Gespräch mit Stefan Krohmer

Regie

Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) rastet aus.
Volker Lehmann rastet aus.

Warum haben Sie sich für diesen Stoff entschieden? Was hat Sie daran interessiert?

Das menschliche Dilemma der Hauptfigur. Andrea ist gerade im Begriff, sich mit einer neuen Kollegin anzufreunden, als plötzlich deren Aussage im Raum steht, dass sie vergewaltigt wurde, und zwar von einem anderen Kollegen, den unsere Hauptfigur ebenfalls kennt. Mich hat hier die Außenperspektive interessiert und die Hilflosigkeit, in die Andrea gerät. Und dann natürlich auch die Frage, wie sie sich daraus wieder befreit. Andrea ist eine interessante Figur, weil sie viel mit uns zu tun hat und damit, wie wir gesellschaftlich mit solchen Problemen umgehen. Mit ihr habe ich die Möglichkeit, das Thema vielschichtig zu beleuchten, ohne der einen oder der anderen Seite Vorschub zu leisten. Das Feld ist insofern interessant, als es für Andrea sehr schwer ist, sich überhaupt Klarheit zu schaffen. Mir ging es darum, dieses Gefühl auch für den Zuschauer möglichst nachvollziehbar zu machen. Nämlich lange selbst nicht zu wissen, was hier eigentlich gespielt wird.

Andrea Bredow solidarisiert sich in dieser Situation mit ihrer Freundin. Warum, glauben Sie, dauert es so lange, bis sie den Gedanken zulässt, dass Judiths Geschichten erfunden sein könnten?

Zunächst mal ist Andrea eine empathische Figur, und natürlich glaubt sie ihrer Freundin. Wenn jemand derart vor einem zusammenbricht, kommt man nicht auf die Idee, dass das gespielt ist. Das ist ein Tabubruch, und damit kann Andrea nicht rechnen. So kann es dann tatsächlich sein, dass Andrea, und mit ihr der Zuschauer, zu zwei Dritteln des Films über die Wahrheit im Ungewissen ist. Auch Vorurteile spielen in dem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Als Andrea von der Sache erfährt, hat sie bereits ein bestimmtes Bild von Volker. Er hat Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die von ihr negativ bewertet werden. Wir erzählen in dem Film, dass sich andere Personen eher zurückhalten oder mit Volker solidarisieren, weil sie sich das alles gar nicht vorstellen können. Aber Andrea hat einen anderen Impuls.

Sein schlechter Ruf führt mit dazu, dass Volker die Vorwürfe nicht entkräften kann. Zeigt seine Geschichte auch, wie sehr Vorurteile in juristische Urteile hineinwirken können?

Er zeigt auf jeden Fall, dass das passieren kann, dass ein System davor nicht gefeit ist. Mich interessieren eher die zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Aspekte, die ich vorhin angerissen habe: Dass Andrea stellvertretend steht für uns und es schwierig ist, sich in so einem Fall überhaupt richtig zu verhalten. Man kann nicht wissen, was wirklich passiert ist; man ist nun mal nicht beteiligt, das ist das Charakteristische bei so einem Vorwurf. Trotzdem positioniert man sich dazu. Und natürlich sitzt man dabei seinen eigenen Vorurteilen auf. Volker ist ziemlich unsympathisch. Er führt sich chauvinistisch auf und ist ein etwas schrägerer Typ, aber solche Menschen gibt es. Jemand wie er hat es dann schwerer, sich gegen einen solchen Vorwurf zu wehren, als jemand, den das ganze Büro schon wahnsinnig sympathisch findet. Genau das finde ich interessant, weil ich merke, dass ich in meinem Leben auch Leute vorverurteile. Eigentlich ständig, und kurze Zeit später muss ich mein Urteil meist revidieren und frage mich, was mit meiner Menschenkenntnis los ist. Ich gehe davon aus, dass es anderen Leuten genauso geht.

Was sprach dafür, diese Rolle mit Hannes Jaenicke zu besetzen?

Hannes erzeugt durch seine männliche Erscheinung und seinen Bekanntheitsgrad eine bestimmte Erwartungshaltung. Ich glaube, dass der Zuschauer schon gewisse Unterstellungen macht, wenn er ihn einfach nur sieht. Er braucht gar nichts zu sagen; er betritt einfach nur den Raum und setzt sich hin, in einer bestimmten Klamotte, in diesem Amt, und schon schwingen ganz viele Dinge mit. Das hat an sich schon eine Ambivalenz, deshalb fand ich das interessant für den ersten Teil der Geschichte. Und ich habe an den Schauspieler die Erwartung formuliert, dass er Spaß am Chauvinismus seiner Figur hat. Mir war sehr wichtig, dass er das absolut selbstverständlich bringt, denn so findet es meiner Beobachtung nach auch ständig statt in unserer Gesellschaft. So ist es quasi salonfähig. Und ich fand es sehr reizvoll, das dann in der Figur zu drehen und zu sagen: Ja, lieber Zuschauer, er war dir unsympathisch, nicht wahr? Richtig gemocht hast du ihn nicht. Aber jetzt tut er dir auch ein bisschen leid, oder?

Spielen Sie auch, was die Frauenrollen angeht, mit den Zuschauererwartungen?

Bei Judith auf jeden Fall. Judith ist der heimliche "bad character" des Films, eine krankhafte Lügnerin. Dass sie diese Störung hat, ist aber nicht so einfach zu erkennen, weil diese Frau gleichzeitig mit einem ungeheuren Selbstbewusstsein und einem riesigen Charme ausgestattet ist. Es ist natürlich zentral wichtig für den Film, dass man ihr ihre Geschichten abnimmt. Ich denke, dass wir alle Judith erst einmal auf den Leim gehen würden. Ursula Strauss hat eine große Lust an den Abgründen der Figur mitgebracht und ist in der Lage, diese ungeheuerlichen Lügen völlig beiläufig zu verbreiten. Auch als wir dann mit Andrea erkennen, dass es sich um eine krankhafte Lügnerin handelt, ist nicht gesagt, dass sie in diesem Fall nicht einmal die Wahrheit erzählt hat. Bei Andrea ging es eher um emotionale Nachvollziehbarkeit. Valerie Niehaus war von der Ausstrahlung her die perfekte Andrea. Sie verkörpert etwas Zufriedenes, Offenes, anderen Zugewandtes, aber auch Normales. Die Idee bei der Figur war, dass sie im Unterschied zu Judith auf keinen Fall auf der Suche ist, was Männer angeht. Ihre Sehnsucht nach Liebe und Nähe sollte sich nur zu Judith hin ausbreiten. Da wollte ich eine starke Anziehungskraft erzählen.

Der Film spielt in einer Behörden- und Angestelltenwelt. Sie haben an Originalschauplätzen gedreht. Was war Ihnen hierbei wichtig?

Mir ging es um einen Realismus. Realismus im Sinne der Frage, wie nehme ich die Figuren wahr? Wie reden die miteinander, und wie sind die Abläufe und Strukturen? Wir sind in einem ganz normalen Gesundheitsamt, nichts Spektakuläres, sondern alles ist relativ normal. So sollten auch die Figuren sein und auf die Weise soll der Zuschauer ganz selbstverständlich zusammen mit Andrea in diese problematische Situation hineinrutschen. Wir hatten das Glück, dass es in Hannover einen leer stehenden Trakt im Sozialamt gab, in dem wir drehen durften. So konnten wir auch die Mitarbeiter aus den Stockwerken unter uns gleich mitspielen lassen. Ich versuche immer, vor Ort die Leute mit einzubinden, anstatt Komparsen zu ordern, und das hat in Hannover sehr gut geklappt. Wir kamen in jedes Motiv rein. Auch die Wärter und die Insassen, die in den Gefängnisszenen auftreten, sind aus der Haftanstalt, in der wir gedreht haben. Ich glaube einfach mehr an die Wahrhaftigkeit der Bilder, die so entstehen.

(Das Interview wurde geführt von Birgit Schmitz.)