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21.03.2010

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Rückschau: Thailand

Die Leichenjäger von Bangkok

Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 31. Januar 2010

Mit dem Feuerzeug im Mund – so wollen sie ihn vor dem Ersticken retten. Montira und Ehemann Chatchaval, die Seelensammler von Bangkok - bei ihrem ersten Einsatz. Der Mann ist auf dem Bürgersteig zusammengeklappt. Die Angehörigen in großer Sorge, Bewusstlos oder doch schon tot – schwer zu sagen.

„Hat der zu viel getrunken? Oder Drogen genommen? Der regt sich ja gar nicht mehr.“

Bangkok, Freitag abend. Der Verkehr – schon immer eine Katastrophe. Stau – wie immer. Für einen Kilometer, eine Stunde – das ist normal. Und wer endlich fahren kann, der fährt gefährlich. Geschätzte zwei Millionen Unfälle pro Jahr. Und nur eine handvoll Rettungswagen. Denn ein öffentliches Rettungs-System gibt es nicht in Thailands Hauptstadt.

Wenn es Nacht wird, schlägt ihre Stunde. Die freiwilligen Helfer, die Leichensammler von Bangkok, wie manche sie nennen. An den Ausfallstraßen treffen sie sich. Und lauern auf die Nacht, und ihre Opfer: Betrunkene, Verletzte, Tote. Mit hot pants auf standby: Montira und Chatchaval haben sich schick gemacht für den Einsatz heute. So etwas wie ein Familienausflug. Auch für die achtjährige Fair. Ein paar Handgriffe: und die Privat-Autos verwandeln sich in Kranken- oder Leichenwagen. Viel
Phantasie ist dabei. Auch ehrenwerte Absichten geben sie an.

„Wir wollen einfach Menschen helfen. Das bringt gutes Karma. Andere Leute gehen am Wochenende in die Disco,“ erzählt Montira, „wir gehen auf Streife.“

Und manchmal kreuzen sich die Wege. Zwischen eins und zwei Uhr nachts, wenn die Bars von Bangkok schließen, wird der Funkverkehr immer dichter. Von überall in der Stadt kommen jetzt die Unfallmeldungen rein. Ein paar Kilometer, weiter die Straße runter, hat es geknallt. Tochter Fair kennt das schon und verschläft den Einsatz, während Papa Chatchaval rotiert. Sie müssen schnell sein. Wegen der Opfer. Aber auch, weil sie mit anderen Trupps konkurrieren. Ihre eigene Organisation, die Ruamkatanyu- Stiftung, finanziert sich überwiegend aus freiwilligen Gaben. Aber für viele andere Gruppen in Bangkok ist das Leichensammeln vor allem
ein Geschäft, schimpfen, Chatachaval und seine Kollegen: Ein gutes Geschäft:
Pro Leiche streichen sie 500 Baht ein, umgerechnet 10 Euro. Für jeden
Verletzten hoffen sie: auf eine großzügige Spende.

„Wir haben immer wieder Ärger mit den anderen. Einige Gruppen sind wie Gangs organisiert. Und mit denen gibt’s Gerangel. Manchmal haben wir kaum ein Auge für Tote und Verletzte, sondern müssen uns um unsere eigene Sicherheit kümmern.“

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Mit sieben Wagen rast der Konvoi durch die Stadt: Unnötig, um einen Verletzten zu retten, einen Toten zu bergen. Aber eine Lebensversicherung, falls es Ärger gibt mit den anderen Leichensammlern. Der Polizeifunk hat alle aufgeschreckt. Ganze vier konkurrierende Trupps sind am Unglücksort. In Lam Patji, einem Vorort von Bangkok. Zwei Autos haben sich ein Rennen geliefert. Der Unglückliche am Boden wollte die Straße überqueren und wurde mitgerissen. Die Fahrer sind auf der Flucht, die Polizei ist hinterher. Jetzt kümmern sich die Leichensammler.

„Ich finde, die meisten von denen machen gute Arbeit. Aber bei den kleinen Trupps gibt es auch viele schwarze Schafe.“

Heute zuerst am Unfallort waren die Gelben, die Rom Sai – sie sichern sich diesmal die Leichen-Prämie. Trotzdem die Lage ist angespannt. Die Gegend ist so etwas wie Niemandsland für die Leichensammler. Und oft wird in solchen Situationen gekämpft. Um die Toten und um Einfluss. Auch mit Waffen. Sobald die Leiche verladen ist, und die Polizei verschwunden, könnte die Stimmung kippen.

„Natürlich wären wir gern als erste dagewesen. Aber diesmal hat es nicht geklappt. Wir wollen jetzt sicher gehen, dass der Tote ordentlich verladen wird. Und dann hauen wir ab.“

Und dann kommt es zum Streit. Die Gelbhemden haben sich einen
Kollegen von Chatchaval geschnappt und verprügelt. Aus der Nachbarschaft
soll Verstärkung unterwegs sein. Wir machen uns aus dem Staub, in die
Nacht.

Es gibt Erdbeersaft. Der nächste morgen - die jungen Frauen und Männer sind früh unterwegs. Denn jeder von ihnen hat noch ein anderes, ganz normales Leben. Chatchaval und Montiras Freunde verkaufen Fruchtsäfte auf dem Wochenmarkt. Sie selbst arbeiten in einem Spielzeuggeschäft um die Ecke. Welch ein Ausgleich für die Abenteuer der Nacht.

„Mir stecken die Einsätze doch ziemlich in den Knochen. Aber hier auf dem Markt bin ich ein ganz anderer Mensch. Das Spielzeug und die Leute, damit kann ich mich sehr gut ablenken.“

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Am Abend sind das Ehepaar und seine Kollegen wieder unterwegs. Wieder ein Unfall und wieder ist die Konkurrenz schneller gewesen. Doch diesmal finden sie keine Leiche. Der junge Mann hat Glück gehabt. Nur der Arm ist gebrochen.Gleich werden die Helfer ihn ins Krankenhaus fahren.

„Der Job hat mich stark verändert. In Bangkok fühle ich mich überhaupt nicht mehr sicher. Wenn ich über die Straße gehe, guck ich inzwischen dreimal. Ich habe einfach zu viel gesehen.“

Bangkok – ohne die Lebensretter, die Leichensammler: Die Stadt würde noch weiter im Verkehrschaos versinken. So halten sich Montira, Chatchaval und die Kollegen bereit: für was die Nacht auch bringen mag. Für Betrunkene, Verletzte, Tote. Oder: für das Töchterchen im Fonds.
Autor Philipp Abresch

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 31.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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