Gespräch mit Hannes Jaenicke

Judith (Ursula Strauss) lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.
Judith lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Sie spielen Volker Lehmann, einen Familienvater und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Hannover. Wie haben Sie die Rolle angelegt?

Zunächst mal als einen absoluten "Normalo", mit einigen unangenehmen, aber auch positiven Eigenschaften. Lehmann ist städtischer Angestellter und macht einen guten Job, sowohl im Büro als auch zuhause als Familienvater. Er ist das, was man landläufig als "Durchschnittsbürger" bezeichnen würde.

Warum hat es Sie gereizt, diese Rolle zu übernehmen?

Weil diesem Durchschnittsbürger plötzlich Dinge widerfahren, die alles andere als durchschnittlich sind. Sein ganzes Leben wird auf brutale Weise und komplett auf den Kopf gestellt. Zu zeigen, wie er alles verliert, seine Existenz ruiniert wird und wie er damit umgeht, war der Reiz, diesen Mann zu spielen. Solche Rollen sind rar im deutschen Fernsehen. Regisseure wie Stefan Krohmer übrigens auch. Und Produzenten wie Hubertus Meyer-Burckhardt ebenso, ihn kannte ich bislang nur als "NDR Talk Show"-Host.

Lehmann erlaubt sich Übergriffigkeiten im Büro. Auch der neuen Kollegin gegenüber verfällt er sofort in sein bekanntes Muster. Findet er sie insgeheim attraktiv? Was treibt ihn an?

Lehmann ist Bürohengst, harmloser Macho und Sprücheklopfer mit einem unangenehmen Hang zu chauvinistischen Sprüchen. Die finden Männer ja oft absolut akzeptabel und witzig. Für Frauen sind sie eine Zumutung und Erniedrigung, die sie viel zu oft wegstecken und über sich ergehen lassen müssen. Die neue Kollegin reizt Lehmann weniger als Frau und Sexualobjekt, sondern eher als Zielscheibe seiner anzüglichen Provokationen, und das hat sicherlich auch mit Machtspielchen, Minderwertigkeitskomplexen und Alphatier- Verhalten zu tun.

Judith Lorenz’ Antwort ist perfide: Sie bezichtigt ihn eines schweren Sexualdelikts, und Lehmann muss feststellen, dass viele ihm die Tat zutrauen. Wie erlebt er diese Situation?

Lehmann muss auf die ganz harte Tour erfahren, und in gewisser Weise geschieht ihm dies recht, dass man seine Worte und Sprüche vorsichtig wählen sollte. Angelsächsische Kinder werden mit Sätzen wie "Choose your words wisely" und später salopper mit "Eat your words!" erzogen. Worte können zu Waffen werden, nur erwartet kaum jemand, dass es dann auch scharfe Waffen sein können, mit denen zurückgeschlagen wird. Lehmann kann und will nicht verstehen, dass Macho-Sprüche solche Konsequenzen haben sollen. Aus seiner männlichen Sicht hat er doch nur ein paar verbale, dumme Spielchen gespielt ...

Bei der Gerichtsverhandlung wirkt Lehmann seltsam ruhig. Warum wehrt er sich an dieser wichtigen Stelle nicht entschiedener gegen die Vorwürfe? Vertraut er auf die Justiz?

Lehmann ist so überzeugt von seiner Unschuld, so verunsichert durch das juristische Prozedere, seinen Anwalt, die glaubhafte Darstellung seiner Gegenspielerin, dass er wie gelähmt ist. Und natürlich vertraut ein "Durchschnittsbürger" wie er in seiner Naivität zunächst mal der deutschen Justiz. Was ich in Anbetracht vieler High-Profile-Prozesse wie Josef Ackermann, Bernie Ecclestone, Uli Hoeneß, Otto Wiesheu und viele mehr etwas überraschend finde. Der "kleine Mann" bekommt selten Recht, im Gegensatz zu DAX-Konzernen, Top-Managern, zur Chemie-, Pharma- oder Ärzte-Lobby.

Volker Lehmann zerbricht nach und nach an seiner Ohnmacht. Welche Gedanken haben Sie bei der Arbeit an diesen Szenen begleitet?

Ich kenne mehrere Frauen, die Opfer von Sexualverbrechen wurden. Und die Tragödie dieses Horrors ist, dass die wenigsten "echten" Opfer dieser Straftaten zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Dafür gehen oft diejenigen Frauen lauthals zur Polizei oder an die Medien, die nur vorgeben, vergewaltigt worden zu sein. Diese Diskrepanz ist fatal, weil sie die Glaubwürdigkeit der echten Opfer untergräbt. Das zeigt sich dann oft auch noch in den viel zu milden Gerichtsurteilen für Sexualstraftäter.

Spätestens die "Aufschrei"-Debatte hat gezeigt, dass Sexismus hierzulande immer noch allgegenwärtig ist. Wie sehen Sie die Lage in Deutschland, auch vor dem Hintergrund, dass Sie teilweise in den USA leben und eine Vergleichsmöglichkeit haben?

In Deutschland werden sexuelle Belästigung, manchmal sogar Sexualstraftaten, immer noch als Kavaliersdelikt behandelt. Dass es bis 2016 gedauert hat, "Nein heißt Nein" als Gesetz zu verabschieden, ist peinlich genug, ebenso die Diskrepanz zwischen Männer- und Frauen-Gehältern und -Renten. Da sind die USA trotz Trump, Republikanern und Tea Party wesentlich weiter. Frauen haben es dort erheblich leichter zu klagen und vor Gericht Recht zu bekommen. "Sexual harrassment" ist dort schon seit 1964 ein Straftatbestand, die Strafen für Vergewaltiger sind sehr viel härter und drastischer als bei uns. Die Statistiken zum Thema Verurteilungen bei Sexualdelikten sind hierzulande deprimierend: Nur ca. zehn Prozent der Vergewaltigungen werden angezeigt, und von diesen führen wiederum nur zehn Prozent zu einer Verurteilung des Täters. Insofern sollte man sich weniger mit den "Fakes" beschäftigen als mit den real vorkommenden Verbrechen. Und nochmal zum Vergleich mit den USA: Dort haben die Fußballerinnen der Nationalmannschaft auf gleiche Bezahlung wie ihre männlichen Kollegen geklagt, wegen der gesetzlich verankerten Gleichberechtigung. Man stelle sich das bitte mal in Deutschland vor.

Was war für Sie am schwierigsten bei der Arbeit an dieser Figur?

Am heikelsten war es, eine Balance zu finden zwischen dem "Kotzbrocken" Lehmann und dem sympathischen Lehmann, ohne dass die Figur auseinanderklappt. Da hat Stefan Krohmer mir unglaublich geholfen. Wenn diese Balance nur einen Millimeter kippt, funktioniert der ganze Film nicht, weil der Zuschauer dann sofort weiß, ob Lehmann schuldig oder unschuldig ist. Und genau das soll er bis zum Schluss bitte nicht wissen.

Wie haben Sie die Arbeit mit Stefan Krohmer und den Kolleginnen in Erinnerung behalten? Gab es Diskussionen über den Stoff, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?

Stefan Krohmer war für mich eine echte Entdeckung. Was den Stoff betrifft, war ich zunächst äußerst skeptisch, ob man ein Vergewaltigungsdrama so erzählen darf. Aber schon bei den Castings war die Arbeit mit Stefan so intelligent, so spannend und angenehm, dass ich mich auf diesen heiklen Stoff eingelassen habe. Hätte ich ohne Stefan nicht getan, und jetzt im Nachhinein bin ich heilfroh darüber. Gleiches gilt für Uschi Strauss, auch mit ihr hatte ich noch nicht gearbeitet, sie ist eine sensationelle Schauspielerin. Ich stand oft während der Takes mit ihr vor der Kamera und dachte mir "Scheiße, die ist ja echt vergewaltigt worden! Das glaube ja sogar ich, obwohl ich es als Lehmann besser weiß." Valerie Niehaus kannte ich schon, sie hat eigentlich die schwerste Rolle: Anfangs solidarisch mit ihrer Freundin, empört über das, was ihr geschehen ist, und dann kommen ihr die Zweifel, bis zu dem Punkt, wo sie vermuten muss, Lehmanns Existenz und die seiner Familie zerstört zu haben. Das hat Valerie phänomenal hingekriegt. Hut ab vor diesen Kolleginnen. Besser wird’s nicht.

(Das Interview wurde geführt von Birgit Schmitz.)