"Immer mehr Menschen stumpfen für ihre unmittelbare Umwelt ab"

Drehbuchautorin Dagmar Gabler über den "Tatort: Wir – Ihr – Sie"

Besprechung am Set (v. li. n. re.): Torsten Junker (Regieassistent), Torsten C. Fischer (Regisseur), Candy Maldonado (Script), Helen Laitzsch (Maske), im Vordergrund:  Emma Drogunova (Rolle Paula).
Besprechung am Set vom Berliner "Tatort: Wir – Ihr – Sie". | Bild: rbb

Warum trägt der "Tatort" den Titel "Wir – Ihr – Sie"?

Mein Mann berichtet, ich sei nachts hochgeschreckt und hätte mit Geisterstimme gesagt: "WIR – IHR – SIE"! Spaß beiseite: Tatsächlich war dieser Titel wie der "Tatort"-Stoff selbst plötzlich einfach da. Beim darüber nachdenken gefiel mir dann, dass diese drei sehr häufigen, wichtigen und kurzen Worte Identität und Abgrenzung zugleich definieren. Inhaltlich passte das zu den drei Teenager-Mädchen im Fokus der Geschichte, die ein starkes Gefühl von WIR gegen Euch (also IHR) empfinden – und SIE sollen sie nicht stören. Gleichzeitig erzählt die Wort-Reihung eine Entwicklung, eine Distanz entsteht und wird gesteigert: WIR ist sehr nah, IHR weiter weg und SIE sind fremd. Außerdem ist der Titel ein irritierender Stopper, der mich als Zuschauer neugierig machen würde und das Publikum direkt anspricht: "Tatort: Wir..." – also auch Provokation. Und zuletzt Verwirrspiel: Wer ist hier WIR? Wer IHR? Und wer SIE? Wer ist schuld? Am Tod dieser Frau? An unseren Kindern? Nie hätte ich gedacht, dass dieser Arbeitstitel "durchkommt". Umso mehr freue ich mich über die Entscheidung des Senders.

Im m neuen Berliner "Tatort" geht es um ein jugendliches Mädchen-Trio, welches nach einer Shoppingtour in ein fremdes Auto einbricht und die Mutter eines Mitschülers überfährt. Was hat Sie auf die Idee zu dieser Geschichte gebracht und beruht der Fall womöglich auf einer wahren Begebenheit?

Als Drehbuchautorin bin ich Dramatikerin, d.h. ich verdichte und erweitere, was ich wahrnehme und empfinde. Dazu gehört zu allererst Eigenbeobachtung. Ich – aber nicht nur ich – reagiere in der Öffentlichkeit öfter genervt von anderen. Die Stadt wird dichter, krasser ... Jeder hat immer mehr auf der Agenda, offensives Verhalten im Verkehr nimmt zu, auf den Straßen, in U- und S-Bahnen – und besonders, wenn Menschen in Gruppen unterwegs sind. Ich beobachte mehr Gleichgültigkeit, mehr gestresstes Verhalten bis hin zu Aggression, Enthemmung, Verrohung. Als Autofahrerin weiß ich außerdem, wie einfach im Affekt ein Auto zur Waffe werden kann. Krasse Teenies kennt, glaube ich, jeder, der mit offenen Augen durchs Leben geht, aber eine wahre Begebenheit liegt nicht zugrunde. NACH dem Dreh ging jedoch ein ähnlicher Vorfall mit drei 14-jährigen Mädchen durch die Medien, die mit einem gekidnappten Auto einen Unfall mit Todesfolge verursacht haben und dann einen Täter erfunden haben, um der Strafe zu entgehen.

Die Mädchen versuchen die Tat zu vertuschen und lügen alle eiskalt an. Woher kommen ihr empathieloses Verhalten und ihr fehlendes Schuldbewusstsein hinsichtlich des Mordes?

Schuld wird erst mal nicht empfunden, sie wird verdrängt oder steigt erst ins Bewusstsein auf, als die Mädchen tatsächlich mit dem Schmerz, den sie verursacht haben, konfrontiert werden. Vorher lassen sie die Tat abprallen, so wie man einen nicht willkommenen Anrufer wegdrückt: Was sollen sie sich davon ihr Leben versauen lassen, dumm gelaufen, schon zu spät ... Die sind eher narzisstisch unterwegs. Das liegt nicht nur an ihrem pubertären Zustand, ich beobachte eine generelle Entwicklung dahin. Immer mehr Menschen scheinen immer mehr mit sich und ihrem Smartphone beschäftigt zu sein und stumpfen für ihre unmittelbare Umwelt ab.

Obwohl alle drei Mädchen aus sehr unterschiedlichen Elternhäusern kommen, ist ihr Verhältnis zu den Eltern doch ähnlich: nämlich bei allen gleich schlecht. Was ist da schiefgelaufen?

Auch die Eltern sind ziemlich beschäftigt – will doch keiner mehr ewig zurückstecken wegen der Kids. Und in einem bestimmten Alter sind die halt meistens auch schwierig. Zwei der Mädchen sind Einzelkinder und ihre Elternparteien alleinerziehend. Und Charlottes Eltern haben Stress mit ihrer Fahrschulen-Existenz. Charlotte ist schon seit zwei Jahren schwierig, ihre Mutter stumpft weiter ab und ist immer frustrierter von ihrer Tochter. Deren "Versagen" und Krassheit überfordert sie – die Mutter weiß sich nicht mehr zu helfen, holt sich aber auch keine Hilfe.

Hätte der Fall anders enden können, wenn die Mädchen ein vertrauensvolleres Verhältnis zu ihren Eltern gehabt hätten? Und was hätten die Eltern anders machen können/sollen?

Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen, sagt man. Und wenn aus Kindern Verbrecher werden, fragt sich doch fast jeder, was WIR gesamtgesellschaftlich falsch machen. Natürlich sind auch die Eltern in der Verantwortung. Ein vertrauensvolles Verhältnis ist jedoch nicht alles, man muss seine Kinder kennen und ihnen nicht blind vertrauen, ihnen Zeit und Wärme schenken und genug soziale Kompetenz vermitteln, damit sie nicht einfach Leute aus dem Weg räumen, die sie nerven. Und auch Mitgefühl kann man lernen. Ich habe manchmal auch den Eindruck, dass Werte verloren gehen. Die Mehrheit erzieht ihre Kinder (teils aus verständlichen Gründen) nicht mehr religiös, liefert aber für dabei verlorengehende gemeinschaftliche Erfahrungen, Rituale und Werte keinen wirklichen Ersatz jenseits des Karriere- und Konsum-Werte-Kanons. Und bei den Eltern klingelt auch ständig das Handy, sie haben wenig Zeit für ihre Kinder und deren Sinnsuche, sind oft selbst in komplizierten Phasen, Großeltern sind nicht mehr in der Nähe, etc.... Dazu kommt, dass Konfrontation mit Schmerz oder den Grausamkeiten des Lebens oft vermieden werden – Kids müssen für ihre Fehler oft nicht die Konsequenzen spüren oder gar tragen. Auch ist im Smartphone-Zeitalter für Eltern der Zugang zu den außerfamiliären Netzwerken der Kinder schwieriger als früher, als noch alle Telefonate über eine Familien-Leitung liefen oder man gemeinsam vor einem Fernseher saß und nicht jeder vor seinem Display. Absurd, weil ja eigentlich die Kinder für die Eltern per Handy nun jederzeit erreichbar sind. Aber Erreichbarkeit und Vernetzung sind nicht gleich Nähe.

Nach der Tat kommunizieren die Mädchen Tag und Nacht über ihre Smartphones weiter. In den Medien werden die heutigen Jugendlichen auch oft als "Generation Smartphone" bezeichnet. Welchen Einfluss haben Smartphones und die sozialen Medien auf die Jugend – und auf die Gesellschaft insgesamt?

Wir haben eine zusätzliche Seins- und Identitäts-Währung. Jeder ist fast konstant doppelt und dreifach gefordert: In der "dinglichen" Welt und gleichzeitig in den "virtuellen" Welten. Jeder ist beinah immer verfügbar und checkt ständig, was online Sache ist. Das kostet sehr viel mehr Energie, als wenn man sich auf nur eine Welt konzentriert oder mal ganz "abschaltet". So ein "Multi-Tasking" ist anstrengend. Die Aufmerksamkeit und Energie dafür fehlt woanders und das führt zu Defiziten. Soziale Medien fordern ein "Sich preisgeben" und fördern die Publizierung eines meist geschönten "optimierten" Selbsts. Und die ständige Kommentierung und Bewertung von allem und jedem verstärkt diese Ich-Bezogenheit – u.a. auch auf Kosten von wirklicher Lust, Interesse und echter Teilnahme am Anderen.

Wie können Eltern das digitale Nutzungsverhalten ihrer Kinder sinnvoll beeinflussen oder gar einen kritischen Umgang damit bewirken?

Bei sich anfangen und das Ding auch mal selbst wegpacken. Ich habe genauso wenig Verständnis für Eltern, die am Esstisch mit ihren Kindern ihr Smartphone neben sich liegen haben, von den Kindern aber verlangen, dass sie das nicht tun, wie für Eltern, die gar nicht kontrollieren und froh sind, wenn sie ihre Ruhe haben und selber chatten oder zocken können. Ich muss immer lachen, wenn ich höre, dass Eltern ihren 13-Jährigen nicht mehr erlauben, nach 23.00 Uhr noch online zu sein. Wow, wa? SCHON um 23.00 Uhr Router aus? Wie wäre es mal mit ganzen Tagen oder Wochen? Da höre ich schon den Aufschrei: Realitätsfern! Die muss ja keine Kinder mehr erziehen und kann leicht reden! Idiotisches Social-Media-Bashing! usw. In dem Zusammenhang möchte ich auf einen Vortrag der Soziologin Sherry Turkle "Connected but alone" verweisen, der im Netz (!) zu finden ist. Diesen kurzen Bericht von Gefahren seelischer Verkümmerung im digitalen Zeitalter findet, glaube ich, jeder aufschlussreich.

Wie nutzen Sie persönlich die sozialen Medien/Smartphones und wie stark beeinflusst das Ihr Leben?

Ich bin seit Ende der 80er PC- und Anfang der 90er Handy-Nutzerin und kenne die Vor- und Nachteile und Eigendynamiken und versuche mich nicht vereinnahmen und hysterisieren zu lassen. Aber nützliche Apps weiß ich zu schätzen und habe das Web meistens griffbereit. Ich habe einen Mail- Account und eine Webseite, recherchiere u. a. online, nutze Twitter passiv, wenn auch eher um "nicht den Anschluss zu verlieren". Aber das war’s: keine Chats, kein Instagram o. ä. Und nach ein paar Jahren Facebook bin ich wieder "ausgetreten". Ich gehöre nicht zu den Leuten, die ihr Smartphone anlassen in Meetings oder Verabredungen. Dass das inzwischen normal ist, ärgert mich jedes Mal aufs Neue, und wenn ich mich selber auf der Straße aufs Smartphone starrend erwische, könnte ich kotzen. Ich freu mich immer, wenn ich es zu Hause vergesse.

In "Wir – Ihr – Sie" handeln beide Kommissare gesetzeswidrig. Zum einen betäubt Robert Karow einen Mann mit K.O.-Tropfen und hält ihn fest, da er ihn mit dem Mord an seinem Kollegen in Verbindung bringt. In einer anderen Szene rutscht Nina Rubin die Hand gegen eines der Mädchen aus. In beiden Fällen geht es um die Aufklärung eines Mordes. Heiligt der Zweck in diesem Fall die Mittel?

Karow wurde von dem K.O.-Tropfen-Mann vorher richtig "böse gefickt" und Nina wurde extrem provoziert. Nicht nur die drei Teenager reagieren also unangemessen unkontrolliert – und beinahe verroht – auf "Stress", sondern auch die Elterngeneration. Natürlich heiligt der Zweck die Mittel nicht. Das Gemeine im Leben ist allerdings, dass auch solche Mittel manchmal den Zweck erfüllen – auch ohne Heiligung. Ist nicht korrekt, kommt aber in den besten Kripo-Kreisen vor hab ich mir sagen lassen.

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