Die Drehbuchautoren Sylvia Leuker und Benedikt Röskau im Gespräch

"Keiner wollte derjenige sein, der diese so hoch gelobte Schule schlecht macht"

Wie kam es zu dem Entschluss, über den systematischen Missbrauch an der Odenwaldschule, einer Vorzeige-Einrichtung der Reformpädagogik, ein Drehbuch für einen Fernsehfilm zu schreiben?

Sylvia Leuker: Produzent Hans-Hinrich Koch hat uns Anfang 2011 angesprochen, weil wir viel Erfahrung mit zeitgeschichtlichen und schwierigen Stoffen haben.

Es gibt ja bereits zwei Dokumentationen über dieses Thema; was kann ein Fernsehfilm, was eine Dokumentation nicht kann?

Benedikt Röskau: Fiktion kann viel mehr Identifikation und Empathie für handelnde Figuren schaffen. Der Zuschauer versetzt sich in die Charaktere, er empfindet viel stärker mit, leidet und hofft mit den Figuren. Ein Spielfilm schafft außerdem eine viel größere Aufmerksamkeit als jedes andere Format.

Die Auserwählten: Leon Seidel ist Frank Hoffmann.
Leon Seidel spielt den 13-jährigen Frank Hoffmann, einen der missbrauchten Jungen von damals.

Eine der beiden Dokumentationen stammt von Christoph Röhl ...

Sylvia Leuker: Er kommt ja vom Spielfilm, und er war von Anfang an der Regisseur für unseren Film. Für uns war es spannend, dass Röhl als Tutor selbst an der Odenwaldschule war. Er kannte einige Opfer persönlich, was ihn auch zu seiner großartigen Dokumentation motiviert hat.

Wie nah sind Sie mit Ihrem Film an der Realität?

Benedikt Röskau: Der Film ist überaus nah an der Realität. Aber ein Fernsehfilm, der nach der Tagesschau läuft, muss ab 12 Jahren freigegeben sein. Da kann man nicht die ganze Drastik der Vorgänge im Bild zeigen. Aber das war auch nie unser Ziel: Es ist viel verstörender, wenn diese Bilder im Kopf des Zuschauers entstehen ...

Wo lauern die Gefahren, wenn man reale Begebenheiten fiktionalisiert?

Sylvia Leuker: Man darf sich nicht darauf verlassen, dass die Wiedergabe der Wirklichkeit für sich schon spannend und berührend genug ist – egal wie krass ein Ereignis war. Die Handlungen müssen emotional sehr gut miteinander verwoben und verdichtet werden. Und man braucht einen echten, dramatischen Zugang zu dem Thema. In unserer Geschichte ist das: Missbrauch hört nie auf, seine Wirkung hält ein Leben lang an.

Muss man in Kauf nehmen, dass ehemalige Schüler beziehungsweise Lehrer auch mit Blick auf Details sagen könnten: So war es gar nicht?

Die Auserwählten: Frank (Leon Seidel) wird immer wieder von Simon Pistorius (Ulrich Tukur) missbraucht.
Im Film: Immer wieder demütigt der Schulleiter den jungen Frank.

Benedikt Röskau: Es gibt nie die eine und einzige richtige Darstellung solch komplexer Geschichten, und dann erzählen wir das alles auch noch in 90 Minuten! Jeder Film zeigt nur exemplarische Ausschnitte der Wirklichkeit. Die Vorgänge um Gerold Becker und andere Täter fanden über Jahrzehnte statt. In dieser Zeit hat sich die Odenwaldschule immer auch verändert – außen wie innen.

Sylvia Leuker: Und natürlich hat jeder Schüler und jeder Lehrer seine ganz eigene, subjektive Perspektive. Es gab mindestens 132 Opfer, die alle ihre sehr persönliche Geschichte haben. Während für einige Schüler diese Schule ein Paradies war, war es für andere die Hölle. Das war die Bandbreite der Erfahrungen, denen wir begegnet sind.

Wie haben Sie für das Drehbuch recherchiert? War die Recherche in diesem Fall besonders belastend?

Benedikt Röskau: Wir haben jede Menge Dokumente und Archivmaterialien ausgewertet und waren natürlich an der Schule. Wir haben Interviews mit betroffenen Schülern von damals geführt. Und wir haben mit ehemaligen Lehrern gesprochen. Alle Gespräche waren extrem berührend, viele haben uns schwer erschüttert. Für uns war das die bisher komplexeste und persönlich am meisten berührende Arbeit.

Seite 2: Die Figuren und das Ziel des Films

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