"Rocky erhofft eine Art Absolution"

Gespräch mit Christoph Letkowski

»Rocky erhofft eine Art Absolution, indem er ein weitaus größeres Verbrechen verhindert.«

Rocky (Christoph Letkowski) und Laura (Claudia Eisinger) warten nervös auf einen Anruf.
Christoph Letkowski ist Rocky | Bild: NDR / Marion von der Mehden

Sie spielen den Schleuser Rocky. Wie kann es sein, dass dieser im Grunde herzensgute Mann einen Mord begeht?

Rocky ist aus Liebe zu seinem Bruder auf die schiefe Bahn geraten. Er hat auf den Älteren gehört und sich dessen Schmugglerbande am Flughafen angeschlossen. Dort unterläuft ihm ein entscheidender Fehler, er begeht einen Mord im Affekt, den er zunächst zu vertuschen versucht. Der springende Punkt ist: Rocky tötet, weil er als werdender Vater für seine Familie da sein will. Als Schauspieler ist es nicht meine Aufgabe, ihn moralisch zu bewerten, sondern die Gründe herauszufinden, warum diese Figur Gewalt anwendet. Nach meiner Vorstellung haben ihn seine Lebenssituation und ein negativer Zufall in eine Abwärtsspirale gebracht, aus der Rocky nicht mehr herauskommt.

Er macht einen zweiten Fehler und schmuggelt unwissentlich einen Terroristen ins Land.

Gleichzeitig sieht er darin eine Chance, den ersten Fehler wettzumachen. Die Härte ist ja nicht der Mord, den wir am Anfang sehen. Die Härte ist der Plan des eingeschleusten Islamisten Enis, in Hannover einen Massenmord zu verüben. Rocky erhofft eine Art Absolution, indem er ein weitaus größeres Verbrechen verhindert. Deshalb hält er Enis in einem Keller gefangen, um herauszufinden, was genau er vorhat.

Haben Sie sich vorher mit dem Thema Terrorismus und Islamischer Staat beschäftigt?

Ich habe mich zusammen mit dem Regisseur sehr lange und intensiv mit dem Thema beschäftigt – besonders im Hinblick auf das verbale Duell zwischen Rocky und Enis. Rocky ist nicht besonders schlau, sondern vielmehr ein Instinktmensch, der nach Gefühl agiert. Enis ist da ganz anders: intelligent, scharfsinnig und von einem unfassbaren Zorn erfüllt. Gegen ihn kann Rocky nur ankommen, wenn er an dessen Mitgefühl appelliert. Cem-Ali Gültekin hat mich hier sehr beeindruckt. Bei aller Konzentration auf seine Figur schaute er immer darauf, was braucht die Szene, was braucht mein Partner? Ich kannte ihn bisher als großartigen Komiker, der die lustigsten Sachen macht. Hier zeigt er sein breites Spektrum, mal ist er messerscharf und knallhart, mal ist er herzerweichend. Die innere Einstellung steht immer in seinen Augen geschrieben.

Eine solche Rolle spielt man nicht jeden Tag.

Einige Projekte macht man für die Firma, andere, weil sie einem am Herzen liegen. Dieser "Tatort" ist für mich eine Herzenssache gewesen. Ich finde diesen Film wichtig, weil er das Thema auf eine mutige Weise angeht. Der Terrorist wird authentisch – wie ein echter Mensch und nicht wie ein Abziehbild – in Szene gesetzt. Die Zuschauer können an ihn heranrücken und erfahren, was in diesem Mann vorgeht. Ich treffe im Job nicht immer auf Leute, bei denen ich das Gefühl habe, sie gehen mit einer ähnlichen Energie an die Sache heran und verfolgen die gleiche Vision. Hier passte es zusammen. Entsprechend habe ich mich in dieses Projekt hineingestürzt, mit meinen Ideen, meinen Angeboten und meiner Verfügbarkeit. Özgür Yildirim und ich, wir waren Brüder im Geiste.

Inwiefern?

Wir gehören einer Generation an, sprechen die gleiche Sprache, haben dieselben Vorbilder im Kino. Bei diesem Film kam eine relativ junge Generation von Leuten zusammen, viele von uns waren Mitte 30. Wir haben in der langen Vorbereitungszeit genau überlegt, welchen Fokus wir auf die Geschichte legen wollen. Und es war sehr wichtig für uns, dass wir am Ende mit aller Konsequenz auch zeigen konnten, was uns vorschwebte. Bei einer Institution wie dem "Tatort" reden viele Leute mit. Dieses Format hat eine Macht. Man trägt Verantwortung, wenn man einen "Tatort" dreht. Dessen muss man sich bewusst sein. Umso schöner ist es, wenn man dann in einem schwierigen Prozess Einigung erzielt.

Werden Sie häufig für die Rolle der harten Jungs gebucht?

Gegen meine Physiognomie kann und will ich nicht anspielen. Ich glaube an das US-amerikanische Prinzip, seine Stärken noch stärker zu machen. Damit komme ich gut klar. In dem Bremer "Tatort: Brüder" von 2014 spiele ich einen Schutzpolizisten auf dem Rachefeldzug und übe ein bisschen Selbstjustiz aus. Typ einsamer Wolf. Nach der Ausstrahlung sagte ein Freund zu mir: Du spielst immer die leidenden Männer.

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