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20.03.2010

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Rückschau: Russland

Kaltes Moskau

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 20. Dezember 2009

Bei Frost tragen die Moskauer Pelz Bildunterschrift: ]
Wie Schokolade bricht das Eis. Für Mitte Dezember ist die Decke noch viel zu dünn. Ein Kinderspiel für einen Eisbrecher. Dabei könnte er viel mehr. Bis zu zehn Zentimeter Eisdicke schafft das Schiff locker. Das hier ist gar nichts, sagt Kapitän Botow: „Ich habe Erfahrung im Eis. Ich bin viele Frachtschifftouren gefahren. Da fährst du, bis das erste Eis da ist. Wir nennen das: bis zum Ende der Navigation. Und das kommt manchmal über Nacht. Das Eis bildet sich und du sitzt fest.“

Wir sind auf einer Sonderfahrt für die Presse. Nicht auf dem Nordmeer, nicht auf dem Bajkalsee. Sondern in Moskau - auf einem Ausflugsdampfer. Denn hier endet die Navigation ab sofort nie mehr. Wer will, kann das ganze Jahr Boot fahren. Mit der Ferdinand zum Beispiel. Das Schiff gehört zur nagelneuen Winterflotte auf der Moskwa. Alles Eisbrecher.

Moskauer lieben ihren Winter

Auch wenn bisher nicht viel zu brechen ist - zugefroren ist die Moskwa bisher noch in jedem Jahr, Klimawandel hin, Klimawandel her. Und die Moskauer lieben ihren Fluss. Und sie lieben ihren Winter. Auch wenn der spät kam dieses Jahr. Der erste Frost erst Mitte Dezember! Dabei wird es doch erst ab minus 25 so richtig gemütlich im Wasser.

Tamara und Irina kommen seit 15 Jahren her. „So eine Erholung! Nichts geht über ein Freibad! Frische Luft! Schade, dass es nicht schneit. Mit Schnee wäre es noch besser.“ „Sie sollten auch reinkommen. Spätestens, wenn sie in Rente sind. Wir warten auf sie!“

Schöner kann der Winter gar nicht sein. Unter Wasser plus fünfundzwanzig, über Wasser: fünfundzwanzig minus. Falls jemand noch ein Argument braucht - bitteschön: „Wonne! Wohlbehagen! Körperspannung! Und: nur positive Emotionen!“

Kräftiger Frost hebt die Stimmung

Endlich Frost. Endlich richtiger Winter. Die Dunstglocke über der Stadt fällt da kaum noch auf, eiskalt wirkt selbst die schlechteste Luft noch frisch. Und auch der ewige Moskauer Stau lässt sich jetzt leichter ertragen - schon allein deshalb, weil die Hälfte der Autos ab Minus 20 gar nicht erst anspringt.

Endlich kann man auch den Pelz wieder herausholen. Es ist, als würde die ganze Stadt aufleben. Unglaublich, was ein bisschen Sonne und ein bisschen Eis mit den sonst so mürrischen Moskauern machen.

Die Gymnastikgruppe westliche Innenstadt trifft sich zum Frühsport ab sofort nur noch draußen. Wer bleibt schon in der Turnhalle, wenn es endlich schön kalt ist?

Dass der verspätete Winter irgendwas mit Klimawandel zu tun haben könnte, das glaubt hier übrigens kaum einer. „Viel gefährlicher ist die geistige Degradierung. Wir sind immer selbstsüchtiger, unsere Gefühle sind materialistisch. Das ist schlimmer als Klimawandel. Aber der hängt damit zusammen. Unsere Gefühle verschlechtern die Atmosphäre.“„Ich merke nichts vom Klimawandel. Aber unsere Staatsführung redet jetzt auch davon. Wahrscheinlich stimmt es also, wenn die das sagen. Aber ich merke das nicht.“ „War es denn früher nicht kälter?“ „Wissen sie, ja, in den letzten zehn Jahren war es wirklich wärmer als früher. Ich habe schon vergessen, was Eislaufen ist. Aber in diesem Jahr, da packe ich die Schlittschuhe wieder aus. Wir sind doch jung!“

Die richtige Kleidung trotzt allen Minusgraden

Die ganz Jungen sind auch draußen. Ausgerüstet wie für eine Polarexpedition. „Ein Hemdchen hat Georgij an, darüber zwei Pullöverchen. Das Jäckchen hat warmes Schaffell und drunter hat er noch ein extra Krägelchen. Und an den Füßchen: Walenki, gute russische Filzstiefel. Die halten jede Temperatur aus. Das beste, was es gibt.“ Bewegen kann der kleine Georgi sich zwar kaum noch, aber kalt ist ihm nicht.

Eine Woche hält der Frost jetzt schon. Und wer bisher zweifelte, ob er weiter hält, der ist seit gestern Nacht beruhigt. Der Eismeister ist da. Und der kommt erst, wenn er sicher ist, dass es nicht mehr taut, dass er nicht umsonst arbeitet. „Das ist Erfahrung, kapiert? Ich mache das seit 30 Jahren.“

Auf der Bahn im berühmten Gorki-Park dürfen später nur die laufen, die es wirklich können. Für alle anderen fluten sie die Parkwege. Kaum ist das Eis fest, sind die ersten auch schon drauf. Mitten in der Nacht - schließlich haben sie lange genug warten müssen.

Und dann das sicherste Zeichen für den Winter: die Tanne kommt. Nicht irgendeine, sondern DIE Tanne. Die für den Kreml. Gestern Nacht wurde sie gebracht, morgen soll sie geschmückt werden. Jetzt bleibt der Winter. Sicher. Die im Kreml müssen es wissen.

Autorin: Ina Ruck

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 20.12.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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