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15.03.2010

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Rückschau: Italien

Venedig und die Schattenseiten des Tourismus

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 7. Februar 2010

Markusplatzlupe Bildunterschrift: ]
Ballo in Maschera, Maskenball im Palazzo Pisani Moretta, in einem der schönsten Palazzi Venedigs. Die Karnevalsbälle sind berühmt. Jahrhunderte lang - solange bis Napoleon die Bälle verbieten lies - waren sie erotisch phantasievolle Vergnügungen des Adels und der Venezianer.

Nach fast 200 Jahren Zwangspause, kommt man jetzt wieder im Kostüm in die Palazzi am Canal Grande. Für 1.000 Euro Eintritt pro Abend plus dem passenden Kostüm für 4.000 Euro amüsiert man sich heute eher bürgerlich gesetzt und ein wenig gelangweilt.

Den Adel gibt es nicht mehr, die Venezianer können und wollen sich die Bälle nicht leisten. Manager, Unternehmer und Mittelständler aus Europa und Übersee sind unter sich. Staffage in einer Kulisse, die nur noch als Touristenattraktion lebt - wie zunehmend die ganze Altstadt Venedigs.

Luxusgeschäfte verdrängen alte Ladenbesitzer

Touristen im Café Florianlupe Bildunterschrift: ]
Wo vor wenigen Jahren noch Venezianer ihre Geschäfte führten - Handwerker, Bäcker, Metzger - sind sie längst verdrängt von den immer gleichen Geschäften internationaler Luxusmarken mit ihren verwechselbaren Produkten.

Venedig – eine Shopping-Meile, durch die jedes Jahr fast 20 Millionen Touristen ziehen. Venedig ist die meistbesuchte Stadt Europas, aus der freilich die Venezianer fliehen, jedes Jahr mehr. Vor 30 Jahren lebten noch 170.000 Menschen hier, jetzt sind es knapp über 50.000.

Jeden Tag verlassen zwei Venezianer die Stadt und die Flucht aus der Altstadt hält an - Venedig ist immer weniger venezianisch. Einer von denen der geht, ist Pierpaolo - genannt Pipe.

Seit Generationen lebt seine Familie in und mit der Lagune, doch jetzt ist Schluss: "Das Leben in der Lagune war früher herrlich. Die Lagune war für uns ein riesiger Spielplatz. Es war ein Leben in einem großen Wasserpark und jeder Tag war anders schön. Jedem der hier geboren ist, fällt es schwer wegzuziehen, aber leider ist das eine rein wirtschaftliche Frage. Ich kann mir einfach keine Wohnung leisten, die 500.000 oder 600.000 Euro kostet mit meinem normalen Einkommen."

Einwohner fliehen vor den Touristenmassen

Venedig im Nebellupe Bildunterschrift: ]
Und dann begegnet uns auf dem Canal Grande die erste Frau, die sich zur Gondoliera hat ausbilden lassen, Giorgia Boscolo. Doch auch sie kann sich Venedig nicht leisten. Sie erzählt uns, dass sie außerhalb lebt - in Mestre, vor den Toren der Stadt, mit ihrem Mann. Das Leben in Venedig sei ihr zu teuer.

Das Viertel in dem Pipe aufwuchs hat sich verändert - den alten Mietern wurde gekündigt. Zweitwohnungen als Feriensitz für zahlungskräftige Ausländer bringen mehr. Für Pipe bleiben nur Erinnerungen: "Das ist das Viertel, in dem ich zur Welt kam. Es sieht nur noch so aus wie früher, aber gerade jetzt, wenn ich die Brücke sehe, fällt mir ein, als Kind bin ich von da oben ins Wasser gesprungen. Heute wäre das unmöglich. Das Wasser ist völlig verdreckt - beinahe vergiftet. Heute würde man wahrscheinlich sterben, wenn man in einem Kanal schwimmen wollte."

Und so wird Venedig nicht vom Wasser bedroht, sondern von den Abwassern, die 20 Millionen Touristen mit sich bringen. Und eine Lösung ist nicht in Sicht. Zu verführerisch ist den einen das Versprechen auf Romantik und den anderen die Aussicht auf das Geschäft mit dem Massentourismus.

Bessere Lebensqualität bietet Mestre

Und so sieht Pipes Fluchtpunkt aus: Ein Traum so vieler Venezianer - eine moderne Wohnanlage in Mestre. Hier findet Pipe das, was er normales Leben nennt: "Es gibt nichts besseres, als ein Auto gleich vor der Tür zu haben. Noch besser ist allerdings, bequem mit einer vierköpfigen Familie zu wohnen. Sehen sie nur meine neue Küche. Eine Küche, wie ich sie niemals in der kleinen Wohnung in Venedig hätte haben können. In aller Bescheidenheit hier habe ich alles."

Und am Marktplatz von Mestre, auf dem Festland, nur fünf Kilometer von Venedig entfernt, sind sich alle Ex-Venezianer in einem einig: Endlich ein Platz zum normalen Leben, endlich ein Leben ganz ohne Touristen - Alltag in einer italienischen Provinzstadt.

"In Mestre lebt man gut. Hier gibt’s halt keine Touristen wie in Venedig. Und für die Lebensqualität werden immer mehr Fußgängerzonen eingerichtet.“

„Ich bin aus Venedig abgehauen. Nach 40 Jahren regelrecht geflohen. Jetzt lebe ich schon 20 Jahre hier. Man kann in Venedig nicht mit den Touristen leben. Es geht einfach nicht."

"Die Preise der Wohnungen, das ganze Leben ist einfach zu teuer in Venedig. Ich jedenfalls werde nicht mehr dorthin zurückkehren."

Der Touristenstrom wächst weiter

Der Touristenstrom nach Venedig aber wächst jährlich weiter. Und auch die Kreuzfahrtschiffe, die Venedig anlaufen, werden größer und größer.
Da ist am 5. Februar in Dienst gestellt und in Venedig gebaut die "Costa Deliziosa" - ein Luxusschiff mit bis zu 4.000 Menschen an Bord und einer Länge von 294 Metern.

Schon erheblich kleinere Schiffe gefährden bei ihrer Fahrt durch den Canale della Giudecca die Grundmauern der Palazzi. Die Mauern werden unterspült. Jeder weiß es, niemand tut etwas dagegen. Selbst Palladios gewaltige Kirche San Giorgio wird zum Spielzeug. Venedig als Disney-Land für Geschichte und Kultur.

Einer der schärfsten Kritiker dieser Entwicklung ist Antonio Foscari, Nachfahre eines der bedeutendsten Dogen aus dem 15. Jahrhundert. Ihm fehlt der politische Wille zu einer Lösung: "Mit den Kreuzfahrtschiffen kommen jährlich bis zu 1,5 Millionen Touristen. Hier fahren Großhotels mit vielen tausend Gästen an Bord vorbei. Wir sind fünfmal höher als die Palladiofassade von San Giorgio. Das große Problem heißt, das Wasser der Lagune und ein noch größeres Problem ist - und diesmal spreche ich als Venezianer - die Regulierung des Wassers ist der Gemeinde Venedigs völlig entzogen. Venedig darf sich nicht selbst regieren. Die Stadt hat weder die Autonomie noch die Macht dazu."

Und, da das Wasser der Lagune als Meer gilt, sind die Region und die römische Zentralregierung verantwortlich. Doch die sehen eher die Steuereinnahmen als die Schäden. Und so wird Venedig weiter zwischen den Strömen von Touristen und dem Acqua Alta - dem Hochwasser - zermürbt. Währendessen steigen Abend für Abend in den Palazzi die Luxuspartys - exklusiv und abgeschirmt vom Alltag Venedigs.

Nur die Venezianer haben sich längst entschieden: Sie geben ihre Stadt auf.

Autor: Bernhard Wabnitz

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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