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Rückschau: Mexiko

Die Weihnachtsteufel von Tepotzotlán

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 20. Dezember 2009

Weihnachtszeit in Mexikolupe Bildunterschrift: ]
Auftritt Erzengel Gabriel - das Gute. Dann das Böse! Ein teuflisches Spiel treiben sie da, verführen zu Habgier, Völlerei, Wollust, Zorn, Trägheit, Hochmut, und Neid. Die sieben Todsünden gehören in Mexiko zum Advent.

Roberto Sosa senior ist der Regisseur der Pastorela, des Weihnachtstheaters und das seit 25 Jahren. Ihn fasziniert, wie die Pastorela von der Propaganda zur Satire wurde.

Erfunden wurde sie hier, in der Basilika von Tepotzotlán, am Ende des 16. Jahrhunderts. Die spanischen Jesuiten wollten missionieren, beherrschten aber die Indio-Sprachen nicht. Also schufen sie Bilder.

Von der Propaganda zur Satire

Die Pastorela sollte den Katechismus unters Volk bringen, aber da machte sich jeder seinen eigenen Reim darauf: “Das Volk hat mit seiner Phantasie, seinem Witz die Pastorela verwandelt. Es geht zwar noch um Gut und Böse, aber die Leute sagen es mit Worten aus ihrer Welt.“

Eine Stunde vor der Vorstellung . Roberto Sosa begrüßt in der Garderobe einige der 50 Laiendarsteller aus Tepotzotlán. Oben, vor dem alten Pilgerhospiz der Basilika, wird Tequila-Punsch gebraut fürs Publikum. In ganz Mexiko pilgern Tausende von Menschen zu den Pastorelas, die an den letzten neun Tagen vor Weihnachten gespielt werden.

Unten in Garderobe verwandelt sich Juana García in eine Hirtin. Seit 30 Jahren ist sie dabei. Gegenüber die Garderobe der Hauptdarsteller, Profis, bekannt aus Film und Fernsehen. Ihren Stars nahe zu sein, genießt Joana. Besonders gefällt ihr Luzifer, denn: „Der Teufel redet über Wahlbetrug und korrupte Politiker - das sind Sachen aus dem wahren Leben.“

Weihnachtliches Spektakel

Und das ist Luzifer, Roberto Sosa junior, der Sohn des Regisseurs, ein berühmter Filmschauspieler aus der Hauptstadt. Er liebt diese Teufelei in der Provinz - als Komödiant und als Bürger: „Nicht nur Mexiko, jede Gesellschaft wird dazu verführt, die Dinge nicht zu machen, wie man sie machen sollte, nämlich gut.“ Die Pastorela ist auch eine Fiesta. Vor Weihnachten knallen die Seelen wie Farben, heißt es in Mexiko.

Die Geschichte ist einfach: Die Hirten wollen nach Betlehem zum Jesuskind ziehen, aber die Teufel wollen sie zur Sünde verführen, damit sie nie ankommen. Zur Sünde der Habgier zum Beispiel. Eine Anspielung auf gierige Banker, auf superreiche Drogenbarone, auf die riesige Schere zwischen Arm und Reich.

Die Finanzkrise macht viele arbeitslos

Juana García, die Hirtin im Spiel, kann ein Lied davon singen. Sie hilft jetzt manchmal in dem winzigen Kiosk, der im Wellblechhaus ihrer Eltern liegt. Heute kauft sie nur ein. Ihren Job als Reinigungskraft hat sie verloren, weil die Firma in die Finanzkrise geriet. Etwa einer Million Mexikaner erging es in diesem Jahr wie ihr: „Ich bin ja nicht die einzige, andere sind genau so betroffen vom Wegfall der Jobs.“ Die arbeitslose Juana bekommt keine Hilfe vom Staat, die Hirtin nur eine winzige Anerkennung fürs Spielen.

Die Teufel versuchen es mit der Sünde der Wollust, ein publikumswirksames Thema im Land der ewigen Machos. Und dann ein Loblied auf die Völlerei. Trotz aller Teufeleien kann das Happy-End nicht ausbleiben: Die Hirten erreichen Betlehem - es ist Weihnachten - das Gute siegt - so lange das Stück dauert: „Wir sind nachlässig in Mexiko, wir begehen die Sünde der Trägheit, weil wir als Bürger keine Forderungen stellen. Wir sind der Völlerei verfallen, weil wir meinen, wir können mehr verlangen, als wir selbst beitragen.“

Nach der Vorstellung wird gegessen und gefeiert

Nach der Gewissenserforschung geht die Pastorela-Fiesta erst richtig los. Eine Pinata muss zerschlagen werden, ein Stern der mit Früchten gefüllt ist. In Tepotzotlán ist daraus eine gar nicht so kleine Industrie entstanden. 20.000 Pinatas stellt eine Firma allein im Jahr her - aus Pappmache und Seidenpapier. Wer hier arbeitet, verdient rund 40 Euro in der Woche, das ist das Doppelte vom gesetzlichen Mindestlohn. Auch das ist hier in der Provinz für viele wie Weihnachten.

Eine Pastorela mit dem typischen Essen hinterher stiften viele Chefs ihren Mitarbeitern als Weihnachtsfeier. Mit Pozole, einer scharfen Suppe aus der Zeit der Azteken und Tamales, Fleisch in Maisblättern gebacken.
„So eine Pastorela ist typisch mexikanische Kultur, aber mit dem Spott, der genauso typisch ist.“
„Den Leuten gefällt die Satire. Lieber lachen, als klagen.“

Und das gilt in Mexiko nicht nur an Weihnachten.

Autorin: Susanne Sterzenbach

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 20.12.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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