Geschichte

Eine Erfolgsgeschichte im DDR-Fernsehen

Szene aus dem ersten erste Polizeiruf

Der erste Polizeiruf vom 27. Juni 1971: "Der Fall Lisa Murnau"

Die beliebte Krimireihe blickt bereits auf eine 40-jährige Erfolgsgeschichte zurück: Erstmals am 27. Juni 1971 im DDR-Fernsehen gezeigt, wurde sie zum Publikumsliebling, überstand die Wende und das Ende der DDR.Heute ist der "Polizeiruf 110" fester Bestandteil im Programm des Ersten. Noch in Schwarz-Weiß

ermittelten Oberleutnant Fuchs und Leutnant Vera Arndt gespielt von Peter Borgelt und Sigrid Göhler im Juni 1971 in ihrem ersten Einsatz "Der Fall Lisa Murnau". "Polizeiruf 110" trat die Nachfolge der von 1959 bis 1968 gesendeten und bei den Zuschauern beliebten Reihe "Blaulicht" an. Doch während diese ein Kind des Kalten Krieges war, von Agenten, Schiebern und Schmugglern handelte, die im Westen zu Hause waren und ihren Geschäften in der DDR nachgehen wollten, verabschiedete sich "Polizeiruf 110" gänzlich von der grenzüberschreitenden Kriminalität. Fortan spielten die kleinen und großen Verbrechen von DDR-Bürgern die Hauptrolle.

Die Autoren und Themen

Schlosser Kegel und Wiesmeier

"Flüssige Waffe": Ulrich Mühe verkörpert den Schlosser Kegel, den seine Krankheit kriminell werden lässt.

Autoren wie Fred Unger, Ulrich Waldner, Tom Witgen, C. U. Wiesner u.v.a. griffen Konflikte auf, die im DDR-Fernsehen selten oder überhaupt nicht zur Sprache kamen: Alkoholismus ("Die flüssige Waffe", 1988), Kindesmissbrauch ("Minuten zu spät", 1972), Vergewaltigung ("Der Mann im Baum", 1988), Selbstmord ("Zwei Schwestern", 1982) und Jugendkriminalität ("Der Einzelgänger", 1980). Sie erzählten von den Konflikten der eigentlich konfliktlosen Gesellschaft der DDR. Wie nötig dieses gleichsam ersatzpublizistische Engagement war, zeigte die erstaunliche Resonanz einzelner Filme. So erreichten die Dramaturgie 1981 anlässlich der Episode "Der Teufel hat den Schnaps gemacht" zahlreiche Briefe, in denen nicht nur die eindringliche Darstellung des Alkoholikers Theo Lute gelobt wurde. Auch Betroffene, Süchtige und deren Angehörige, Ärzte und Therapeuten begrüßten die wohl zum ersten Mal gelungene Auseinandersetzung mit Alkoholismus in der DDR-Öffentlichkeit, und der Film wurde fortan in Therapieeinrichtungen der ganzen Republik gezeigt.

Von der Sondergruppe Fuchs bis zu Oberleutnant Zimmermann

Grawe, Fuchs, Schimanski und Thanner

"Unter Brüdern": Thanner und Schimanski vom "Tatort" treffen Grawe und Fuchs vom "Polizeiruf 110".

Im Mittelpunkt der Reihe standen die Kriminalisten der so genannten "Sondergruppe Fuchs". Diese klärte Verbrechen aller Art in jedem Winkel der DDR auf. Man war tätig in Berlin, aber auch in anderen Städten (Frankfurt/Oder, Rostock, Leipzig, Dresden, Potsdam, Halle), auf dem Land, in Ferienorten an der Ostsee und im Harz. Man war nicht nur für Gewaltverbrechen wie Mord und Totschlag zuständig, auch Einbruch, Erpressung, Diebstahl, Betrug und Jugendkriminalität gehörten zu den Aufgabengebieten.

Geprägt wurde der "Polizeiruf 110" besonders durch die Figur des Oberleutnant, später Hauptmann, Fuchs, den der Schauspieler Peter Borgelt von Beginn an verkörperte. Ihm zur Seite stand in den ersten Jahren neben Leutnant Vera Arndt auch Oberleutnant Hübner, gespielt von Jürgen Frohriep. In den 80er Jahren traten auch jüngere Ermittler wie Leutnant Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) und Oberleutnant Zimermann (Lutz Riemann) auf.

Die Wende

Dann kam die Wende des Jahres 1989. Aus dem "Fernsehen der DDR" wurde der "Deutsche Fernsehfunk" (DFF), und mit einem Mal endete die bis dahin unumgängliche politische Kontrolle der Reihe durch das Staatliche Komitee für Fernsehen und das Ministerium des Innern. Eingriffe, die der Gestaltung der Polizisten, aber auch der Art der dargestellten Delikte galten, unterblieben jetzt. Tabus wie die Thematisierung von Umweltdelikten und die Ansiedlung von Verbrechen auf höherer gesellschaftlicher oder politischer Ebene waren nun obsolet. Die Autoren, Dramaturgen und Regisseure machten sich daran, die tiefgreifenden politischen, gesellschaftlichen, aber auch persönlichen Umbrüche in der DDR zu zeigen. In "Das Duell" spielt ein Kriminalfall vor dem Hintergrund der Demonstrationen des Herbstes 1989. In der vom WDR und DFF verantworteten Koproduktion "Unter Brüdern" trafen die "Tatort"-Kommissare Schimanski und Thanner auf die "Polizeiruf"-Ermittler Fuchs und Grawe. Gemeinsam klärte man einen Fall grenzüberschreitenden Kunstschmuggels auf.

Auch die Kriminalisten selbst blieben nicht von Veränderungen verschont: Aus dem Genossen Hauptmann wurde der Hauptkommissar, und der Wartburg als Dienstwagen hatte bald ausgedient. Doch es blieb nicht bei Oberflächlichkeiten: Aus den überaus korrekten, pflichtbewussten, ideologisch und moralisch einwandfreien DDR-Ermittlern wurden menschliche manchmal zu menschliche Kommissare. Plötzlich hatten diese ein chaotisches Privatleben, waren oft in die Fälle persönlich involviert zu DDR-Zeiten absolut unmöglich. In "Thanners neuer Job", dem letzten "Polizeiruf 110" des DFF, schickte man am 22. Dezember 1991 mit dem ersten Ermittler Fuchs symbolisch auch den DDR-Krimi in Rente.

Die Ermittler heute

Nach der Auflösung des Deutschen Fernsehfunks Ende 1991 und der unmittelbar folgenden Gründung von Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) und Ostdeutschem Rundfunk Brandenburg (ORB) als neue Landesrundfunkanstalten der ARD folgte eine Phase der Neuorientierung für den "Polizeiruf 110". Strahlten zunächst nur MDR und ORB neue "Polizeirufe" aus, so wurde die Reihe 1991 offiziell ins Programm des Ersten übernommen und, wie schon zu Zeiten der DDR, am Sonntagabend gezeigt in Gesellschaft mit dem Krimi-Klassiker "Tatort". Weitere ARD-Anstalten beteiligten sich nun an der Reihe. Heute ermitteln neben den ostdeutschen Kommissaren Johanna Herz und Krause (Imogen Kogge und Horst Krause – RBB) sowie den Hallenser Beamten Schmücke und Schneider (Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler – MDR) die Münchener Kollegen Jo Obermaier und Jürgen Tauber (Michaela May und Edgar Selge – BR) sowie die Schweriner Kripobeamten Hinrichs und Tellheim (Uwe Steimle und Felix Eitner – NDR).

BR und NDR schicken 2009/2010 neue Ermittler-Teams an die Tatorte. Für den BR ermitteln ab 20. September 2009 Jörg Hube alias Kommissar Friedl Papen und Stefanie Stappenbeck alias Kommissarin Uli Steiger und treten damit die Nachfolge von Michaela May (Kommissarin Obermaier) und Edgar Selge (Kommissar Tauber) an. Bei den Dreharbeiten zu seinem zweiten Polizeiruf stibt Jörg Hube. Stefanie Stappenbeck dreht die Folgen "Die Lücke, die der Teufel lässt" und "Zapfenstreich" als Hauptermitterlin.

Der NDR-"Polizeiruf 110" zieht in eine neue Stadt: Ab 2010 spielt der Krimi in Rostock. Dort ermitteln Anneke Kim Sarnau alias Profilerin Katrin König und Charly Hübner alias Kommissar Alexander Bukow und lösen das Team Hinrichs (Uwe Steimle) und Tellheim (Felix Eitner) ab.

2011 startet das neue Team des BR: Matthias Brandt als Hanns von Meuffels und Anna Maria Sturm als Anna Burnhauser ermittlen in München und Bayern.

2013 heißt es Abschied nehmen vom Team Schmücke, Schneider und Lindner. Die Ermittler Schmücke und Schneider gehen nach ihrem 50. und letzten Fall in Rente. Der MDR lässt die neuen Ermittler Claudia Michelsen alias Kommissarin Doreen Brasch und Sylvester Groth alias Kommissar Jochen Drexler in Madgeburg ermitteln.