Die Drehbuchautoren im Gespräch

Christian Schwochow (M) mit seinen Eltern Rainer Schwochow (l) und Heide Schwochow (r) am Set. Heide und Raimer Schwochow
Regisseur Christian Schwochow (m.) mit seinen Eltern Rainer Schwochow (l.) und Heide Schwochow (r.) am Set. Heide und Raimer Schwochow haben das Drehbuch zum Film "Bornhomer Straße" geschrieben.

Was verbinden Sie persönlich mit dem 9. November 1989? Wie haben Sie diesen Tag erlebt? Was ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Heide und Rainer Schwochow: Am 9. November 1989 hatten wir am Vormittag einen Termin bei der Abteilung Inneres. Sie war zuständig für die Bearbeitung bzw. "Betreuung" aller DDR-Bürger, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Unser Antrag lief seit ungefähr einem Jahr. An diesem Tag sagte uns die Sachbearbeiterin: "Ihr Ausreiseantrag ist genehmigt worden! Das genaue Datum der Ausreise kann ich Ihnen noch nicht sagen. Sie werden von uns hören, dann kann es sehr schnell gehen." Wir nahmen die Nachricht mit gemischten Gefühlen auf. Einerseits freuten wir uns: Endlich ist es soweit! Aber ohne Termin wirkte es schon wieder wie Schikane. Außerdem waren wir in den letzten Wochen jeden Tag bei den Mahnwachen in der Berliner Gethsemanekirche. Im Land herrschte Aufbruchsstimmung. Wollten wir überhaupt noch hier weg? Am Abend dann, die Pressekonferenz von Günter Schabowski. Die erste Reaktion? Galgenhumor! "Jetzt kommt die ganze DDR mit in den Westen." Wie und wann das mit der "Reisefreiheit" beginnen sollte, wussten wir nicht. Schabowskis Worte: "Das gilt ab sofort!", nahmen wir nicht ernst. Am selben Abend waren wir bei einer Freundin zum Geburtstag eingeladen. Sie wohnte in einer Seitenstraße der Bornholmer Straße. Nachts gegen halb zwölf standen wir auf dem Balkon und rauchten. Uns fiel auf, dass unheimlich viele Menschen in Richtung Grenzübergang unterwegs waren. Natürlich wollten wir wissen, was dort los ist. Wir zogen unsere Mäntel an, wir liefen los. Der Menschenstrom wurde immer dichter, je näher wir dem Übergang kamen. Auf der Bornholmer Straße stauten sich die Autos und Straßenbahnen in Richtung Grenze. Und dann liefen wir plötzlich inmitten all der Menschen über die Grenze. Sie war wirklich offen: Wahnsinn!!! Die Grenzsoldaten standen am Rand, keiner kontrollierte mehr, die ersten Menschen kamen schon wieder zurück. Hinter der Bornholmer Brücke standen Sonderbusse, die uns zur U-Bahnstation brachten. Von dort fuhren wir direkt zum Kudamm. Wir riefen einen Bekannten an, der schon früher aus der DDR nach Westberlin ausgereist war. Kurze Zeit später kam er mit dem Auto, lud uns ein und fuhr mit uns durch Kreuzberg und Neukölln, in die letzten toten Nischen, durch Kneipenviertel und Kieze. Das hatte etwas Unwirkliches. Es kam uns vor wie eine Sightseeing-Tour mit einem Führer, der keinen Kontakt zu seinen Touristen haben will. Zu einem Bier lud er uns nicht ein. Ihm machte die Maueröffnung Angst. Schweigend brachte er uns zur Bornholmer Straße zurück. Morgens um vier Uhr waren wir wieder zu Hause. Christian schlief und hatte von all dem nichts mitbekommen. Am Nachmittag fuhren wir zusammen nach Westberlin.

Was hat Sie dazu inspiriert, die Geschichte von Harald Jäger zu erzählen? Wieso ausgerechnet die Geschehnisse am Grenzübergang "Bornholmer Straße"?

Heide Schwochow: Ein Produzent fragte mich, ob ich Lust dazu hätte. Die Nacht des 9. November ist ein hochemotionales, weltbewegendes Ereignis. Aber man hat die Bilder und Geschichten natürlich auch schon oft gehört. Aber sie aus der Perspektive der Grenzer zu erzählen? Jener Menschen, mit denen ich eigentlich nie etwas zu tun haben wollte? Das hat mich neugierig gemacht. Als ich dann die Erzählungen von Harald Jäger hörte, wusste ich, diese Geschichte möchte ich schreiben. Ein Antiheld trifft in einer besonderen historischen Situation eine Entscheidung, die ihn zum Helden macht. Das ist der Stoff für einen besonderen Film.

"Bornholmer Straße" ist eine Tragikomödie. Lachen und Weinen liegen hier eng beieinander. Warum haben Sie sich für dieses Genre entschieden? Was kann eine Komödie im Gegensatz zu einer rein historischen filmischen Aufbereitung beim Zuschauer leisten?

Heide und Rainer Schwochow: Ist das nicht auch absurd? Menschen, die immer auf Befehle reagieren mussten, bekommen in solch einer historischen Nacht keinerlei Anweisung. Man lässt sie allein. Das gesamte Politbüro schläft, die Vorgesetzten schweigen. 18 bewaffnete Männer stehen Tausenden von DDR-Bürgern gegenüber. Sie sind plötzlich jammervolle Gestalten, die völlig überfordert sind. Die Situation kann jederzeit kippen. Denn würden diese Gestalten tatsächlich zu den Waffen greifen, wäre eine blutige Katastrophe unausweichlich. Diese Gratwanderung in dem Film zu erzählen, war die Herausforderung. Da wir den positiven Ausgang der Geschichte kennen, erlauben wir uns, die komische Seite genauso wie die tragische zu zeigen. Das Lachen gibt dem Zuschauer das befreiende Gefühl, Geschichte nicht als einen unbeeinflussbaren Ablauf zu sehen, sondern sich selbst als gestaltendes Subjekt wiederzuerkennen.

Herr Schwochow, Sie arbeiten das erste Mal mit Ihrem Sohn und Ihrer Frau zusammen. Wie fühlt sich das an?

Rainer Schwochow: Heide fragte mich, ob ich Lust und Zeit hätte, an dem Drehbuch mitzuarbeiten. Da wir den realen Abend zusammen erlebt hatten, war das eine gute Voraussetzung. Mir fiel es leichter, mich in die militärischen Abläufe und die Geografie des Grenzübergangs hineinzuversetzen. Wir hatten schon oft zusammen an Radiofeatures gearbeitet. Die Herausforderung, einmal gemeinsam ein Drehbuch zu schreiben, war reizvoll. Es wurde eine ganz neue Erfahrung, denn die Rollenverteilung bei der Radioarbeit war immer eine andere. Es dauerte eine Weile, ehe wir die richtige Form der Zusammenarbeit gefunden hatten. Christians Fragen und Anregungen während der Drehbucharbeit waren etwas Neues für mich. Bisher hatte ich das nur beiläufig aus seiner Arbeit mit Heide erlebt. Es war schon etwas ganz Besonderes, einmal in dieser Konstellation zusammen zu arbeiten: Die familiäre Beziehung mit gemeinsamen Erfahrungen reduziert sich, oder je nach Betrachtungsweise – erweitert sich auf einen gemeinsamen Arbeitsgegenstand. Eine Erfahrung, die ich genauso wenig missen möchte wie das Erlebnis des 9. November.

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Interview mit dem Produzenten und der Fernsehfilmchefin