Produzent Hans-Hinrich Koch über "Die Auserwählten"

"Wirksame Prävention lebt vom tiefen Verständnis dessen, wogegen es zu schützen gilt."

NDR-Produzent Hans-Hinrich Koch
NDR-Produzent Hans-Hinrich Koch

Als ich Ende 2010 darüber nachdachte, die Fälle sexuellen Missbrauchs in verschiedenen Bildungseinrichtungen zum Thema eines Spielfilms zu machen, waren das Canisius-Kolleg, das Kloster Ettal und die Odenwaldschule schon wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Das Thema schien in der breiten Öffentlichkeit angekommen und auch abgehandelt zu sein. Doch so umfangreich die Berichterstattung in den Medien insbesondere zum Fall der Odenwaldschule war, ich konnte mir nicht erklären, wie es Lehrern möglich war, mindestens 132 Kinder und Jugendliche über so einen langen Zeitraum zu missbrauchen.

Emotionales Verstehens der Zusammenhänge

Im Januar 2011 bekam ich zufällig den Rohschnitt des Dokumentarfilms "Und wir sind nicht die Einzigen" von Christoph Röhl in die Hand. Der Film ließ mich Zusammenhänge nicht nur auf der sachlichen Ebene nachvollziehen, sondern auf eindringliche Weise nachfühlen. Denn in den schmerzhaft konkreten Schilderungen der interviewten Betroffenen wurde erkennbar, dass sie nicht allein Opfer pädosexueller Verbrecher wurden, sondern auch eines machtvollen Missbrauchssystems – bestehend aus dem unseligen Zusammenspiel von Täterstrategien und Mechanismen des Leugnens durch das gesamte Umfeld. Um Missbrauch nachvollziehen zu können, braucht es neben dem Wissen um die Fakten offensichtlich auch die Möglichkeit eines emotionalen Verstehens der Zusammenhänge.

Intensive Recherchen

Emotional zu involvieren ist eine Stärke fiktionalen Erzählens. Vor allem, wenn es gelingt, den Zuschauer komplexe Zusammenhänge aus den jeweiligen Figurenperspektiven miterleben zu lassen. Dieses Talent bewundere ich seit langem bei den Drehbuchautoren Sylvia Leuker und Benedikt Röskau. Gemeinsam mit Christoph Röhl, unserer Dramaturgin Anke Krause und unserem Redakteur Götz Schmedes begaben wir uns in einen rechercheintensiven Buchentwicklungsprozess. Dabei war von Anbeginn klar, dass ein einzelner Film niemals das ganze Ausmaß pädosexueller Verbrechen an der Odenwaldschule schildern kann. Aber in der Möglichkeit der fiktionalen Verdichtung lag die Chance, jene Aspekte eines Missbrauchssystems nachvollziehbar zu machen, die die völlige Hilf- und Hoffnungslosigkeit der Schüler erklärt.

Die Auserwählten: Franks Vater Helmut (Rainer Bock) glaubt lieber Schulleiter Pistorius (Ulrich Tukur) als Petra Grust (Julia Jentsch).
Petra Grust (Julia Jentsch) kann Franks Vater Helmut (Rainer Bock) nicht davon überzeugen, dass Schulleiter Pistorius (Ulrich Tukur) seinen Sohn missbraucht.

Aus diesem Grund erzählt der Film auch vom Scheitern einer Hauptfigur. Bis zum Ende des Films ist die junge Lehrerin niemals eine Hilfe, kann den Missbrauch nicht verhindern und zeigt so die hoffnungslose Lage, weil die betroffenen Schüler eben auch in der Wirklichkeit keinerlei Hilfe erwarten durften. Letztlich ist dies auch ein Hinweis darauf, wer das Schweigen am Ende durchbrach: die Betroffenen selber. Mit ihrem Mut, ihrer Konfliktbereitschaft und ihrem Leidensdruck bewirkten sie allein die Offenlegung des Skandals.

Beitrag zur Aufarbeitung?

Dem Zuschauer diese Hoffnungslosigkeit zuzumuten, gebot die Authentizität, der wir uns verpflichtet fühlten. Ich bin daher auch froh, dass es am Ende eines kontroversen Gesprächsprozesses mit der Schulleitung, dem Trägerverein, der Lehrer- und Elternschaft gelang, den Film auf dem Gelände der Odenwaldschule drehen zu können. Und zwar ohne sie dabei in einen inhaltlich unabhängigen Entwicklungsprozess des Drehbuchs einzubeziehen. Die Skepsis, mit der das Filmvorhaben von einigen Beteiligten betrachtet wurde, macht deutlich, dass der Aufarbeitungsprozess noch im Gange ist. Und mit ihm eine wichtige Debatte um die Erfordernisse wirksamer Prävention. Ich wäre glücklich, wenn der Film einzelne Aspekte solcher Missbrauchssysteme vertiefen und einer breiteren Öffentlichkeit verständlich machen kann. Denn wirksame Prävention lebt vom tiefen Verständnis dessen, wogegen es zu schützen gilt.