Interview mit Frank Strobel, Andreas Maul und Jörg Himstedt

hr-Sinfonieorchester spielt Musik zum hr-Tatort "Im Schmerz geboren"

Frank Strobel
Frank Strobel ist ein international renommierte Experte im Bereich Filmmusik.

Das hr-Sinfonieorchester hat die Musik zum neuesten hr-"Tatort" mit Ulrich Tukur eingespielt, ausschließlich klassische Werke. Am Dirigentenpult: Frank Strobel, international renommierter Experte im Bereich Filmmusik. Mit ihm, mit hr-Redakteur Jörg Himstedt und mit dem Chefdramaturgen des hr- Sinfonieorchesters, Andreas Maul, hat Daniela Sommer über das Projekt gesprochen.

Herr Strobel, Sie dirigieren und verfolgen parallel den "Tatort" auf dem Monitor – wie bekommen Sie es hin, dass die Musik exakt auf die jeweilige Szene passt?

Frank Strobel: Hier ist schon einige Erfahrung nötig. Dabei ist mir der Timecode, der im Film mitläuft, gar nicht wichtig, ich richte mich ausschließlich nach dem Bild: Ich setze die Bewegungen der Schauspieler musikalisch um, ebenso den Rhythmus, in dem der Film montiert ist. In diesem Moment fange ich an, mit dem Bild zu atmen. Voraussetzung dafür ist, den Film sehr gut zu kennen.

Wie bereiten Sie sich noch vor?

Frank Strobel: Der hr-Cutter Stefan Blau hatte ja den Film bereits zu Musik geschnitten, die in anderen Aufnahmen vorlag. Ich habe mir jeweils die Stellen gesucht, an denen das hr-Sinfonieorchester einsetzt, ein Synchronkonzept erarbeitet und dieses in die Partitur übertragen: Hier rechne ich genau die Tempi aus und schreibe mir das, was ich im Bild sehe, in die Noten hinein, so genannte Synchronpunkte. Eine Art musikalischer Fahrplan.

Was, wenn der akustische Akzent dann bei der Aufnahme nicht exakt auf den optischen passt?

Frank Strobel: Dann wiederhole ich die Sequenz, variiere das Tempo. Dabei muss man wissen: Jedes Orchester interpretiert klassische Musik auf seine Weise. Wenn ich gegen dessen Gewohnheit das Tempo verringere oder erhöhe, damit Bild und Musik synchron sind, muss ich schon ein wenig "kämpfen". Doch dieses Orchester ist hochprofessionell. Flexibilität war auch bei der musikalischen Bandbreite gefragt: Im "Tatort" ist Musik vom Barock bis zur Spätromantik zu hören, wir haben Sibelius, Verdi, Bach, Vivaldi gespielt, dazu Filmmusik aus den 1960er-Jahren. Da müssen die Musiker ständig umschalten – was hervorragend gelungen ist.

Sie haben schon einige "Musik und Film"-Projekte mit dem hr- Sinfonieorchester gemacht - was hat sie an diesem gereizt?

Frank Strobel: Als ich diesen "Tatort" das erste Mal gesehen habe, dachte ich: Oh, ein sehr eigenwilliges Werk, bei dem die Musik eine ganz herausragende Rolle spielt. Eher brutale Szenen erhalten durch sie eine Künstlichkeit, die Brutalität wird auf eine ganz andere Ebene gehoben. Ein sehr bemerkenswerter Film. Für mich war es eine Freude, nach so viel Filmmusik auch mal einen "Tatort" zu machen, zumal ich sehr gerne mit dem hr- Sinfonieorchester zusammenarbeite.

Andreas Maul, Chefdramaturg des hr-Sinfonieorchesters:

Musik vom hr-Sinfonieorchester für den hr-"Tatort" - eine außergewöhnliche Premiere!

Andreas Maul: Cutter Stefan Blau und Regisseur Florian Schwarz hatten bereits eine musikalische Dramaturgie entwickelt und insgesamt zwanzig Musiken ausgewählt, als die Anfrage zur Zusammenarbeit kam. hr- Musikchef Michael Traub und ich haben darauf in unserem Archiv zunächst eigene Aufnahmen recherchiert, die die entsprechende musikalische Qualität mitbrachten und auch vom Tempo her zu den Filmbildern passten. Die Hälfte der Musikausschnitte konnten wir so direkt oder durch Vorschläge alternativer Musiken aus unserem Archiv abdecken. Die restlichen zehn Nummern wurden darauf nun eigens für den "Tatort" eingespielt.

Welche Titel sind denn im Film zu hören?

Andreas Maul: Ganz bekannte Stücke: die "Egmont"-Ouvertüre von Beethoven beispielsweise, "Die Planeten" von Gustav Holst, die populäre "Holberg-Suite" von Grieg oder die 1. Sinfonie von Brahms, aber auch einige Ausschnitte aus Opern. Eine ganz besondere Rolle spielt die Musik aus dem Film "Jules et Jim" von François Truffaut – doch von den drei Musiknummern, die der "Tatort"-Regisseur verwenden wollte, gab es kein Notenmaterial mehr. Nachdem wir die Witwe des Komponisten ausfindig gemacht hatten und auch sie passen musste, haben wir uns dann die Genehmigung von ihr geholt, die Musiken aus dem Originalsoundtrack neu transkribieren zu lassen. Und das hat sich mehr als gelohnt.

Jörg Himstedt, Redakteur FS Spiel und Spielfilm:

Wie kam es zu der Idee, das hr-Sinfonieorchester die Musik zum neuen "Tatort" spielen zu lassen?

Der Wunsch der Fernsehspielredaktion, mit dem hr- Sinfonieorchester eine Filmmusik einzuspielen, ist ein langgehegter. Bei diesem "Tatort" stand sehr schnell fest, dass wir gern mit klassischer Musik arbeiten würden. Uli Dautel (Herstellungsleitung) und ich haben den Film dann Michael Traub und Andreas Maul vom hr-Sinfonieorchester vorgestellt und stießen auf große Begeisterung. Den beiden ist es dann gelungen, den renommiertesten deutschen Dirigenten von Filmmusik, Frank Strobel, für das Projekt zu gewinnen. Mehr geht einfach nicht! Dieser Film ist ein sehr besonderer: Ein Rache-Melodram mit einer Prise Italo-Western und viel Shakespeare. Ein Film von großer Wucht, Spannung ud Emotionen. Klassische Musik ist einfach kongenial dazu! Wir im Fernsehspiel hoffen, dass das der Beginn einer ganz großen "Freundschaft" wird. Dieser "Tatort" scheint uns genau der richtige Film für den Start unserer Affäre zu sein!

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