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Aktuelles Datum: 23.05.2012

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Interview mit Thorsten Näter

Alle Drehbücher der Serie tragen die Handschrift von Autor Thorsten Näter.

Sabine Postel mit Thorsten Näter (M.) (Bild: dpa) Bild vergrößern bzw. verkleinern Bildunterschrift: Sabine Postel mit dem Regisseur und Drehbuchautor Thorsten Näter. ]
Das Erste: Was ist das Besondere an einer Anwaltsserie? Was muss man beachten? Welche ungeschriebenen Gesetze darf man nicht übertreten?Thorsten Näter: In Deutschland eine Anwaltsserie zu schreiben ist nicht einfach. Im angelsächsischen Raum, aus dem wir solche Serien zumeist kennen, ist die Hauptaufgabe des Anwalts, die Geschworenen zu überzeugen. Die gibt es bei uns nur, wenn es um Kapitalverbrechen geht. Außerdem ist das deutsche Recht im Gegensatz zum angelsächsischen zur Gänze schriftlich fixiert. Das heißt, bei klarer Faktenlage hat ein Richter in einem Strafprozess nur einen sehr geringen Ermessensspielraum. Das bedeutet, auch der Anwalt kann da nicht viel bewegen. Deswegen muss man für den Helden in einer deutschen Anwaltsserie oft einen Weg finden, den Prozess außerhalb des Gerichtssaals zu beeinflussen. Indem er neue Fakten zu Tage fördert, die die Unschuld des Mandanten beweisen oder jemand anderen belasten oder indem er versucht, Einfluss auf die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu nehmen. Auch in Zivilverfahren geht es eher darum, die Parteien zu versöhnen oder Fakten zu Tage zu fördern, die ein neues Licht auf die Sachlage werfen.

Das bedeutet: In der deutschen Serie ist der Anwalt weniger der Duellgegner eines Staatsanwaltes als viel öfter Ermittler, Spürnase, Mediator, Sozialarbeiter oder einfach nur ein guter Zuhörer. Was ist das Besondere an Gregor Ehrenberg?Das ist eben genau das, was Ehrenberg auszeichnet. Er hört zu. Er hört die Zwischentöne und er gibt sich nicht mit der auf den ersten Blick einleuchtenden Erklärung zufrieden. Außerdem ist er bereit, für seine Mandanten, denen er sich immer innerlich verbunden fühlt, bis zum Äußersten zu gehen.

Sie sind Krimispezialist: Kennen Sie sozusagen alle Seiten der Ermittlung und der Täter?Alle Seiten ganz sicher nicht, aber da ja meine Krimis meist von echten Polizisten oder Profilern gegengelesen werden und auch alle Bücher des "Dicken" einer Prüfung durch einen Anwalt unterzogen werden, lernt man mit der Zeit, wie die Dinge funktionieren, wie die Abläufe sind. Auch, dass unser natürliches Rechtsempfinden oft nichts mit der wirklichen Rechtslage zu tun hat. Aber trotz all der fachlichen Beratung entscheidet man auch immer wieder mal, nicht der Realität zu folgen, sondern sich an das zu halten, was das Publikum gewöhnt ist. (Bei uns ermitteln in der Regel zwei Menschen, selbst wenn es um Serienmorde geht, obwohl in der Realität eine riesige SOKO am Start ist, Prozesse ziehen sich oft über Jahre hin, aber bei uns muss das Ganze in einer Folge geschehen.) Aber jenseits von solchen Einzelentscheidungen fühlen wir uns schon der Realität verpflichtet.

Besteht Ihre Arbeitswelt nicht nur aus Schurken und dunklen Tatmotiven? Färbt das auf Ihr persönliches Empfinden ab?"Schurken" gehören ja eher in das Genre von Batman und James Bond, und selbst da werden sie inzwischen psychologisch vielschichtiger gezeichnet. In unserer Arbeit geht es ja vor allem darum zu zeigen, dass ein Großteil der Straftaten aus einer Situation heraus entsteht, die der Täter (subjektiv) als Notlage betrachtet. Das kann eine Ehefrau sein, die das Zusammenleben mit ihrem Mann nicht mehr erträgt, oder ein Jugendlicher, der es nicht akzeptieren kann, als einziger keine Markenjeans und keine Playstation 3 zu haben. Kriminelle Energie entsteht aus einer ganz persönlichen Situation, die kann ich beim Täter erspüren und hinterfragen. Und ich kann auch, wie das bei Ehrenberg oft der Fall ist, spüren, dass die Tat dem Beschuldigten nicht zuzutrauen ist. Zum Beispiel weil deutlich ist, dass dieser spezielle Mensch zwar auch über die notwenige Verzweiflung verfügt, aber nicht diese Mittel oder diesen Weg wählen würde, um dem Ausdruck zu verleihen. Das ist etwas, wofür Ehrenberg ein besonderes Gespür hat. Für mich persönlich bedeutet das: Ich beschäftige mich nicht mit Tathergängen und DNA-Spuren. Ich beschäftige mich mit Menschen, ihrer Art, miteinander umzugehen, ihren Motiven. Egal, ob es sich um einen Liebesfilm oder um einen Krimi handelt. Das bleibt immer gleich. Das erhält einem einen wachen Blick auf die Menschen, die einen umgeben, verdüstert also nicht meine Welt sondern erhellt sie eher.

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