Regisseur Christoph Röhl über Wahrheit, Fiktion und Aufarbeitung

"Dieses Thema hat mich einfach nicht mehr losgelassen"

Christoph Röhl, Julia Jentsch und NDR-Produzent Hans-Hinrich Koch
Christoph Röhl, Julia Jentsch (sie spielt die Lehrerin Petra) und NDR-Produzent Hans-Hinrich Koch

Herr Röhl, erst die Dokumentation "Und wir sind nicht die Einzigen", jetzt der Fernsehfilm "Die Auserwählten". Sie arbeiteten von 1989 bis 1991 als Tutor an der Odenwaldschule (OSO). Ist Ihr Interesse für dieses Thema also auch autobiografisch bedingt?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, wenn ich nicht an der OSO gewesen wäre, hätte ich diesen Dokumentarfilm nicht gemacht, und dieser Dokumentarfilm hat mich als Mensch gründlich verändert. Ich habe in den Abgrund geguckt, und das war für mich eine Art Wendepunkt in meinem Leben. Wenn man mit den Opfern einmal gesprochen, die Berichte von dem Grauen, das sie erlebt haben, einmal gehört hat, dann gibt es kein Zurück mehr. Für mich war das der Ansporn, erst einmal diesen Dokumentarfilm hinzukriegen – was ja ungemein schwer war, weil keiner ihn finanzieren wollte – und als zweites diesen Fernsehfilm zu machen.

Wie kam es dazu, dass Sie nach der Dokumentation das Thema OSO noch einmal aufgegriffen haben?

Der Dokumentarfilm hat mir klar gemacht, wie komplex dieses Thema überhaupt ist. Ich habe mich damals ja auf eines der großen Themengebiete konzentriert, und zwar: Was ist Missbrauch, was passiert da, beschrieben aus der Sicht der Betroffenen. Der Fernsehfilm konzentriert sich jetzt auf die anderen großen Themen.

Welche Themen meinen Sie, und was sprach dafür, sie fiktional aufzubereiten?

Nach meinem Dokumentarfilm hat mich zunehmend die Frage beschäftigt: Warum reagiert das erwachsene Umfeld mit Abwehr, wenn es von einem Missbrauchsfall erfährt? Und: Wie schaffen es die Täter überhaupt, ihr Umfeld so dermaßen zu manipulieren, dass es nicht mal bereit ist, den Aussagen von Kindern zu glauben? Dieses Thema hätte ich womöglich in einem weiteren Dokumentarfilm behandeln können. Nur schien mir ein Spielfilm besser dafür geeignet, weil man damit gezielter psychologisch komplexe Mechanismen wie zum Beispiel Verleugnung und Verdrängung behandeln kann. Und außerdem: Wie kann man besser zeigen, dass sich ein Umfeld wegduckt, als durch die Geschichte einer Figur, die langsam auf Missstände in einem geschlossenen System aufmerksam wird, aber nirgendwo Gehör findet?

Was passierte zwischen Dokumentation und Fernsehfilm?

Nach dem Dokumentarfilm war ich als Filmemacher an einem großen eLearning-Projekt beteiligt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ins Leben gerufen worden war – mit dem Ziel, Lehrer, Ärzte und Krankenschwestern zu unterrichten, wie sie mit Missbrauch umgehen sollen. Dafür habe ich noch mal 50 weitere Interviews geführt – mit Experten, mit anderen Betroffenen – und mir ein Riesenwissen angeeignet. Dieses Thema hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Anschließend sah ich die Möglichkeit, mich in einem Spielfilm den Themen zuzuwenden, die ich in meiner Dokumentation nur am Rande bearbeitet hatte.

Was sprach für die Autoren Benedikt Röskau und Sylvia Leuker?

Hans-Hinrich Koch, der Produzent, ist auf die Autoren zugegangen. Der Grund dafür war, dass Benedikt Röskau es verstanden hat, mit "Contergan" ein schwieriges, sozial relevantes Thema emotional für ein breites Publikum aufzubereiten. Benedikt war sich allerdings anfangs unsicher, ob er sich mit einem so belastenden Thema wie sexueller Kindesmissbrauch beschäftigen wollte. Dann hat aber seine Frau Sylvia Leuker, die ebenfalls Drehbücher schreibt, Feuer für das Thema gefangen und Benedikt vorgeschlagen, gemeinsam an dem Projekt zu arbeiten. Ich hatte es also mit einem Autoren-Team zu tun, und das war auch gut so, denn es war eine tolle Zusammenarbeit. Hans hat mit Sylvia und Benedikt eine sehr gute Wahl getroffen.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie als ehemaliger Tutor mit all dem Wissen über den systematischen Kindesmissbrauch an die OSO zurückkehren?

Man hat schon jedes Mal ein mulmiges Gefühl, wenn man dort nach längerer Zeit wieder hinfährt. Aber wenn man da ist – ich weiß nicht, das ist schon sehr, sehr idyllisch. Dieses Tal ist ja unglaublich schön.

Odenwaldschule
Die Odenwaldschule (ODS) in Ober Hambach bei Heppenheim in Hessen.

Wie wichtig war, dass Sie den Film am Originalschauplatz drehen konnten?

Wahnsinnig wichtig. Abgesehen von der tollen Besetzung ist die OSO – dieser Ort, dieses Motiv – der Star. Eindeutig. Ich wüsste nicht, wie man den Film ohne diesen Drehort hätte machen können. Die Schule hat mit ihren Hexenhäuschen etwas Märchenhaftes, das ist wie eine Gebrüder-Grimm-Welt. Nach außen hin ist alles irrsinnig idyllisch, aber hinter den Fassaden sehr dunkel. Und es ist für mich als Filmemacher natürlich ein Geschenk, damit spielen zu können – nicht zuletzt deshalb, weil diese Doppelbödigkeit inhaltlich etwas mit dem Missbrauch zu tun hat.

Inwieweit?

Alle Missbrauchstäter, alle Missbrauchsinstitutionen manipulieren die Wahrnehmung der Gesellschaft. Sie blenden sie. Nach außen hin ist alles schön und wunderbar und paradiesisch, aber hinter den Wänden findet das Grauen statt.

Wie haben die für die OSO verantwortlichen Personen auf Ihre Bitte reagiert, den Film dort drehen zu können?

Ich habe mit der damaligen kommissarischen Schulleiterin Katrin Höhmann lange telefoniert, die persönlich dem Projekt aufgeschlossen gegenüber stand, mir in ihrer Funktion als Schulleiterin aber zunächst kritische Fragen stellte. Ich glaube, ich habe sie dann mit dem Argument überzeugt, dass es bei diesem Thema unbedingt nötig ist, dass offen darüber gesprochen wird. Geholfen hat natürlich auch, dass die Entscheidungsträger Vertrauen zu mir hatten und meinen Dokumentarfilm gut fanden. Der Vorstandsvorsitzende des OSO-Trägervereins, Gerhard Herbert, war jedenfalls von Anfang an für die Dreherlaubnis und hat sie gegen viele Widerstände durchgeboxt.

Nun werden alle Ihren Film sehen – Eltern, Lehrer, Funktionäre und vor allem auch die Betroffenen. Das ist schon eine große Verantwortung, finden Sie nicht?

Sicher. Aber ich bin der Meinung, dass ich dieser Verantwortung gerecht geworden bin, allein schon dadurch, dass ich mich in dieses Thema so dermaßen bis ins kleinste Detail eingearbeitet habe. Ich habe alles sehr gründlich recherchiert und würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass in diesem Film nichts gelogen ist. Obwohl das Thema auf eine fiktionale Art aufgearbeitet ist, ist alles, was zu sehen ist, in der Essenz richtig.

Wie real sind die handelnden Personen?

Jede Figur speist sich aus realen Biografien. Aber es sind Zusammensetzungen aus verschiedenen Persönlichkeiten.

Auch Petra?

In gewisser Weise schon. In ihr ist zum Beispiel viel von mir. Die Art, wie ich die Schule wahrgenommen habe, wie begeistert ich von ihr war, wie ich dieser exotischen Welt langsam nähergekommen bin ... Ich war damals 21 und in gewisser Weise ein Außenseiter. Ich fand einige Dinge durchaus merkwürdig und habe sie auch angesprochen – genauso wie Petra in der Geschichte. Das hat schon auch etwas mit mir zu tun.

Seite 2: Röhl über eigene Erfahrungen und Erwartungen

Blättern

Seite 1 | 2