Rückschau: Afghanistan
Der Hochzeitsbäcker von Kabul
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 3. Januar 2010

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Schicht für Schicht verstreicht Haji Zaher die frisch geschlagene Sahne auf dem Kuchen. So backt er seine Hochzeitstorten schon seit drei Jahrzehnten und er erklärt uns, wie wichtig eine Torte für eine afghanische Hochzeit ist, da können die Zukunftsaussichten für das Land noch so düster sein:
„Beim Hochzeitskuchen muss alles stimmen, die Qualität und der Geschmack, deshalb sind die Leute bereit dafür zu zahlen. Immer wenn die Torte auf den Tisch kommt, dann stürzen sich die Gäste darauf, und einen guten Kuchen erkennt man daran, dass er blitzschnell verschwunden ist.“
Vorn in der Bäckerei drängen sich die Kunden, hier führt Haji Zahers Cousin Abdul die Geschäfte. Vor den Taliban floh die Familie in den Iran. Sie kehrten vor acht Jahren zurück und fingen wieder ganz von vorne an. Die Bäckerei ist inzwischen in Kabul bekannt für guten Kuchen, und so laufen
die Geschäfte der Cousins glänzend, doch wenn es Frieden gäbe dann liefen sie noch besser:
Am Mittag im Stadtzentrum von Kabul. Die Männer der Familie Ghayor sind ein bisschen nervös, vor der Hochzeitsfeier am Abend. Die Torte ist bestellt, und noch einmal besprechen Bräutigam Mohammad und sein Vater Yasin den Ablauf ganz genau. Die Familie gehört zur oberen Mittelschicht. Sie wollen ein großes Fest feiern, sagt der Vater, monatelang wurde die Hochzeit vorbereitet
„Wir müssen viele verschiedene Bräuche beachten. Zuerst musste meine Familie eine geeignete Braut finden, danach hat mein Vater begonnen mit ihrem Vater zu sprechen. Und schließlich mussten viele Leute in beiden Familien zustimmen. Erst dann konnten wir mit den Hochzeitsplanungen beginnen. Das Wichtigste aber war die passende Braut zu finden.
Fast zweitausend Gäste hat die Familie eingeladen, für dieses Fest musste er sparen, sagt uns der Vater. Doch er glaube, an die Zukunft seiner Familie, auch wenn es um Afghanistan nicht gut stehe.
„Natürlich gibt es einen Aufstand in unserem Land, aber wir Afghanen haben immer geheiratet, auch zu den Zeiten der Taliban. Wir wollen doch einfach nur in Frieden Leben. Wie es in Zukunft in Afghanistan weitergehen wird, das werden wir dann sehen. “
Am Abend treffen wir den Vater wieder. Überschwänglich begrüßt er die Verwandten vor dem gemieteten Hochzeitspalast. Das „Mumtaz Mahal“ ist eines von Dutzenden Restaurants dieser Art, in denen große Hochzeiten gefeiert werden. Bewaffnete Männer sorgen unauffällig für die Sicherheit, das gehört in Kabul zum Hochzeitsservice dazu.

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In einem Nebenraum ist inzwischen auch die Torte eingetroffen. Abdul Fahim, der Arrangeur des Hauses, legt behutsam letzte Hand an, aus den Torten errichtet er jetzt nicht weniger als einen kleinen Eiffelturm.
Der Kuchen ist sehr wichtig. Wenn es keinen Kuchen gibt, dann beschweren sich die Leute, eine Hochzeit ohne Kuchen, das geht einfach nicht.
Schließlich erscheint Mohammad, der Bräutigam, mindestens so aufgeregt wie sein Vater. Drinnen im Hochzeitspalast warten schon rund 1000 männliche Gäste, denn die Frauen feiern abgeschirmt im Nachbarsaal. Dort dürfen wir nicht drehen, kurz zuvor ist die Braut bereits hineingehuscht.
Für den Bräutigam wird es jetzt ernst: Gleich neben dem Festsaal haben sich zwei Geistliche und die Ältesten der beiden Familien versammelt, hier wird die Heirat vor Zeugen besiegelt. Bräutigam Mohammed hört zu, die Braut ist nicht einmal anwesend. Das sei nicht notwendig erklären uns die Männer, denn eine Hochzeit sei in Afghanistan vor allem eine Verbindung zweier Familien. Das gemeinsame Gebet besiegelt diesen Bund.
Für ein paar Stunden Festlichkeit bezahlt die Familie umgerechnet rund 28 000 Euro, wohl mindestens ein Jahreseinkommen. Ärmere Familien verschulden sich oft ein halbes Leben lang für eine Hochzeitsfeier. Und zu der gehört auch an diesem Abend die Torte.
Bevor sie aufgetragen wird, begutachten Vater und Sohn die märchenhafte Kreation ein letztes Mal und sind zufrieden:
„ Gleich wird mein Sohn der Braut ein Stück vom Kuchen abschneiden, dann wird sie ihm eines überreichen, so will es unser Brauch. Wenn unser Hochzeitsfest dann vorüber ist, kehren unsere Gäste wieder nach Hause zurück. “
Doch vorher amüsieren sich die Männer noch ein wenig, unter sich, der Bräutigam entschwindet zur frisch vermählten Ehefrau in den Frauensaal. Wir bleiben zurück. Nun wird man sich wohl besser kennenlernen.
Am nächsten Morgen treffen wir Haji Zaher noch einmal in der großen Backstube, er freut sich, dass sein Kuchen am Abend schnell verspeist war. Für ihn bedeutet das Backen viel mehr als nur ein Handwerk:
„Wir sind hierher zurückgekommen und haben wieder angefangen zu backen. Und Ich möchte, das möglichst viele Afghanen wieder zurückkommen und wieder von vorne anfangen, Das ist unsere Heimat und ich bin mir sicher, es kann wieder Frieden geben, die Menschen sehnen sich doch alle danach. Ich glaube, dass wir alle irgendwann hier glücklich werden können.“
Nun muss Haji Zaher sich wieder konzentrieren, denn für diesen Abend muss er schon wieder backen, schon wieder eine Hochzeitstorte.
Bericht Florian Meesmann
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 03.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

