Die Rolle der Lehrerin – Julia Jentsch im Gespräch

Julia Jentsch in ihrer Rolle als Petra Grust.
Julia Jentsch in ihrer Rolle als Petra Grust.

Wie sehen Sie Ihre Figur: als Heldin oder als Gescheiterte?

Das Wort "Heldin" finde ich schwierig in diesem Kontext, weil es in den realen Vorkommnissen keine Helden gab. Das war ja das Schreckliche. Und wenn es Helden gab, dann waren es eindeutig die Betroffenen, die den Mut hatten, ihr Schweigen zu brechen. Und auch dann hat es ewig gedauert, bis das Umfeld überhaupt bereit war, zuzuhören. Für mich passen also beide Begriffe nicht so richtig. Ich würde bei Petra eher von einer Hauptfigur sprechen. Sie ist eine Person, die ihren Beruf sehr ernst nimmt, und das sowohl im Bereich des Lehrens als auch in der Verantwortlichkeit für die Schüler. Also sieht sie die Schüler mit ihren Bedürfnissen, Gefühlen und Verletzungen. Sie ist aufmerksam und vertraut immer mehr ihrer Wahrnehmung, dass hier etwas nicht stimmt, dass es vielen Kindern gar nicht gut geht, dass die Kinder missbraucht werden. Sie scheitert mit ihrem Ziel des Berufsverbots für den Schulleiter und bekommt keinerlei Unterstützung im Kollegium, aber sie versucht es mutig und macht den Mund auf. Später ist sie eine große Stütze und Hilfe für die ehemaligen Schüler und Opfer, die es als die wahren Helden geschafft haben, mit der schrecklichen Wahrheit an die Öffentlichkeit zu gehen.

Inwieweit haben Sie sich mit den realen Vorgängen an der Odenwaldschule beschäftigt?

Der Dokumentarfilm von Christoph Röhl hat mir einen wichtigen Einblick in das Thema gegeben und das System aufgezeigt, in dem der Missbrauch stattfindet. Die Berichte der Betroffenen haben mich tief berührt und für das Spielen dieser Rolle natürlich sehr geholfen.

In der Rahmenhandlung sehen wir Ihre Figur im Jahr 2010; hat das Wissen, welchen Weg Petra gehen wird, Ihre Charakterzeichnung beeinflusst?

Die Auserwählten: Petra Grust (Julia Jentsch) befällt mit der Zeit ein schrecklicher Verdacht.
Petra Grust (Julia Jentsch) kommt nach und nach hinter die dunklen Geheimnisse der Schule.

Ja, das gehört natürlich zusammen, die junge und die ältere Petra. Das Wissen, dass sie den Beruf wechselt und dass sie erst zögert, die ehemaligen Schüler zu unterstützen, das gehört alles zu dieser Person und fließt in das Bild von der Rolle mit ein. Ich war erst sehr skeptisch, als ich hörte, dass die ältere Petra von einer anderen Schauspielerin gespielt werden soll. Aber so wie Johanna Gastdorf das spielt, passt es genau zusammen, wie ich finde.

Der Film wird von damaligen Lehrern der Odenwaldschule und von Opfern des systematischen Missbrauchs gesehen werden; was löst das in Ihnen aus?

Die Hoffnung, dass die Betroffenen diesen Film annehmen und sich richtig wahrgenommen fühlen. Dass er einen Beitrag leistet zum Erkennen von Missbrauchsfällen und dass er zu einem mutigeren und offeneren Umgang mit diesem Thema und zu einem größeren Verständnis für die Not und die Situation der Betroffenen führt.

Wie hilfreich war es, dass der Film an Originalschauplätzen gedreht wurde?

An Originalschauplätzen drehen zu dürfen empfinde ich immer als sehr besonders. Es schafft eine große Unmittelbarkeit. In diesem Fall finde ich es dazu sehr mutig und wichtig, dass die OSO die Dreharbeiten in ihren eigenen Räumen erlaubt hat.

Hat Sie diese Hilf- und Machtlosigkeit, die Petra verspürt, als Schauspielerin und junge Mutter mitgenommen?

Ja. Und das konnte ich wiederum für die Rolle der Petra mitnehmen.