Statement Dustin Loose

Regisseur

René Zernitz (Benjamin Lillie) wartet am Schwimmbad auf seine Freundin Jennifer.
René Zernitz wartet am Schwimmbad auf seine Freundin Jennifer. | Bild: MDR

Das Drehbuch zum Dresdner-Tatort "Déjà-vu" von Mark Monheim und Stephan Wagner hat mich sofort eingenommen. Es will kein klassischer Ermittlerplot oder "whodunit" sein, sondern schafft die Balance zwischen den wuchtigen Geschichten von Verlust und Trauer, aber erzählt eben auch die perfide Geschichte über Täter und Mitwisser. Dass der Film dabei nicht versucht, das Psychogramm eines Pädophilen zu trivialisieren, sondern seinen Blick auf die Beziehung des Täters legt, finde ich als Perspektive außergewöhnlich und relevant. Die Rolle von Mitwissern bei Fällen von sexuellem Missbrauch gilt noch immer als Tabu und in den überwiegenden Fällen gehen diese Menschen straffrei aus, weil ihnen eben ihr "Wissen" schwer nachzuweisen ist. Das gemeinsame Geheimnis und bewusste "Wegsehen" lässt aus einer Mitwisserin eine Mittäterin werden.

Obwohl der Täter vergleichsweise früh für den Zuschauer erkennbar ist, wollten wir mit dem Eintauchen in diese Strukturen sowie der empathischen Ermittlungsarbeit der Kommissare einen spannenden und atmosphärischen Krimi erzählen. Die Entscheidung für eine klare Bildsprache und ungeschönte Ästhetik dient dabei der Glaubwürdigkeit des Themas und auch der Würde der Betroffenen, ohne dabei voyeuristisch oder unaufrichtig zu sein. Die Ensemblegröße des Filmes ist beträchtlich und stellte mich auch inhaltlich vor eine große Herausforderung an die Besetzung. Mit Casterin Iris Baumüller an der Seite hatte ich eine wunderbare Partnerin, die mich mit ihrer Erfahrung und ihrem tiefen Verständnis für die Geschichte und ihre Figuren dabei begleitete. Für die Rollen der betroffenen Eltern – schockiert vom brüllenden Verlust oder erstarrt vom nie aufgeklärten Verschwinden ihres Kindes – haben wir die herausra- genden Schauspieler Jörg Malchow und Franziska Hartmann ("Über Barbarossaplatz"), sowie Jörg Witte und Anna Grisebach gewinnen können, die dem Zuschauer mit ihrer Empathie und Schonungslosigkeit einen Blick in die Seele der Betroffenen ermöglichen. Die Besetzung des "Täter-Pärchens" als sympathische Menschen, die wir gerne anschauen, war mir wichtig. Möglichst fern von einem "Pädophilenklischee" und von scheinbar eindeutiger äußerlicher Verortbarkeit, sollen sie uns als Zuschauer mit in die Falle locken. Benjamin Lillie ("Dead Man Working") spielt seine Figur "René Zernitz" mit jugendlichem, fast kindlichem Charme, während Alice Dwyer als "Jennifer Wolf" mit aller Macht versucht, seiner fatalen Orientierung und die Beziehung zu beherrschen. Auch die Suche nach geeigneten Kinderdarstellern, die es schaffen, die Geschichten ihrer Figuren ehrlich zu erzählen und gleichzeitig auch mit ihnen umgehen zu können, war eine Priorität für uns und wurde mit großer Sorgfalt von erfahrenen Partnern durchgeführt sowie vor- und nachbereitet.

Die Arbeit mit den Dresdner Kommissaren Sieland (Alwara Höfels), Gorniak (Karin Hanczewski) und Schnabel (Martin Brambach), die lange Zeit ohne wirklichen Anhaltspunkt und gejagt von einem ungelösten Fall in der Sache ermitteln müssen, war natürlich für mich als "Tatort-Debütant" eine spannende Aufgabe. Dass man mir dabei jedoch so offen und auf Augenhöhe, mit unbändiger Spielfreude und Mut begegnet, war für mich eine außerordentlich bereichernde Erfahrung.

Der Dresden-Tatort "Déjà-vu" ist mein erster Langspielfilm und ich bin sehr glücklich, dieses "Debüt" in einem so renommierten Format mit einem besonderen Fall für das Dresdner Team begehen zu können. Dass ich ihn mit vielen Mitstreitern meiner vorangegangenen Filme umsetzen konnte, war für mich ein zusätzlicher Glücksfall. Sowohl mit dem Kameramann Clemens Baumeis- ter und der Editorin Anna-Kristin Nekarda, mit denen ich gemeinsam an der Filmakademie Ba- den-Württemberg in Ludwigsburg studiert habe, sowie den Musikern Dürbeck & Dohmen verbin- den mich bereits mehrere Jahre künstlerischer Komplizenschaft, unter anderem bei meinem Film "Erledigung einer Sache", der im Jahr 2015 mit dem Studentenoscar ausgezeichnet wurde.

In der Vorbereitung zu den Dreharbeiten haben mein Team und ich viel Zeit in Dresden und Umgebung verbracht, sind auf Entdeckungsreise quer durch alle Stadtteile und -viertel gegangen, um für unseren Film eine möglichst breite und authentische Wahrnehmung Dresdens und seiner Atmosphäre zu ermöglichen. Die Offenheit und das Interesse der Menschen, die uns in dieser Zeit begegnet sind, hat uns sehr ermutigt diese nicht einfache Geschichte jetzt und hier zu erzählen.

Natürlich haben wir während unserer Arbeit an dem Film immer mal wieder im Hinterkopf gehabt, dass ihn hoffentlich viele Menschen sehen und diskutieren werden. Mein Team und ich empfinden dies als große Inspiration und Ansporn. Dabei war die Offenheit und das Vertrauen, das mir durch die Produktionsfirma Wiedemann & Berg Television sowie durch die MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt und den Redakteur Sven Döbler vom MDR entgegengebracht wurde, ganz entscheidend.

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