Rückschau: Kuba
Glanz und Elend Havannas
Sendeanstalt und Sendedatum: BR, Sonntag, 29. Januar 2012
Havannas Schokoladenseite

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So sieht die Schokoladenseite von Havannas Altstadt aus – prächtig restaurierte Fassaden, sorgfältig sanierte Kolonialpaläste. Glamouröse Ansichten locken jährlich zwei Millionen Touristen an – Havannas Altstadt ist ein Devisenbringer ersten Ranges.
Kubas Revolutionäre können harte Euros gut gebrauchen, denn Wohnraum bleibt Mangelware.
"Verkaufe zwei Häuser", ruft dieser Mann. Vor zwei Monaten wäre das noch illegal gewesen. Aber seit letztem November darf man in Kuba Immobilien erwerben oder verkaufen, ganz legal. Und so findet der Wohnungsmarkt auf Havannas Flaniermeile, dem Prado, großen Zulauf. Auch José Oviedo steht hier jeden Samstag; er sucht Interessenten für seine Einzimmerwohnung.
Ein echter Immobilienmarkt

Bildunterschrift: José Oviedo ]
José Angel Oviedo:
"Das ist eine gute Reform, dass man jetzt kaufen und verkaufen kann. Das kann vielen Menschen in Havanna helfen, ihre Probleme zu lösen."
Denn abseits der Glitzerfassaden bröckelt in Havannas Altstadt leise der Putz. José zeigt uns mit einem Freund das Haus, in dem er lebt. Es gleicht eher einer Ruine – viele Häuser sind eigentlich unbewohnbar. In ganz Kuba sollen etwa eine Million Wohnungen fehlen.
Das Zuhause von José und seiner Familie: Vier Personen teilen sich einen einzigen Raum. Bislang konnten Kubaner ihre Wohnungen nur tauschen. Bei José hat das nicht geklappt, und so hat sich die Familie in der Enge eingerichtet – unten wird gewohnt, oben geschlafen.
José Angel Oviedo:
"Das Zusammenleben ist schon schwierig: Man muss viel Rücksicht aufeinander nehmen. Deswegen wollen wir ja eine größere Wohnung."
Der Blick in den Hof ist nicht ermutigend: Stützpfeiler verhindern, dass die Wände zusammenbrechen.
Und so sehen restaurierte Wohnhäuser aus: Neuer Glanz in alten Gemäuern. Wer hier wohnt, hat den Lottogewinn gemacht. Gloria Condé lebt direkt in der Altstadt. Sie arbeitet im Büro der Sanierungsbehörde. Womöglich hat das bei der Zuteilung geholfen.
Die Frage, wie mit den Bewohnern von sanierten Gebäuden umgegangen wird, ist umstritten. Zwangsumsiedlungen sollen vermieden werden.
Wohnungen werden zugeteilt

Bildunterschrift: Gloria Condé Mayea ]
Gloria Condé Mayea:
"Die Genossen entscheiden, wie die Wohnungen verteilt werden. Sie teilen den Wohnraum zu."
Gloria hat jedenfalls Glück gehabt. Sie genießt den Blick auf den historischen Plaza Vieja.
Seit knapp 20 Jahren setzt das Büro des Stadthistorikers Havannas Ruinen instand. So entstehen luxuriöse Büros, Restaurants oder Hotels. Und deren Einnahmen werden von der Sanierungsbehörde wiederum in neue Projekte investiert.
So saniert man die Altstadt mit Profit und Marktwirtschaft - ein Sonderfall in Kubas Sozialismus.
Die Behörde hat bis zu 10.000 Arbeitsplätze geschaffen, erzählt man uns stolz. Dazu gehören auch Architekten und Ingenieure. Sie alle genießen eine erstaunliche Unabhängigkeit.
Langsame Sanierung

Bildunterschrift: Eusebio Leal Spengler ]
Der deutschstämmige Eusebio Leal Spengler ist Havannas Stadthistoriker, er leitet die Sanierung:
"Wir haben eigentlich nie genug. Wir brauchen neue Technologien und Investitionen, allein wegen der hohen Luftfeuchtigkeit. Die Restaurierung bleibt ein ewiger Prozess."
Von 900 Gebäuden wurden in 20 Jahren erst 90 instandgesetzt. Schuld daran ist nach Meinung der kubanischen Regierung das Embargo der USA. Doch die sozialistische Planwirtschaft arbeitet nicht produktiv genug. Und so bleibt die Restaurierung der Altstadt eine Sisyphos-Aufgabe.
Während in einem Haus restauriert wird, kollabiert eine Straße weiter ein ganzes Gebäude.
Eusebio Leal Spengler, Stadthistoriker Havanna:
"Wenn es eine tödliche Gefahr gibt, ein Haus einzustürzen droht, dann müssen wir die Bewohner natürlich woanders unterbringen. Das ist auch Teil unseres Programms."
In gesichtslosen Vierteln wie Alamar leben viele der Umgesiedelten. Vom morbiden Charme Havannas ist hier nichts mehr zu spüren. Der Koch Jorge Amentero hat über 30 Jahre in der Altstadt gelebt. Nun muss er sich erst an die Neubausiedlung gewöhnen.
Jorge Amentero Terry:
"Der Umzug war schon schnell und gut organisiert, aber Sie können sich vorstellen, dass ich nach so langer Zeit mein altes Zuhause vermisse."
Verfall hier, Sanierung dort

Bildunterschrift: Ein sanierter Platz ]
Glanz und Elend liegen in Havanna dicht beieinander. Der Stillstand hat die koloniale Pracht vor radikalem Abriss bewahrt. Aber bislang konnten nur einige wenige Filetstücke wieder herausgeputzt werden.
Beim jetzigen Tempo wird es noch lange dauern, bis auch das Haus von Jose Oviedo saniert wird. Er verdient als radelnder Taxifahrer sein Geld, dabei kommt er auch oft an den schönen Glitzerfassaden der Altstadt vorbei.
José Angel Oviedo:
"Das tut schon weh, wenn man das sieht. Und man fragt sich: Warum wird dieses Haus bevorzugt und renoviert? Und warum passiert bei uns rein gar nichts?"
Und so bleibt ihm nur der samstägliche Gang auf den Immobilienmarkt Havannas. Hier wird noch im direkten Gespräch verhandelt, und neuerdings auch verkauft. Für José bleibt dieser Basar die einzige Hoffnung, dass er und seine Familie einmal besser wohnen können.
Autor: Stefan Schaaf / ARD Mexiko
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 29.01.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

