Gespräch mit Valerie Niehaus

Andrea (Valerie Niehaus, mitte) verteidigt Judith (Ursula Strauss, rechts).
Andrea verteidigt Judith.

Andrea Bredow arbeitet im Gesundheitsamt, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Wie würden Sie sie charakterisieren?

Andrea ist eine normale Frau aus der Mitte der Gesellschaft, hat eine Ausbildung, aus der sie etwas gemacht hat, eine Arbeit, die ihr gefällt, und sie hat einen Mann, mit dem sie glücklich ist. Ihre Welt ist also im Großen und Ganzen sehr heil und in Ordnung. Da funktioniert alles, aber irgendwie ist es auch ein bisschen bequem. So habe ich es zumindest gesehen. In diesem normalen und glücklichen Leben, das Andrea führt, gibt es insofern eine Lebenslüge, als sie sich nicht mehr die Mühe macht, als Mensch kritisch zu bleiben. Kritisch mit sich selbst, mit diesem Leben, mit ihrer Umgebung. Das Erhalten der glücklichen Situation hat oberste Priorität. Konflikte werden ausgeblendet oder vermieden.

Welche Konflikte sind das zum Beispiel?

Andreas Bequemlichkeit führt beispielsweise dazu, dass sie den übergriffigen Kollegen Volker im Büro nicht wirklich deutlich konfrontiert und dadurch vielleicht Schlimmeres verhindert. Es ist ihr zu stressig, sich dem zu stellen und Volker Grenzen zu setzen, sie arrangiert sich lieber mit der Situation. So etwas kennen wir, glaube ich, alle. Man scheut den Aufwand und möchte nicht unangenehm auffallen. Frauen fürchten zudem häufig, zickig zu wirken, wenn sie andere in die Schranken weisen. Auf diese Weise wirkt Andrea daran mit, dass Volker sich weiter so benehmen kann. Mit allen Konsequenzen, die wir dann sehen. Außerdem ignoriert Andrea ihr Bedürfnis, neben ihrer Existenz als Ehefrau und Mutter noch eine eigenständige Person zu sein, zu lange. Als sie dann die neue Kollegin Judith kennenlernt, ist sie so froh, endlich eine Freundin zu haben, dass sie ihr gegenüber völlig unkritisch ist und sich von ihr blenden lässt. Ich glaube, wenn man sich bestimmbestimmten Fragen nicht stellt, dann stellt diese Fragen irgendwann das Leben. Und genau das passiert auch Andrea.

Andrea freundet sich sehr schnell mit Judith an. Was sieht sie in der anderen?

Das ist eine richtige Schockverliebung. Andrea verliebt sich richtiggehend in das Schillernde, in den Glanz, den Judith versprüht, sowohl mit ihrer Garderobe als auch mit ihrem Charme. All das spricht, wie gesagt, etwas an, was in Andrea schlummert. Weil sie sich nicht klargemacht hat, dass es eine Seite von ihr gibt, die sie gar nicht auslebt, braucht nur jemand wie Judith zu kommen und einen Funken zu entfachen und schon lodert das Feuer bei Andrea.

Judith Lorenz beansprucht sehr viel Aufmerksamkeit für sich. Das könnte man auch anstrengend finden.

Andrea hat etwas Mütterliches. Es gibt durchaus viele Menschen, die es genießen, für andere dazu zu sein, von anderen gebraucht zu werden. So ist es auch bei Andrea. Das ist ein Geben und Nehmen. Judith genießt Andreas Aufmerksamkeit und Andrea genießt es, von so einer tollen, schillernden Erscheinung wie Judith gebraucht zu werden. Außerdem kriegt sie ja auch viel von Judith. Judith führt ein selbständiges Leben, ist unabhängig und so weiter. Das ist etwas, was Andrea nicht hat und was sie bewundert.

Als Judith ihr unter Tränen erzählt, Lehmann hätte sich an ihr vergangen, unterstützt Andrea sie mit Rat und Tat. Traut sie dem Kollegen die Tat denn ohne Weiteres zu?

Andrea hat Judith ja in dem Moment gesehen, als sie aus diesem Aktenraum kam. Sie hat also mitgekriegt, dass irgendetwas vorgefallen sein muss. Deshalb glaubt sie ihr hundertprozentig. Selbst wenn sie Zweifel hätte, würden die von der Heftigkeit von Judiths Reaktion, von der großen Emotionalität ihrer Schilderung total weggeblasen. Andrea sitzt vor jemandem, der eine traumatische Situation neu durchlebt und sie sehr glaubwürdig schildert. Das ist eine Energie, die einen sehr einnimmt. Darum hält Andrea es eben tatsächlich für möglich. Sie sieht sich sogar in der Pflicht, hier klar Stellung zu beziehen und ihrer Freundin den Rücken zu stärken. Sie drängt ja auch ihren Mann, der aufgrund seiner größeren Distanz mehr Zurückhaltung zeigt, sich klar zu Judiths Gunsten zu positionieren.

Welche Rolle spielt Volker Lehmanns eigenes Verhalten dabei?

Das kommt natürlich noch hinzu. Der Mann hat selbst dafür gesorgt, dass man nicht denkt, dass er zu so was niemals fähig wäre. Für Andrea gehört er wegen seines unsympathischen Verhaltens in eine bestimmte Schublade. Und das führt dazu, dass sie gar nicht weiter nachdenkt und sich auch am nächsten Tag nicht fragt, ob sie ihn nicht vielleicht doch vorschnell verurteilt. Der Film nimmt, wie ich finde, ein Problem unserer Zeit auf. Nämlich, dass wir uns angewöhnt haben, andere allzu schnell abzustempeln. Wenn eine Aussage unserem persönlichen Filter entspricht, glauben wir sie unhinterfragt. Dabei müssten wir uns besser informieren, bevor wir eine Meinung über etwas äußern. Das tun wir aber oft nicht. Wir legen Schablonen an, um Ereignisse zu kategorisieren. Andrea hat natürlich erst einmal keinen Grund, an Judiths Aussage zu zweifeln, aber sie macht sich auch nicht die Mühe, wirklich alle Einzelheiten und individuellen Aspekte zu bedenken, die hier zusammentreffen. Weil sie das am Ende erkennt, fühlt sie sich mitschuldig an den Ungerechtigkeiten, die Volker Lehmann widerfahren sind.

Wann kommen Andrea erste Zweifel an Judiths Glaubwürdigkeit?

Ich glaube nach dem Zoo-Besuch, als Judith ihr weismachen will, Martin hätte sie bedrängt. Andrea weiß tief in ihrem Innersten, dass Martin so etwas nicht macht. Diese ersten Zweifel reichen aber noch nicht aus, um die ganze Person Judith Lorenz mit ihren Geschichten in Frage zu stellen. Der nächste Schritt ist dann die Sache mit dem Schlaganfall und der angeblichen Vergiftung. Da sagt Andrea ja: "Ist es nicht komisch, dass ein Mensch all diese Dinge anzieht?" Ganz allmählich summieren sich ihre Beobachtungen, die nicht mit dem übereinstimmen, was Judith erzählt. Auch die Tatsache, dass Volker Lehmann in der Haft weiter seine Unschuld beteuert, macht Andrea stutzig. Aber erst, als eine Menge Einzelbeobachtungen zusammengekommen sind, zieht Andrea Judiths Version erstmals ernsthaft in Zweifel. Das ist ein langer Prozess.

Es gibt eine Reihe prominenter Fälle, bei denen der – unbewiesene – Vorwurf, eine Vergewaltigung begangen zu haben, weitreichende Konsequenzen hatte. Auf der anderen Seite ist die Dunkelziffer von nicht angezeigten Sexualstraftaten sehr hoch. Viele Sexualstraftäter kommen mit ihrer Tat davon. Wie beurteilen Sie Ihre Rolle in diesem Zusammenhang?

Ich glaube, wir lösen diese schreckliche Situation unter Menschen nicht, indem wir irgendwas gegeneinander aufrechnen. Dass es viel mehr dieser anderen Fälle gibt, ist ein Fakt. Ebenso wie die Tatsache, dass Frauen überall auf der Welt immer noch unterdrückt und ausgebeutet werden. Aber wenn es Fälle wie diesen hier gibt, hat ein Mann genauso das Recht, dass alles aufgeklärt wird. Genauso wie es bei der Polizei, beim Psychologen und beim Arzt hundertprozentig ernstgenommen zu werden hat, ob eine Frau vergewaltigt worden ist oder nicht. Männer und Frauen haben gleichermaßen das Recht darauf, dass alles geprüft wird. Ich finde, wir sollten die Dinge nicht in einen Vergleich zueinander stellen. All diese Fälle sind Unrecht, die wir uns bemühen müssen mit Zivilisation aufzulösen. Indem wir Männer dazu erziehen, sich Frauen gegenüber respektvoll zu verhalten, und indem wir Frauen zu Selbständigkeit erziehen und auch dazu, sich Männern gegenüber vernünftig zu verhalten.

(Das Interview wurde geführt von Birgit Schmitz.)