Fragen und Antworten zum Thema Kindesmissbrauch

Was ist sexueller Kindesmissbrauch?

Sexueller Missbrauch von Kindern (Personen unter 14 Jahren) liegt vor, wenn ein Erwachsener oder Jugendlicher durch seine Autorität und seine körperliche oder geistige Überlegenheit die Unwissenheit, das Vertrauen oder die Abhängigkeit eines Kindes ausnutzt, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Tat betont die körperliche, seelische, geistige oder sprachliche Unterlegenheit des Kindes und wird gegen seinen Willen vorgenommen.

Missbrauch hat viele Facetten. Hierzu gehört beispielsweise, wenn ein Täter ein Kind

  • mit obszönen Redensarten belästigt (z.B. persönlich, mit einem Telefonanruf, per Mail oder in den Sozialen Netzwerken.),
  • zur eigenen sexuellen Erregung anfasst,
  • zwingt oder drängt, ihn anzufassen und sexuell zu manipulieren,
  • ihn nackt zu betrachten oder bei sexuellen Handlungen zuzusehen,
  • für pornografische Zwecke missbraucht oder pornografisches Material vorführt,
  • im Intimbereich berührt (Scheide, Po, Brust bei Mädchen oder Po und Penis bei Jungen) oder zu oralem, analem oder vaginalem Geschlechtsverkehr zwingt, also vergewaltigt.

In der Regel nötigt der Täter sein Opfer dazu, die Handlungen zu verschweigen, indem er es psychisch unter Druck setzt.

Wie sind die strafrechtlichen Schutzvorschriften?

Sexueller Missbrauch an Kindern unter 14 Jahre ist durch das Strafgesetz § 176 StGB geregelt.

14- bis 18-Jährige werden durch den § 174 StGB (sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen) vor sexuellen Übergriffen durch Personen geschützt, von denen sie abhängig sind (Schule, Erziehungsinstitution, Familie, Sport, Beruf).

Ab 18 Jahren gelten sexuelle Handlungen nicht mehr als Missbrauch. Sie bleiben aber strafbar, wenn Verwandte miteinander Geschlechtsverkehr haben (§173 StGB) bzw. wenn eine sexuelle Nötigung bzw. Vergewaltigung vorliegt (§177 StGB). 

Strafmaßnahmen

Sexueller Missbrauch von Kindern wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren bestraft.

Paragraph 184 StGB regelt das Verbot, Produkte mit kinderpornografischen Inhalten zu besitzen oder für andere zu beschaffen. Wer entsprechendes Material besitzt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren rechnen.

Gesetzesentwurf gegen Kinderpornografie: Das Bundeskabinett beschloss im September 2014 einen neuen Gesetzesentwurf gegen Kinderpornografie. Demnach soll der Besitz von Kinderpornografie künftig härter bestraft werden. Damit will Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) eine Strafbarkeitslücke beim Schutz von Kindern schließen. Auch die Verjährungsfristen von Sexualstraftaten sollen sich verlängern. Die strafrechtliche Verjährungsfrist bei Sexualdelikten wird nach dem Entwurf nicht mehr ab dem 21., sondern erst mit Vollendung des 30. Lebensjahres des Opfers einsetzen. (Schwerer sexueller Missbrauch verjährt im Strafrecht nach 20 Jahren.) Außerdem macht sich künftig strafbar, wer unbefugt Nacktbilder aufnimmt und verbreitet.

Mehr zu Kinderpornografie auf tagesschau.de.

Gibt es Symptome, die auf sexuellen Missbrauch hindeuten?

Die Frage beantworten Experten mit einem klaren "Nein". Denn nach einem erlebten Missbrauch reagiert jedes Kind anders. Meist können Jungen und Mädchen nicht offen darüber reden. Sie fühlen sich nach einem Missbrauch fast immer schuldig, sie schämen sich und wollen das "Geschehene" geheim halten.

Allerdings gibt es Anzeichen körperlicher Art, die auf einen Missbrauch hindeuten können. Dazu zählen Verletzungen wie Kratzer oder Griffspuren, Schürfwunden, blaue Flecken und Verletzungen des Genital- und Analbereichs, Harnwegsinfekte, Juckreiz im Genitalbereich oder Pilzbefall. Weitere mögliche Hinweise sind ein verändertes soziales Verhalten wie Aggression oder sozialer Rückzug, Rückfall in frühkindliche Verhaltensweisen, Ess- oder Schlafstörungen, Bettnässen, Stimmungsschwankungen oder Ängste, Leistungsabfall, Ruhelosigkeit oder Nervosität. Auch fügen sich manche Mädchen oder Jungen nach erlebtem Missbrauch Verletzungen zu, reißen von zuhause aus oder bleiben von der Schule fern.

Aber keines der Symptome ist typisch für sexuellen Missbrauch. Welche Ursache auch immer hinter Veränderungen eines Kindes stecken, sie sollten von Eltern und Pädagogen als Signal ernst genommen werden. 

Gibt es ein Täterprofil?

Auch diese Frage beantworten Experten mit "Nein". Täter sind nicht die "bösen fremden Männer", oft kennen sich Täter und Opfer persönlich. Sexueller Missbrauch findet vor allem im sozialen Umfeld der Kinder und Jugendlichen in der Familie, in der Schule oder im Verein statt.  Täter stammen aus allen sozialen Schichten und leben sowohl hetero- als auch homosexuell. Sexueller Missbrauch findet in etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle durch Männer statt. Frauen vergehen sich also seltener sexuell an Kindern, auch wenn die Tat in diesen Fällen gleichermaßen schwer wiegt.

Prof. Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Berliner Charite
Klaus Beier

Mit Menschen, die Kinder sexuell missbraucht haben, hat sich Prof. Klaus M. Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité und Initiator des Präventionsprojektes "Dunkelfeld/Kein Täter werden", klinisch und wissenschaftlich auseinandergesetzt. Er kommt zu folgenden Erkenntnissen:

"Was es gibt, ist fundiertes Wissen über die Hintergrundproblematik von Tätern, die Kinder sexuell missbrauchen. Danach liegt bei einem Teil der Täter – den vorliegenden Daten zufolge sind es ungefähr 40 Prozent – eine sexuelle Präferenzstörung vor, d.h. es besteht eine sexuelle Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema (Pädophilie) oder das frühpubertäre Entwicklungsalter (Hebephilie). Bei etwa 60 Prozent der Täter besteht keine Präferenzstörung, sondern eine sexuelle Ansprechbarkeit für das erwachsene Körperschema. Die sexuellen Übergriffe sind in diesen Fällen Ersatzhandlungen für eigentlich gewünschte Sexualkontakte mit altersentsprechenden Partnern." Nur durch Untersuchung der Betroffenen könne man zu einer diagnostischen Einschätzung gelangen, erklärt Prof. Beier.  

"Männer mit sexueller Präferenzstörung sind nicht <<von außen>> zu erkennen. Den Erfahrungen des Präventionsprojektes Dunkelfeld zufolge sind sie allerdings häufiger in Berufen anzutreffen, die sie mit Kindern oder Jugendlichen in Kontakt bringen, wie beispielsweise Lehrer, Erzieher, Trainer etc."

Zum Skandal an der Odenwaldschule kommt Prof. Beier zu folgendem Schluss:

»Die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule lösen durch die zahlreichen bekannt gewordenen Opfer die Vermutung aus, dass bei den Tätern eine Präferenzstörung vorlag, die unter Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen an Schülern ausgelebt wurde.«

Quellen:

Polizeiliche Kriminalprävention

Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Gesetzesvorlagen, Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz

Hilfeportal vom Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz