wollte gerade auf "Senden" drücken, da fiel mir ein, dass das doch irgendwie total verdächtig ist, wenn da jemand eine Email mit zehn Explosionen durch die Welt schickt. Also habe ich noch schnell dazugeschrieben: "Da ich davon ausgehe, dass einige Geheimdienste diese Email mitlesen, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass es hier lediglich um die Vorbereitung eines Fernsehfilms geht und die Darstellung eines solchen Anschlags." Keine Ahnung, ob es irgendwer gelesen hat und ob man mir das sofort geglaubt hat.

Vor welche Herausforderungen hat Sie "Unterm Radar" noch gestellt?

Wir bewegen uns in diesem Film ja in verschiedenen Welten. Wir haben zu Beginn diese bürgerlich liberale Richterinnenwelt, in der alles total in Ordnung ist und die für sich genommen wie ein Kokon funktioniert. Und wir haben auf der anderen Seite diesen völlig überforderten, hektischen, hochtechnologisierten BKA-Komplex. Und diese Welten miteinander in einen Rahmen zu setzen und immer mal wieder miteinander zu verbinden, das fand ich erst mal konzeptionell eine Herausforderung. Wir mussten sehr viele Überwachungsvideos produzieren. Und wir wollten sie auf der großen Monitorwand im BKA sehen. Das war auch logistisch fast schon eine Denksportaufgabe. Denn wenn Christiane Paul auf der Monitorwand des BKA in ihrer Wohnung zu sehen ist, muss das vorher gedreht worden sein. So etwas ist vom Drehplan her wirklich schwierig hinzukriegen. Eine normale Filmproduktion funktioniert so nicht. Da geht man pragmatisch vor, versucht die Dinge einfach zu halten. Hier hatten wir ein komplett neues Koordinatensystem.

Mit Heino Ferch haben Sie auch "Im Dschungel" gedreht. Wie wichtig war Ihnen, dass er den BKA-Beamten Heinrich Buch spielt?

Sehr wichtig. Ich mag Heinos Art sehr, seine Präsenz, seine Kraft und Rauheit und wie er sich in Figuren hineinbewegt. Die Figur des alkoholkranken BKA-Abteilungsleiters Heinrich Buch in unserem Film hat er ganz reduziert und klein gespielt, und dadurch wirkt seine Darstellung so stark und wahrhaftig. Ich finde, er gibt dieser Figur eine schöne Tiefe und weiche Härte, insofern es so etwas gibt.

Und Christiane Paul?

Sie trägt diesen Film. Er lebt von ihr. Von ihren Emotionen, ihre Suche und ihrem Kampf um die verschwundene Tochter. Das treibt den Film an und macht ihn spannend. Es war beeindruckend zu sehen, wie Christiane auch in schwierigsten Szenen die Gratwanderung gelungen ist, die Verzweiflung und Wut der Richterin adäquat und wahrhaftig zu zeigen, ohne dabei ins Melodramatische zu kippen. Ab Minute 17 hat sie ohne Maske gespielt, weil sie gesagt hat: Diese Figur ist so mitgenommen von dem, was da passiert, dass man das auch sehen muss. Das ist großartig, wenn Schauspieler über eigene Eitelkeiten hinwegsehen und so für einen Film leben.

Besonders unter die Haut geht die Szene, in der Elke Seeberg sich das Video aus der Kindheit ihrer Tochter anschaut und weint.

Ich hatte einen Kloß im Hals, als wir das gedreht haben. Man fühlt so mit Christiane und mit ihrer Figur. Wir hatten das große Glück, dass das ein echtes Video ist, also ein Video aus der Kindheit der Schauspielerin Linn Reusse. Wenn wir das mit einem anderen Kind nachgedreht hätten, dann hätte das nie so echt gewirkt.

Mit Linn Reusse hatten Sie zuvor schon die Bloch-Folge "Die Geisel" gedreht.

Ja, dieses Mal hatte sie eine kleinere Rolle, und trotzdem hat sie sich wahnsinnig für den Film engagiert und viel gegeben. So etwas wie mit dem Video ist ja nicht selbstverständlich. Auch die Zusammenarbeit mit den anderen Schauspielern war immer voller Vertrauen und Hingabe für das Projekt.

Es fällt auf, dass auch die kleineren Rollen sehr prominent besetzt sind.

Ich habe noch nie erlebt, dass man selbst kleine Rollen sehr prominenten Schauspielern angeboten hat und alle sofort "Ja" gesagt haben, manchmal sogar innerhalb von zwei Stunden. Wir haben das Buch rausgeschickt, sie haben es einmal gelesen, zum Hörer gegriffen und zugesagt, weil sie das Buch so toll fanden und meinten, dass man das, was wir erzählen wollten, unbedingt erzählen muss. So hat sich dann auch die Zusammenarbeit entwickelt, ob das jetzt mit Hans-Werner Meyer, Matthias Matschke, Inka Friedrich oder Kirsten Block war – im Glauben daran, dass wir hier etwas wirklich Wichtiges machen.

Sie sind immer noch begeistert von den Dreharbeiten ...

Es gibt ja diese fast neun Minuten lange Verhörszene. Als wir den Drehplan gebaut haben, hieß es: Okay, da planen wir jetzt zwei Tage für ein. Ich wollte aber, dass wir das an einem Tag durchziehen, und wenn die Schauspieler nach einer gewissen Zeit Ermüdung verspüren, ist das auch gut so, weil das mitten in der Nacht spielt und ihre Figuren dürfen müde sein und fertig. Ich habe dann mit den Schauspielern besprochen, ob sie sich das zutrauen, und alle waren sofort dabei. Also haben wir uns sonntags hingesetzt und die Szene einen halben Tag lang geprobt und sie am nächsten Tag mit zwei Kameras gedreht. Das hat sehr geholfen, dass man eine solch intensive, kraftraubende Szene, in der so viel verhandelt wird und so viel in der Luft liegt, tatsächlich an einem Tag drehen kann. Das geht nur, wenn man Schauspieler hat, die voll mitziehen und sich voll einer Geschichte unterordnen.