Fragen an die Drehbuchautoren Mark Monheim und Stephan Wagner

Stefan Krüger (Jörg Malchow) und seine Frau Sandra Krüger (Franziska Hartmann) möchten der Polizei keine Auskunft mehr geben.
Stefan Krüger und seine Frau Sandra Krüger möchten der Polizei keine Auskunft mehr geben. | Bild: MDR

Das Thema der Kindesentführung wurde sowohl filmisch als auch literarisch schon öfters aufgearbeitet. Mit welcher Motivation haben Sie das Thema für das Format des Dresdner Tatorts ausgewählt?

Diese Entscheidung hatte viele Gründe und Aspekte. Wir wollten einen emotional-packenden, düsteren, abgründigen Film entwickeln. Und Verbrechen an Kindern sind nun mal so ziemlich das Schrecklichste, was Menschen einander antun können. Solche Taten sind für viele Menschen einfach nicht nachvollziehbar. Kinder wecken in uns Beschützerimpulse; ihre Wehrlosigkeit, Vertrauensseligkeit und Liebessehnsucht rührt uns. Und Kinder führen uns die eigene Verletzbarkeit vor Augen. Das spurlose Verschwinden des geliebten Kindes ist die ultimative Angst aller Eltern – dabei gibt es im Alltag ja so viel größere und wahrscheinlichere Gefahren. Wir wollten den ernsteren Tonfall weiterverfolgen, der bereits in den vorherigen Folgen des Dresdner Tatorts angeschlagen wurde. Daher war es unser Ziel, die Ermittler emotional stärker zu involvieren – dafür brauchten wir einen Fall, bei dem großer Druck auf den Ermittlungsbehörden lastet. Ein getötetes Kind versetzt schnell eine ganze Stadt oder Region in Aufruhr, die Menschen sind in ihrem Alltag unmittelbar betroffen: Lasse ich mein Kind allein zur Schule gehen, oder auf dem Spielplatz spielen, obwohl da draußen ein Kindermörder rumläuft? Natürlich stürzen sich auch die Medien auf solch ein Thema und heizen so die Stimmung weiter an. Und auch die Frage nach den Grenzen staatlicher Befugnisse stellt sich mit einer anderen Vehemenz, wenn es um Kinder geht – wie der echte Fall Magnus Gäfgen ja eindrucksvoll gezeigt hat. Darf die Polizei weiter gehen als üblich, wenn ein Kind in Gefahr ist? Trotz all dieser Aspekte war uns natürlich klar, dass wir ein Thema aufgreifen, das schon häufiger filmisch behandelt wurde. Deshalb geht es in unserer Geschichte auch sehr stark um den Täter, um seine inneren Kämpfe, sein Ringen mit seiner Störung, der er sich durchaus bewusst ist. Auch geht es um das Abhängigkeitsverhältnis zu einer manipulativen, kontrollierenden Frau, mit der er eine fast hermetische Beziehung führt. Dieser Blick in eine durchaus intime, zärtliche und liebevolle, aber auch kranke und gestörte Paarbeziehung, die den Täter lange Zeit vor der Entdeckung schützt, ist das eigentliche Neue, Ungewöhnliche an diesem Tatort.

Gab es in ihrem realen Umfeld einen ähnlichen Vorfall, der Sie für die Drehbuchidee inspiriert hat und Sie bei der Stoffentwicklung beeinflusst hat?

Nein. Aber natürlich haben wir die Fälle Elias, Mohammed und Inga verfolgt, die uns sehr nahe gegangen sind.

In "Déjà-vu" wird eine Figur verdächtigt, die Tat begangen zu haben und beschuldigt, pädophil zu sein. Die daraus resultierenden Folgen für sein Leben sind gravierend. Was hat sie daran interessiert?

Der Aspekt einer aufgeheizten Stimmung in der Bevölkerung war für uns ganz zentral. Einerseits sicherlich aufgrund der aktuellen Lage in der Bundesrepublik mit enorm vielen Anschlägen gegen Flüchtlingsunterkünfte und einer allgemein sehr hitzigen und aggressiven Atmosphäre vor allem in politischen und kulturellen Debatten. Andererseits ist unsere Zivilisation ganz allgemein nur eine dünne Haut, die schnell zerreißen kann. Emotional aufgebrachte Menschenmassen sind immer gefährlich und hinterher stellt sich oft heraus, dass man sich auf den Falschen gestürzt hat.

Bedingt das Format des Tatorts eine besondere Herangehensweise für die Ideenfindung und den Schreibprozess? Gibt es besondere Regeln, Vorgaben oder Herausforderungen?

Ja, sicherlich. Einerseits schreibt man ja meist auf eine konkrete Stadt und ein Ermittlerteam hin – man muss sich also mit regionalen Besonderheiten, dem Charakter der Stadt und natürlich mit den Ermittlerfiguren und den Darstellern auseinandersetzen, sie kennenlernen. Man muss den Tonfall und die Machart der vorangegangenen Fälle beachten und aufgreifen, ohne sich davon zu sehr einschränken zu lassen. Gleichzeitig ist die Entwicklungszeit begrenzt und meist schon klar umrissen, weil in der Regel schon ein Drehtermin feststeht. Das bedeutet, dass man eigentlich schon mit der ersten Fassung einen ziemlichen Treffer landen muss, denn für Experimente und Umwege ist die Zeit oft zu knapp. Das bedeutet einerseits großen Druck, andererseits aber auch schnellen Lohn für die Mühen und zwar nicht in erster Linie in finanzieller Hinsicht – für uns Drehbuchautoren ist es der schönste Lohn, wenn unsere Geschichten realisiert werden. Bei freien Projekten dauert das manchmal viele Jahre, insofern ist Tatort-Schreiben eine sehr befriedigende Arbeit!

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