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Armes reiches Deutschland: Einmal unten, immer unten?

Armes reiches Deutschland: Einmal unten, immer unten? | Video verfügbar bis 23.11.2017

Vollzeitjob – und trotzdem arm? Immer weniger Menschen in Europa können von ihrer Arbeit noch leben, heißt es in einer aktuellen Studie. Auch in Deutschland fühlen sich trotz robuster Konjunktur viele Menschen abgehängt: Niedriglöhner, Multijobber, aber auch junge Familien. Drohen auch in Deutschland soziale Verhältnisse wie in den USA? Bleibt hier wie dort eine wachsende Unterschicht finanziell abgehängt und fern von gesellschaftlicher Teilhabe – ohne Chance, jemals der Armut zu entkommen?

Jochen Schweizer (Unternehmer, "Die Höhle der Löwen")

Jochen Schweizer
Jochen Schweizer

Der Investor aus "Die Höhle der Löwen" (Vox) kämpfte sich als Sohn einer allein erziehenden Mutter aus einfachen Verhältnissen nach oben. Heute erzielt der Event-Unternehmer mit über 550 Mitarbeitern Millionenumsätze und sagt: "Ich definiere Erfolg nicht über die Höhe meines Einkommens, sondern über die Sinnhaftigkeit meines Tuns." Als Motivationstrainer füllt Jochen Schweizer die Hallen. Sein Credo: Die Menschen sollen den entscheidenden Impuls bekommen, mehr aus ihrem Leben zu machen.

Katja Kipping, Die Linke (Parteivorsitzende)

Katja Kipping
Katja Kipping

"Die Reichen werden immer reicher, während die Mitte eher vom Abstieg bedroht ist." Die Parteivorsitzende kritisiert die soziale Spaltung. Wer Gerechtigkeit wolle, müsse sich mit den Superreichen anlegen. Seit Jahren fordert die Linke in ihrem Parteiprogramm die Wiedereinführung der Vermögenssteuer in Form einer Millionärssteuer. Hartz IV dagegen soll abgeschafft und durch eine sanktionsfreie Mindestsicherung von monatlich 1050 € ersetzt werden.

Dorothea Siems (Journalistin)

Dorothea Siems
Dorothea Siems

"Der Vorwurf des linken Lagers, die Wohlhabenden würden zu wenig Steuern zahlen, ist absurd", sagt die Wirtschaftsredakteurin der "Welt". Schließlich trügen die einkommensstärksten zehn Prozent der Bevölkerung deutlich mehr als die Hälfte der gesamten Einkommenssteuerlast. Der Sozialstaat, so Dorothea Siems, sei mitverantwortlich dafür, dass sich Armut in bestimmten Milieus verfestigt habe: "Mit seinen Transfers bietet er keine Hilfe zur Selbsthilfe, sondern stellt die Bedürftigen ruhig und macht sie lethargisch."

Jutta Czekay (Multijobberin)

Jutta Czekay
Jutta Czekay

Die 45-jährige Berlinerin arbeitet als Putzfrau und zusätzlich auf Minijobbasis bei einer Essensausgabe. Trotz der Doppelbelastung lebt sie mit ihren drei Töchtern von rund 1200 Euro im Monat. "Davon bezahle ich meine Miete und den Einkauf, dann ist das Geld weg." Für die Altersvorsorge oder einen Urlaub bleibt kein Geld. Dennoch ist die gelernte Schneiderin stolz, dass sie es aus eigener Kraft schafft. "Lieber putzen gehen als Hartz IV. Ich will unabhängig sein. Man muss den Kindern zeigen, dass Du etwas tun und kämpfen musst."

Klaus Milchau (Ehemaliger Industriearbeiter)

Klaus Milchau
Klaus Milchau

Der 66-jährige Mitinitiator der Montagsdemonstrationen in Dortmund beobachtet, dass der Wirtschaftsboom in einer traditionellen Industrieregion wie dem Ruhrgebiet nicht ankommt. "Die Mittelschicht hat keinen gerechten Anteil am wirtschaftlichen Erfolg. Das Lohnniveau ist zu niedrig", kritisiert Klaus Milchau, der selbst 48 Jahre gearbeitet hat. Durch prekäre Arbeitsbedingungen, etwa in der Zeitarbeit, hätten junge Familien heute keine Perspektive und Sicherheit mehr.

Georg Cremer (Generalsekretär Deutscher Caritasverband)

Georg Cremer
Georg Cremer

Die deutsche Debatte über Armut sei gefährlich populistisch, warnt der Caritas-Generalsekretär. Er kritisiert die rituelle Empörung von Sozialverbänden und Politikern bei der regelmäßigen Nachricht, die Armen würden immer ärmer werden. Solche Empörung entwerte unseren Sozialstaat und spiele Populisten in die Hände. Den wirklich Armen sei damit nicht geholfen, meint Georg Cremer.

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