Gespräch mit Florian Oeller

Drehbuch

Katrin König (Anneke Kim Sarnau) sucht das Gespräch zur Tochter Sylvia Schultes (Pauline Rénevier).
Katrin König sucht das Gespräch zur Tochter Sylvia Schultes. | Bild: NDR / Sandra Hoever

In welchen Etappen hat sich Ihr Drehbuch entwickelt und was wollten Sie erzählen?

Wenn man den Film jetzt so sieht, wirkt es, als wäre er quasi gestern gedreht worden. Dabei hatte ich mit der Buchentwicklung bereits Anfang 2015 begonnen, und abgedreht war er schließlich Mitte 2017. Ursprünglich hatte ich das Ziel, mich dem neonazistischen Milieu in Mecklenburg-Vorpommern zu nähern. Allerdings hat die verstärkte Präsenz einer rechtsnationalen Bewegung nicht nur eine Diskursverschiebung in unserer Gesellschaft provoziert, sondern auch meine Arbeit beeinflusst. Mich beschäftigt die Erscheinungsform eines neuen Faschismus, einer Politik der Angst auf dem Rücken der Schwächsten und Ärmsten unserer Gesellschaft.

Um Figuren aus der extremen rechten Szene sprechen zu lassen, mussten Sie in deren Rhetorik eintauchen. Gehörten auch persönliche Begegnungen zu Ihren Recherchen?

Neben Gesprächen mit Journalisten, die sich in der rechten Szene von Mecklenburg-Vorpommern exzellent auskennen, zählte zur Recherche auch der Kontakt zu zwei Aussteigern aus der Neonazi-Szene, die mir geholfen haben, erzählen zu können, welches Gedankengut, welche Art von Sehnsucht nach dem vierten Reich im Untergrund gelebt wird. Ein weiterer Kontakt verschaffte mir Einblicke in das Milieu der völkischen Siedler, wie wir sie im "Polizeiruf 110" zeigen. Zum Beispiel in Güstrow bauen deren Anhänger alte Bauernhöfe wieder auf und beleben mit ihren Familien aussterbende Orte. Das alles auf dem Fundament einer rassistischen Blut- und Boden-Ideologie – und mittlerweile unter Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Kurzum: Jedes Motiv und jedes Milieu im Film hat seine Verankerung in der Realität.

Wie erging es Ihnen als Autor mit der aktuellen Krise zwischen den Ermittlern?

Die Krise zwischen Bukow und König nährt sich aus zwei Quellen. Eine davon ist situativ: Die Horizontale, in diesem Fall also die Ursache und die Folgen des Disziplinarverfahrens, treibt beide um. Die andere ist fundamentaler und liegt in ihren Biografien begründet. Bukow wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf, kommt aus einfachen Verhältnissen und nimmt für sich in Anspruch, die Menschen im Land und ihre Nöte zu verstehen. König hat große Teile ihres Lebens in Hamburg verbracht und betrachtet die politischen Entwicklungen eher aus einer linken, intellektuelleren Perspektive. Diese Aufstellung bei diesem Fall im Rücken zu haben, war ein Geschenk. Eben weil die Kämpfe, die beide miteinander ausfechten, immer beides sind, so abgedroschen es klingt: Das Private ist politisch und umgekehrt. Anneke und Charly dabei zu erleben, wie sie in ihrem Spiel alle Konfliktebenen ineinanderfließen lassen – das war und ist eine einzige Freude.

(Interview: Birgit Schmitz)

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