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15.03.2010

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Rückschau: China

Eine Schule in den Bergen

Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 3. Januar 2010

ARD-Studio Peking übergibt Zuschauer-Spende an Dorfschullehrer

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Es war gar nicht so einfach, Dorfschullehrer Li Xiaopeng zu erreichen. Denn das Frühlingsfest stand vor der Tür. China hatte Schulferien. Und Lehrer Li war wie immer ausgezogen, um Geld zu verdienen fuer seine Bergschule: Diesmal schuftete er in den Ferien fuer umgerechnet rund 200,- Euro als Tagelöhner auf einer Gleisbaustelle.

Endlich hatten wir ihn am Telefon eines Arbeitskollegen. „Wir haben gute Nachrichten, Herr Li! 89 Weltspiegel-Zuschauer aus Deutschland haben fuer ihr Schulprojekt Geld gespendet. Das möchten wir Ihnen gerne übergeben!“

Dank an die Weltspiegel-Zuschauer

lupe Bildunterschrift: Chen Lu vom ARD-Studio Peking (rechts im Bild) uebergab die Spende der Weltspiegel-Zuschauer an Dorfschullehrer Li Xiaopeng (links). Mit dem Geld will der Lehrer eine Vorschule bauen und ausserdem Kindern wie der 10-jaehrigen Liwen den Besuch weiterfuehrender Schulen ermoeglichen. ]
Drei Tage später trifft ihn meine ARD-Kollegin Chen Lu in seiner Bergschule mit rund 55.000,- Yuan (umgerechnet 6067,- Euro) im Gepäck. Lehrer Li strahlt: Mit diesem Geld könne er nun endlich eine Vorschule bauen, für die er schon so lange gespart habe. „Denn die Bauernkinder dürfen nicht schon auf der Startlinie verlieren,“ erklärt er, schon wieder ganz ernst.
Und von dem Geld bleibe auch noch genug übrig, freut sich Li, um begabten Kindern wie der 10-jaehrigen Liwen, die wir in unserem Weltspiegel-Bericht porträtiert hatten, den Besuch einer weiterführenden Schule zu finanzieren.
„Bitte richten Sie ihren Zuschauern meinen großen Dank aus! Sie haben den Kindern in unseren Bergdörfern sehr geholfen!“

Wir haben Liwen natürlich auch wieder besucht, zusammen mit Lehrer Li. Wie wir im Weltspiegel berichtet hatten, muss das kleine Mädchen, deren Eltern als Wanderarbeiter unterwegs sind, sich und ihre Großeltern ganz alleine versorgen. Ihre Leidenschaft ist die Schule. Sie ist wissbegierig, lernt gerne und will später einmal Lehrerin werden. Ihr Lehrer kennt die Familien seiner Schüler und ihre Sorgen ganz genau. Während der Dreharbeiten hatte ich damals bemerkt, wie er Liwen’s Großeltern unauffällig Geld zusteckte. Sein Geld...

Mit der kleinen Liwen in Xi’An

Zwei Tage lang haben wir Liwen die Provinzhauptstadt Xi’An gezeigt. Sie hat zum ersten Mal in ihrem Leben im Hotel gewohnt, fliessendes Wasser benutzt, im Restaurant gegessen. Und blieb doch ganz ruhig, aeusserlich nahezu unbeeindruckt. Wollte nie Taxi fahren, sondern immer laufen. Wollte sich auch nichts schenken lassen. Nicht mal Kekse oder Schokolade. Lehnte alles strikt ab.

Mit zwei Ausnahmen: Als wir ihr anboten, neue Schuhe zu kaufen, nickte sie kraeftig und ein Lächeln huschte über ihr ganzes Gesicht. Denn ihre Sohlen waren komplett durchgelaufen, sie lief praktisch barfuss in ihren alten Schuhen.
Und ein Buch hat sich Liwen ausgesucht, mit leuchtenden Augen. Sie hielt es die ganze Zeit fest an ihre Brust gedrückt - wie einen Schatz, den es sorgsam zu behüten gilt.

Manuskript des Beitrages

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Liwen muss schnell erwachsen werden. Noch vor der Schule entfacht die Zehnjährige das Herdfeuer und bereitet das Frühstück zu, für sich und ihre Grosseltern. Jeden Morgen das Gleiche: Eingelegter Weißkohl mit gekochtem Maisbrei.

Liwens’ Eltern sind Wanderarbeiter, deshalb lebt das Mädchen bei den Grosseltern. Doch kein Zweifel, wer hier für wen sorgt: Oma und Opa können sich kaum noch bewegen:

„Weil meine Eltern nicht zu Hause sind, bin ich fürs Kochen zuständig. Und nach der Schule kümmere ich mich um den Haushalt. Dazu gehört Putzen, Fegen, Wischen, Wäsche waschen. Und im Sommer helfe ich noch auf den Feldern.“

So wie Liwen geht es vielen Bauernkindern in China. Ihre Eltern arbeiten oft tausende Kilometer entfernt, in den großen Städten der Ostküste. Doch für die Kinder gibt es dort kein Wohnrecht. Liwen sieht ihre Eltern nur einmal im Jahr.

Ihre Grosseltern leben in den Bergen Zentralchinas. Keine Straße, kein Schulbus. Jeden Tag muss sie laufen. Vorbei an vereisten Bergbächen, auf glitschigen Pfaden, über steile Hänge und Schneefelder. Es ist bitterkalt, jetzt im Winter.

Noch ein gutes Stück entfernt: Die Bergschule - die einzige weit und breit, die es ohne ihn gar nicht gäbe. Lehrer Li, ein einfacher Bauernsohn aus den Bergen, hat sich fortgebildet, hat ein Lehrer-College besucht und kämpft jetzt um die Zukunft der Dorfkinder. Den Bau dieser Schule hat er ganz allein finanziert:

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„Wenn ich in den Ferien als Wanderarbeiter unterwegs bin, erzähle ich den Unternehmern, wofür ich das Geld verdiene. Einer war so gerührt, dass er selbst hierher kam. Als er dann die Armut der Leute gesehen hat, hat er sofort gespendet.“

Noch immer entscheidet in China der Ort der Geburt über die Zukunftschancen der Kinder. Doch damit, sagt Lehrer Li, wird er sich nie abfinden können.


Hätte Lehrer Li diese Schule nicht gebaut, sie alle blieben wohl Analphabeten.
Bauernkinder in China haben viel schlechtere Bildungschancen als ihre Altersgenossen in der Stadt. Ihr Lehrer will das nicht hinnehmen, drei kleine Bergschulen hat er bereits gebaut:

„Wissen Sie, ich bin selbst ein Kind der Berge. Meine Mutter musste betteln gehen, damit ich die Mittelschule besuchen konnte! Auch heute noch müssen die Kinder hier viel härter lernen als in der Stadt, um der Armut zu entkommen. Ich will ihnen wenigstens die Chance dazu geben.“
Eisige Temperaturen. Der Ofen zu klein, das Brennholz zu teuer .-
Sie ist den Tränen nah, bei ihr fließen sie schon .-

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Li versucht das frierende Mädchen zu trösten, dann schickt er es nach nebenan, in sein Lehrerzimmer.

Dort massieren ihr Helferinnen am offenen Feuer die verfrorenen Hände und Füße. Xiaomei ist die jüngste Schülerin, an die Härten des Schulwinters muss sie sich erst noch gewöhnen.

Auch die anderen Schüler frieren. Und trotzdem mögen sie ihren schüchternen, ein wenig unbeholfen wirkenden Lehrer, der sich so für sie einsetzt.
Ohne Gehalt, wohlgemerkt. Denn die Regierung, die nicht einen Cent für die Schule beigesteuert hat, misstraut der Eigeninitiative des Dorflehrers. Sie hat einen jungen Lehrer aus der Stadt geschickt, der hier zweimal die Woche unterrichten und Li ersetzen soll. Als der Liwen aufruft, nutzt das Mädchen die Gelegenheit für eine anrührende Sympathiebekundung vor unserer Kamera:

„Ich möchte viel lernen und meinem Land später damit dienen. Und ich möchte ihnen zurückgeben, was sie für uns getan haben. Lehrer Li, Sie sind wie eine Mutter zu uns. Ohne Sie wären wir gar nicht hier. Lehrer Li, sie sind der bester Lehrer...

Nach der Schule macht sich Liwen gleich auf den Heimweg. Zu Hause wartet schon die Arbeit. Doch zuerst stürzt sie sich auf die Hausaufgaben. Ihre schönsten Stunden. Sie lernt gerne, sagt sie und spürt offenbar ganz genau, dass Bildung ihre einzige Chance ist, sich später ihre eigenen Wünsche zu erfüllen:

„Ich gehe gerne zur Schule, weil ich dort viel lernen kann. Wenn ich groß bin, will ich Lehrerin werden, um die Armut im Berg abzuschaffen. Im Winter zum Beispiel haben wir Schwierigkeiten, an Trinkwasser zu kommen. Das will ich ändern. In Zukunft sollen hier alle Häuser fließendes Wasser haben.

Bildunterschrift: ]
Am späten Nachmittag ist Liwen schon wieder unterwegs. Wasser holen, aus diesem Fluss talabwärts. Mehrmals täglich schleppt sie die schweren Eimer hinauf ins Haus.
Danach Wäsche waschen. Und dann muss sie sich um das Abendessen kümmern. Ihre Grosseltern warten schon.

„Wenn ich erwachsen bin, will so werden wie unser Lehrer Li. Er ist ein Privatlehrer. Wir sollten das, was er jetzt für uns tut, später für andere Kinder tun.

Ihr Lehrer brütet derweil über einem neuen Projekt: Er will eine Vorschule bauen. Die Regierung, sagt er, werde ihm auch diesmal nicht helfen. Weil sie ihr Gesicht verloren habe. Denn schließlich weiß hier jeder, wer diese Schule gebaut hat:

Bericht Jochen Graebert

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 03.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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