"Hinweise gibt es nahezu immer."

Interview mit Ursula Enders, Leiterin der Beratungsstelle "Zartbitter"

Frau Enders, wenn man bedenkt, dass 95 Prozent der Missbrauchsfälle durch Täter aus dem direkten Umfeld begangen werden, stellt sich die Frage: Wie lässt sich sexueller Missbrauch überhaupt verhindern?

Die Leiterin von Zartbitter e.V., Ursula Enders
Die Leiterin von Zartbitter e.V., Ursula Enders

Mädchen und Jungen sind darauf angewiesen, dass alle, die mit ihnen leben und arbeiten, ihre persönlichen Grenzen achten und aktiv eingreifen, falls andere diese verletzen. In Fällen sexueller Gewalt gibt es nahezu immer Hinweise auf diese. Mütter und Väter, Pädagoginnen und Pädagogen müssen lernen, sie zu verstehen. Täter und Täterinnen fallen zum Beispiel durch übergroße Geschenke an Kinder und Jugendliche auf. Andere zeigen auch in der Öffentlichkeit ein grenzverletzendes Verhalten gegenüber Mädchen und Jungen. Bitten Kinder um Hilfe, erfahren sie nicht selten: "Der meint das nicht so!" Täter präsentieren sich oft als besonders engagierte Pädagogen. Mit Charme schleimen sich einige bei den Bezugspersonen der Kinder ein. Eine häufige Strategie von Tätern ist es auch, die Jugendlichen durch die Billigung von Regelverstößen zu verführen – zum Beispiel durch Verstöße gegen die Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes wie gemeinsamen Alkoholkonsum..

Zur Person: Ursula Enders ist Leiterin der Beratungsstelle Zartbitter in Köln und Autorin der Bücher "Grenzen achten!" und "SchönBlöd".

Gibt es wirksame Präventionsprogramme für Familien, Schulen, Vereine?

Vereinzelte Präventionsprojekte helfen wenig. So schaden zum Beispiel Trainings zum Nein-Sagen. In Missbrauchssituationen erstarren Mädchen und Jungen oftmals vor Schreck und fühlen sich anschließend doppelt schuldig, da sie nicht "Nein" gesagt haben. Prävention ist vor allem eine Erziehungshaltung und muss durch regelmäßige und aufeinander abgestimmte Angebote getragen werden.

Ab welchem Alter sollte man mit der Aufklärungsarbeit beginnen?

Babys bringen bereits auf dem Wickeltisch durch ihre Reaktionen zum Ausdruck, welche Berührungen sie mögen und welche nicht. Kinder, deren persönliche Grenzen vom ersten Lebenstag an akzeptiert werden, entwickeln ein positives Körpergefühl. Sie können sicher zwischen angenehmen und unangenehmen Körperkontakten unterscheiden und im Falle von Grenzverletzungen selbstbewusst Dritte um Hilfe bitten.

Studien besagen, dass jedes dritte bis fünfte Mädchen Opfer von sexuellem Missbrauch wird. Bei Jungen ist es jeder zehnte bis zwölfte. Mädchen sind demnach stärker gefährdet. Bei den Missbrauchsfällen, die in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit kamen, waren jedoch häufig Jungen betroffen. Wie ist das zu erklären?

Dies ist unter anderem eine Antwort darauf, dass das Thema "Missbrauch an Jungen" zuvor viel zu wenig beachtet wurde. Als nun heute erwachsene männliche Betroffene von Eliteschulen sich öffentlich zu Wort meldeten, wurde das Thema endlich mal entsprechend zur Kenntnis genommen. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sind jedoch auch heute noch Mädchen von sexualisierter Gewalt betroffen. So wurden zum Beispiel auch in der Odenwaldschule jugendliche Mädchen von Lehrern und Mitschülern sexuelle Gewalt zugefügt. Darüber hat die Presse kaum berichtet.

Gibt es das typische "Opfer"? Also Kinder, die besonders gefährdet sind?

Nein. Selbstverständlich gibt es Mädchen und Jungen, die ein erhöhtes Risiko haben, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden – zum Beispiel Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Dennoch gibt es kein typisches Opfer. Täter gehen in der Regel sehr strategisch vor und tricksen mit ihrer Lebenserfahrung auch sehr clevere Kinder und Jugendliche aus. Zudem werden viele Fälle sexualisierter Gewalt durch Gleichaltrige verübt, etwa durch Klassenkameraden am Gymnasium ebenso wie an der Hauptschule.  

Gibt es ein Umfeld oder bestimmte Gemeinschaften und Systeme, die Missbrauch begünstigen?

Ein besonders hohes Risiko, zum Tatort zu werden, haben zum Beispiel "geschlossene Institutionen", die zu wenig mit anderen kooperieren, und auch Institutionen, die einen besonders guten Ruf zu verlieren haben – wie die Odenwaldschule, der Leistungssport, die katholische und auch die evangelische Kirche. Gefährdet sind auch Institutionen, die unter dem Deckmantel einer vermeintlichen "Fortschrittlichkeit" klare Regeln für den Schutz von Kindern und Jugendlichen übergehen und durch eine falsch verstandene Basisdemokratie eine klare fachliche Leitung vernachlässigen.

Was kann ich als Erwachsener tun, wenn ich Gewalt oder sexuellen Missbrauch bei einem mir bekannten Kind vermute?

Viele betroffene Mädchen und Jungen verstummen, wenn die Umwelt verschreckt auf ihre Hinweise reagiert. Deshalb sollten Kontaktpersonen von Mädchen und Jungen zunächst einmal sich selbst Unterstützung holen, damit sie ruhig und besonnen den Kontakt mit dem Kind weiterführen können. Im Rahmen einer Fachberatung sollte die Vermutung sehr sorgfältig abgeklärt und überlegt werden, wie man das Kind schützen kann. Auf keinen Fall darf ein Täter zu früh von der Vermutung erfahren, denn dann setzt er das Kind zusätzlich unter Druck und dieses kann nicht mehr geschützt werden. 

Der Missbrauchsbeauftrage der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ist der Meinung, dass Kinder besonders gut durch die Präventionsarbeit an Schulen erreicht werden können. Er fordert, dass ein Schutzkonzept integraler Bestandteil des Schulalltags wird. Was halten Sie von dieser Maßnahme?

Diese Forderung ist unbedingt zu unterstützen. Schule muss nicht nur zu einem sicheren Ort vor Übergriffen durch Erwachsene und Gleichaltrige werden, sondern auch zu einem Ort des Vertrauens. Lehrerinnen und Lehrer sind sehr wichtige Bezugs- und Vertrauenspersonen, insbesondere für Kinder und Jugendliche, die in der Familie missbraucht werden.

Wie wichtig ist es, Präventionsmaßnahmen für Menschen zu schaffen, die merken, dass sie sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen?

Pädosexuelle Täter wie der ehemalige Leiter der Odenwaldschule sind die Ausnahme. Es macht Sinn, diesen Tätern Hilfe anzubieten. Dennoch werden solche Präventionsprogramme der eigentlichen Problematik nicht gerecht. In mehr als 90 Prozent der Fälle wird sexualisierte Gewalt nicht durch pädosexuelle Täter, sondern vor allem durch heterosexuelle Männer, Frauen und auch durch Jugendliche verübt. Da die Medien fälschlicherweise fast alle Täter als pädophil bezeichnen, sitzt die Politik zurzeit dem Irrtum auf, durch die Förderung von Präventionsangeboten für Männer mit pädosexuellen Neigungen eine weitreichende Prävention zu leisten. Dabei vernachlässigt die Politik den wichtigen Bereich einer flächendeckenden Präventionsarbeit für Kinder und Jugendliche in Schulen. Alle Jungen und Mädchen müssen zum Beispiel wissen, dass das Posting von kinderpornografischem Material in den Medien kein Spaß, sondern strafbar und  sehr verletzend ist. Und vor allem brauchen Schulen und Vereine Unterstützung bei der Aufarbeitung von sexuellen Übergriffen in Kinder- und Jugendgruppen. Das wäre eine effektive Prävention.

Das Interview für DasErste.de führte Andrea Rickert