Jana Brandt und Nico Hofmann im Gespräch

Jana Brandt
Jana Brandt, MDR Fernsehfilmchefin und federführende Redakteurin.

"Bornholmer Straße" ist nach der preisgekrönten Uwe-Tellkamp-Verfilmung "Der Turm" ein weiteres Projekt mit Christian Schwochow als Regisseur. Ist er für Sie, trotz seiner jungen Jahre, ein DDR-Spezialist, ein Chronist des realen Sozialismus?

Nico Hofmann: Christian Schwochow, der bei mir in Ludwigsburg studiert hat, überrascht mich seit Jahren mit der Intensität und Tiefe seiner Auseinandersetzung mit der selbst erfahrenen DDR-Vergangenheit. Da kommen Klugheit, Inszenierungskunst und große Ehrlichkeit im Umgang mit der eigenen Geschichte, die bei Christian auch Familiengeschichte ist, zusammen. Christian ist in seiner Generation durchaus zu einem filmischen Chronisten der jüngeren DDR-Geschichte geworden, und er inszeniert seine Filme zu diesem Thema mit ungewöhnlichem Einfühlungsvermögen, mit Intensität und kritischer Härte – und liebt dabei doch alle seine Figuren.

War das Buch von Gerhard Haase-Hindenberg "Der Mann, der die Mauer öffnete" Anregung oder gar Ausschlag für den Film? Worauf kam es Ihnen bei der Realisierung des Films vor allem an?

Nico Hofmann: Gerhard Haase-Hindenbergs Buch war für mich eine aufregende Chronik jener Nacht an der Bornholmer Straße. Diese Chronik war sicherlich die mögliche Grundlage, aber der wirkliche Reiz unseres Films entstand durch die Tonlage des Drehbuchs von Heide und Rainer Schwochow: diese tragikomische Überhöhung, diese Genauigkeit in der Figurenbeobachtung und die große dramaturgische Wende, die vom Tragikomischen in die wirkliche Brisanz jener Stunden dreht – das war in der Buchvorlage erahnbar, wurde aber durch unsere Drehbuchautoren klug zugespitzt.
Jana Brandt: Das Potenzial des Buchs bestand auch darin, den Mauerfall aus der Perspektive der Grenzer recherchiert zu haben. Dies barg für den Film ein gewisses Risiko, da uns die Ambivalenz der Sicherheitsorgane der DDR immer bewusst war. Das Drehbuch von Heide und Rainer Schwochow hat einen geschickten Weg gefunden, sie mit Empathie zu schildern, ohne sie zu idealisieren.

Ein weiterer "Mauer"-Film, der allerdings nicht das bekannte Sujet von erfolgreicher oder misslungener Flucht bedient. Ist nach einem Vierteljahrhundert Mauerfall mehr "Leichtigkeit" bei diesem Thema angebracht?

Jana Brandt: Das Thema ist und bleibt ein Schwergewicht. Die Ereignisse von 1989, die friedliche Revolution der Menschen in Ostdeutschland, die den Mauerfall und das Ende der DDR brachten, haben nach wie vor tiefe Bedeutung und große Tragweite. Deswegen erzählen wir davon. Die zeitliche Distanz erlaubt nicht nur andere Blickwinkel, sondern auch eine radikal andere Erzählweise. Der Film erlaubt sich in genau kalkuliertem Rhythmus Elemente der grotesken Komik bis zu nahezu kafkaesker Absurdität. Dass sich schließlich ein plausibles Bild der historischen Realität und ihrer emotionalen Wucht ergibt, ist eine besondere Qualität des Films.

Wie findet der tatsächliche Grenzpolizist, Harald Jäger, dessen Geschichte hier erzählt wird, den Film?

Nico Hofmann: Harald Jäger hat uns bei dem Projekt großartig unterstützt und ich bin dankbar, dass er das Resultat so positiv aufnehmen konnte, denn Christian hat mit seinem Film einen ganz eigenen Weg beschritten, der in der tragikomischen Genauigkeit fast an große Vorbilder wie Lubitsch oder Billy Wilder erinnert. Christian hat sich ein Genre vorgenommen, das in diesem Land seit vielen Jahren nur äußerst selten kongenial umgesetzt wird. Umso mehr hat mich erleichtert, wie spielerisch und gelöst Harald Jäger selbst mit dem filmischen Resultat umgegangen ist: Er hat auf das Genaueste verstanden, warum sich Christian Schwochow speziell für diese Form entschieden hat. Für mich war sicherlich ein Höhepunkt, als wir das begeisterte Publikum in München beim Filmfest erleben durften, das sich für Harald Jäger auf der Bühne von seinen Sitzen erhob – diese Standing Ovations galten einem Mann, der in der entscheidenden Stunde menschlich und moralisch das einzig Richtige tat: Er öffnete den Weg zur Freiheit.
Jana Brandt: Bemerkenswert war, wie der Film die Zuschauer emotional so mitgerissen hat, dass es in diesem Moment keine Rolle spielte, in welcher Form bis dahin die Stasi-Organe an ihrer Grenze mit den Menschen umgegangen sind.

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