Gespräch mit Cutterin Heike Parplies und Kameramann Philipp Kirsamer

Tatort Borowski und Julia.
Tatort Borowski und Julia.

Frau Parplies, Sie haben den Film "Toni Erdmann" geschnitten, der in Cannes den Kritikerpreis gewonnen hat. Macht es für Sie einen großen Unterschied, ob Sie fürs Kino oder Fernsehen arbeiten?

Heike Parplies: Es ist natürlich etwas anderes. Wir haben fast anderthalb Jahre an "Toni Erdmann" geschnitten. Regisseurin Maren Ade hat bereits beim Drehen ganz andere Möglichkeiten gehabt und eine große Menge an Material liefern können. Wobei ich betonen möchte, dass auch Raymond Ley beim Drehen ein unheimliches Pensum herunterreißt. Ley und sein Kameramann Philipp Kirsamer sind ein eingespieltes Team. Sie drehen ungewöhnlich viel und sehr hochwertiges Material, mit dem man im Schnitt eine Menge Zeit verbringen kann. Sie nehmen auch Sachen auf, die nicht im Drehbuch stehen. Im Fall von "Borowski und das verlorene Mädchen" war es zum Beispiel das Videotagebuch der Hauptfigur. Zusätzlich haben wir Archivaufnahmen von IS-Kämpfern in den Film geschnitten, was für einen "Tatort" eher untypisch ist. Ich fand es gut, diese Bilder einzubauen, weil sie den islamistischen Terror greifbar machen.

Herr Kirsamer, haben Sie vor den Dreharbeiten ein visuelles Konzept entwickelt?

Philipp Kirsamer: Uns war von Anfang an klar, dass wir eine physische Kamera brauchten. Ich habe mich am Set fast immer in den Szenen bewegt und die meisten Bilder mit der Handkamera gedreht. Es ist bereits mein vierter Film mit Raymond Ley. Wir kennen uns gut und vertrauen uns völlig. Im Vorfeld sprechen wir viel über die Figuren und allgemein darüber, worauf es uns ankommt und wie wir es ausdrücken. Aber wir entwerfen dabei weder Konzept noch stellen wir Überlegungen an, mit welchen Schnitten wir jede einzelne Szene auflösen. Wir sind beide Suchende. Vor den eigentlichen Dreharbeiten waren wir mit Mala Emde in einem kleinen Team unterwegs, um schon mal das eine oder andere auszuprobieren Es ist eine der Stärken von Raymond Ley, aus der Arbeit heraus Ideen zu entwickeln. Er ist immer bereit, neue Wege zu gehen, weil ihn die herkömmlichen Lösungen langweilen, und er sucht so lange, bis er den richtigen gefunden hat.

Lassen Sie sich beim Schneiden von den Hauptmotiven des Films leiten?

Heike Parplies: Es ist nicht so, dass ich beim Schneiden einem bestimmten Konzept folge. Ich achte zunächst einmal auf das Schauspiel. Wenn mich das Schauspiel berührt, rückt das Technische in den Hintergrund, etwa ob die Kamera gerade wackelt oder der Anschluss stimmt. Grundsätzlich versuche ich den Film im ersten Schritt so zu schneiden, wie es das Buch vorgibt. Es kommt aber vor, dass man beim Überarbeiten des ersten Rohschnitts mit dem Regisseur zusammen eine neue erzählerische Struktur findet. In diesem "Tatort" bestand die Herausforderung darin, zwei Handlungsstränge miteinander zu verzahnen. Zum einen wollten wir die Radikalisierung eines Mädchens greifbar machen. Zum anderen mussten wir dem Format gerecht werden und einen Mord schildern. Wir haben daher die Chronologie des Buches verändert und die beiden Hauptstränge am Anfang parallel montiert.

Wir sehen die Hauptfigur Julia häufig in Großaufnahmen ...

Philipp Kirsamer: Bei Julia hat es mich persönlich stark interessiert, was eine junge, attraktive Frau dazu bringt, unsere Gesellschaft nicht länger zu tolerieren. Um diese Frage zu beantworten, bin ich mit der Kamera ungewöhnlich dicht an ihr dran gewesen. Ich klebte mit der Kamera fast an ihr. Im Laufe des Films fiel uns auf, dass wir insgesamt nur wenige Totalen gedreht haben. Dadurch sind einige Szenen nicht so verortet, wie es der Zuschauer vielleicht gewohnt ist.

Wie wichtig sind Ihnen körperliche Details?

Philipp Kirsamer: Der Kopf erzählt nicht alles. Es ist filmisch gesehen reizvoller, wenn man von der Hauptgeschichte einmal weg geht und die Hauptfigur ins Off setzt, um zu schauen, was sonst noch so alles passiert – mit den Händen, mit der Blume auf dem Tisch, mit dem Vorhang. Ich finde, der Film "Das weiße Band" hat darin Maßstäbe gesetzt. Es ist viel subtiler, wenn die Gewalt hinter der Tür bleibt, als wenn man mit ansehen muss, wie jemand verprügelt wird. Ich arbeite oft mit einer zweiten Kamera, die nur Details aufnimmt, Lippen, Haare, Augen.

Drücken Sie im Schnitt mehr aufs Tempo als früher?

Heike Parplies: Auf jeden Fall werden die meisten Filme heute tendenziell auf Schnelligkeit geschnitten. Man erzählt nicht mehr alles aus, sondern steigt oft mitten in einer Szene ein oder aus. Wenn man alte Filme sieht, schmunzelt man heute oft ein wenig über die gemächliche Erzählweise. Die Zuschauer wurden viel mehr an die Hand genommen. Heute sind sie mehr gefordert, besonders von einem Format wie dem "Tatort", bei dem hohes Tempo gefragt ist. Man kann die langsamen Szenen auch nicht zu gemütlich schneiden, weil es sonst schwierig wird, sie mit den schnellen Actionszenen zu verknüpfen und die Tempowechsel hinzubekommen.

Sind Kameramänner im Schneideraum verboten?

Philipp Kirsamer: Nein, überhaupt nicht. Es gibt natürlich Kollegen, die dem Cutter eindringlich ihre Vorstellung vermitteln. Aber ich möchte niemandem mein Diktat aufzwingen. Ich sage dem Cutter, wenn du die schöne Einstellung siehst, dann freue ich mich. Wenn du sie nicht siehst, dann war sie halt doch nicht so schön. Am Anfang war ich mehr dahinter her, meine schönsten Bilder unterzubringen. Es hat mit wachsendem Vertrauen zu tun. Außerdem passen die schönsten Bilder manchmal überhaupt nicht zum Film. Dann versuche ich, ohne jede Eitelkeit der Sache zu dienen und sage: Hey, hau’ sie raus!

Wie hat sich Ihre Handschrift über die Jahre verändert?

Heike Parplies: Ich bin teilweise radikaler geworden. Weil ich nicht mehr alles so breit auserzähle und mich mehr traue, Sachen wegzulassen beziehungsweise "unsauber" zu schneiden. Einen guten Schnitt erkennt man auch daran, was er alles nicht zeigt. Heute habe ich auch mehr ein Auge dafür, was neben den Dialogen so alles passiert. Für die Feinheiten in der Körpersprache, die feinen Gesten. Es sind die kleinen Dinge, auf die ich heute mehr achte.

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