Gespräch mit Thomas Thieme

DIE STADT UND DIE MACHT: Jochen Niemeier (Anian Zollner) und Karl-Heinz Kröhmer (Thomas Thieme) bei einer Abstimmung.
Thomas Thieme spielt den Politiker Karl-Heinz Kröhmer.

Karl-Heinz Kröhmer steht in der zweiten Reihe, er ist der mächtige "Strippenzieher" hinter den Kulissen. Wie würden Sie seine Persönlichkeit und Motivation beschreiben?

Karl-Heinz Kröhmer ist ein großes politisches Talent, wie es sie nur noch selten gibt. Er ist sehr intelligent, hat Kraft und ist skrupellos, selbst innerhalb seiner eigenen Partei. Solche Menschen denken meist von sich selbst, sie seien die Nummer 1. Kröhmer ist das aber aufgrund seiner Persönlichkeitsmerkmale nicht. Er ist zu viel, zu unangepasst, ihm fehlt das gewisse Mittelmaß, das wahrscheinlich für die Positionen in der ersten Reihe nötig ist.

Sie haben in Hauptrollen bereits einen Bundeskanzler und einen Kanzleramtsminister gespielt. Gibt es ein gewisses Faible des Schauspielers Thieme für die Verkörperung von Politikerpersönlichkeiten? Und haben Sie bei der Gestaltung der Rolle konkrete Vorbilder im Kopf gehabt?

Von einem Faible oder einer Affinität zu diesen Rollen würde ich nicht sprechen. Aber es ist natürlich so, dass bei der Besetzung solcher Persönlichkeiten die Auswahl an potenziellen Schauspielern nicht besonders groß ist. Wenn man dann einmal diese Rollen wie "Kohl" oder "Altmaier" gespielt hat, liegt es vielleicht näher zu sagen: "Das kann doch der Thieme machen." Bei Kröhmer handelt es sich um eine vom Autor zusammengebaute Figur, die wirklich sehr gut gelungen ist. Das vereinfacht vieles für das eigene Spiel. Generell versuche ich, bei allen Rollen mit realem Vorbild keine Kopie zu spielen. Ich bin immer bemüht, die Sprache oder bestimmte Verhaltensweisen nicht eins zu eins zu übernehmen, sondern selbst eine Figur zu kreieren. Da es nie möglich ist, ein hundertprozentiges Abbild zu schaffen, versuche ich lieber, die Rolle zu mir zu ziehen. Wenn man es schafft, eine Figur mit den eigenen Möglichkeiten zu kreieren, entsteht auch ein besonderes Maß an Glaubwürdigkeit, und darum geht es natürlich vor allem.

Sie haben im geteilten und im vereinten Berlin gelebt und gearbeitet. Das Politische hatte großen Einfluss auf Ihr persönliches Leben. Aus der ehemaligen DDR sind Sie Anfang der 80er Jahre "legal ausgereist". Haben Sie Verständnis für eine gewisse Politikverdrossenheit, wie man sie heute ausmachen kann?

Ich habe Verständnis für ein gewisses Maß an Politikverdrossenheit, aber es ist nicht klug und kann unter bestimmten Umständen auch gefährlich werden. Mit Hinblick auf die aktuelle politische Lage in Deutschland empfinde ich es persönlich als wichtig, Gesicht zu zeigen und sich zu positionieren. Ich habe mich bereits vor einigen Wochen der Stiftung und dem Freundeskreis von Til Schweiger angeschlossen. Nicht, weil ich ein besonders politischer Mensch bin, sondern weil ich selbst ein Flüchtling war. Zwar habe ich die DDR "legal" verlassen, aber auch nur mit einem Rucksack. Man lässt sein Leben zurück und weiß, man kann nicht mehr dahin zurück. Man war selbst in einem gewissen Maße entwurzelt. Politikverdrossenheit kann unter gewissen Umständen zu Pegida führen. Ich denke, dass alles, was beispielsweise in Dresden passiert, irgendwie unterbunden werden muss und hoffe sehr, dass die Politik das schafft. Hier wäre ein Politiker wie Kröhmer gefragt, der keine Angst hat und sich klar positioniert.

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