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20.03.2010

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Rückschau: Russland

Unterwegs mit Väterchen Frost

Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 3. Januar 2010

Für einmal russisches Weihnachten benötigt man: ein Tüllkleid, eine Tiara und natürlich lange Beine. Zum Fest der Liebe tritt in Russland eine junge Dame auf, die Schneeflöckchen heißt und wahrscheinlich für die Familienväter gedacht ist. Er hier beschenkt die Kinder: Väterchen Frost, im bürgerlichen Leben Roman Pachómow, arbeitsloser Schauspieler, im Moment vollbeschäftigt, Umziehen immer im engen Suzuki, Hochbetrieb, wo waren noch gleich die Geschenke. Eigentlich sieht das russische Väterchen aus wie unser Nikolaus, aber für Roman ist der Vergleich allein ist schon Blasphemie, nicht nur der Schlitten ist anders.

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„Der Nikolaus ist doch so eine einfache, bescheidene Figur, das ist so etwas, was sich der demokratische Westen ausgedacht hat, Väterchen Frost dagegen ist vollständig russisch, er ist meistens ganz in Blau gekleidet, er sieht aus wie ein Zar und redet eigentlich nur in Befehlen. Was man von diesem diktatorischen Zügen halten soll, ob das typisch russisch ist, weiß ich auch nicht.“

Im Moment steht der blaue Herrscher genervt im Stau. Halb Russland will rund ums neue Jahr in die Moskauer Innenstadt, um teuere Geschenke zu kaufen, einfaches Autozubehör wäre manchmal vernünftiger. Begeisterung am Straßenrand: die Kinder haben den eingeklemmten Herrn Frost entdeckt. Der freundliche Gruß kostet die Grünphase, Nervosität.

„Gestern war auch so hoch Schnee und das hat uns alle Aufträge gekostet. Das war Stop and Go, so wie jetzt und irgend so ein Idiot hat uns den Kotflügel abgefahren, danach konnten wir nirgends auftreten und das nur, weil das Auto kaputt war und wir nirgendwo hingekommen sind.“

Überhaupt, wäre nicht dieser Stau, man könnte zu doppelt so vielen Kindern, Väterchen Frost ist in Russland ein Vollzeitjob, nicht nur für den Kreml ist er eine Werbe-Ikone.

Die Skisaison in der Olympiastadt Sochi weiht in rotem Kostüm der Winterchef persönlich ein, danach soll er die geplanten Stadionbauten beurteilen, himmlisch, was sonst. Väterchen Frost telefoniert seine Neujahrsbotschaft an die Besatzung der internationalen Raumstation durch, die Russen dort oben lassen einen kleinen Frostmann im Weltraum schweben.
Nur letztens meinten es die Marketingstrategen einer neuen Eislaufhalle etwas zu gut und ließen gleich fünf Reinkarnationen des Frostvaters auftreten, es gab wütende Proteste russischer Traditionalisten. Dass er überall jetzt in Rot erscheint, regt niemand auf, obwohl der klassische „Ded Moroz“, wie wir gelernt haben, natürlich Blau gekleidet sein muss. Wir haben unsere Darsteller zwischen zwei Auftritten noch einmal in ein Frost-spezial-Ausstattungs-Geschäft gebeten, um uns das zu erklären. Wie an allem Unheil sind natürlich auch am Rot die Kommunisten schuld.

„In einem roten Kostüm trete ich nur bei offiziellen Veranstaltungen auf. Die richtige Farbe des Väterchens Frost ist natürlich Blau. Aber: als bei uns der Sozialismus anfing, wurde Ded Moroz rot, das war ja schließlich die Farbe der Partei. Also trete ich etwa bei offiziellen Betriebsfeiern in Rot auf oder an Neujahr.“

In Wirklichkeit versucht man in Russland gerade krampfhaft, nicht nur farblich mit dem westlichen Weihnachtsmann gleichzuziehen. 900 Kilometer nördlich von Moskau gibt es neuerdings eine offizielle Heimatstadt von Väterchen Frost. Schlitten wurden angeschafft, und die kleine, verschlafene Provinzstadt „Welikij Ùstjug“, per Befehl von oben zur „Froststadt “ erhoben. Nicht, dass es hier besonders kalt wäre, nein, diese Provinz ist bettelarm, man brauchte Touristen. Und so führt das grüne „Schneeflöckchen“ vom Reiseveranstalter Hunderte von Kindern zum Frostpalast im Wald. Städtische Mitarbeiter in geschmackvollen Hasenkostümen hüpfen zu kitschiger Musik und dieser arme Väterchen-Darsteller muss zehnmal am Tag in voller Montur die Treppe heruntersteigen. Geht es nach dem Verwaltungschef, sind diese Kinder erst der Anfang.

„Im Moment ist das alles klein und bescheiden, zum Beispiel können bei uns nur zweimotorige Maschinen landen. Aber wir werden hier einen modernen Flughafen bauen und dann die Hotels vergrößern. Stellen Sie sich vor, wie das hier aussieht, wenn hier die ersten Boeings landen.“

Nein, das will man sich lieber nicht vorstellen, deswegen schnell zurück nach Moskau. Dort haben unsere beiden Helden gerade Probleme mit dem Parkwächter.

„Ich bin Väterchen Frost, lassen Sie uns durch zur Wohnung 36.“

Wer, bitteschön, würde nicht gerne einmal im Leben einen solchen Satz sagen. Es ist Sylvester und wie alle russischen Kinder bekommt auch die kleine Mascha heute ihre Geschenke, besonders begeistert sieht sie momentan nicht aus. Aber Darja und Roman legen sich ins Zeug und Minuten später kommt sogar das obligatorische Gedicht, bitteschön.

Dafür gibt´s zurecht das volle Väterchen-Frost-Programm mit Zauberei, ein bisschen Pantomime und sogar einem kleinen Eistänzchen. Der blaue Zar ist gar nicht so streng und überreicht als Geschenk eine Miniatur seines berühmten Froststabes. Damit kann jetzt auch Mascha Menschen einfrieren lassen, jawohl.

Was bleibt zum Abschied? Väterchen Frost ist ein bisschen anders, Kinder sind überall gleich. Und: Trotz Geschenken ist jeder erleichtert, wenn er die Feiertage hinter sich hat. In diesem Sinne: ein gutes neues Jahr.
Bericht Stephan Stuchlik

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 03.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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