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21.03.2010

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Rückschau: Spanien

Herberge für Flüchtlinge

Sendeanstalt und Sendedatum: SWR, Sonntag, 13. Dezember 2009

Der Stall von Bethlehem steht im Jahr 2009 in der südspanischen Stadt Algeciras. Die Schwangeren kommen aus Nigeria oder dem Senegal und ein ungewöhnlicher spanischer Mönch nimmt sie auf. Padre Patera wird er auch genannt – „Vater Fluchtboot“. Denn die Frauen landen auf Flüchtlingsbooten an der spanischen Küste an. Werden ihre Kinder auf spanischem Boden geboren, gilt für sie ein Bleiberecht, für die Mütter jedoch nicht. Padre Patera bringt sie bei sich unter und hilft ihnen, eine spanische Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Denn wenn sie illegal bleiben, landen die Mütter mit großer Wahrscheinlichkeit in den Fängen nigerianischer Frauenhändler und damit in der Prostitution.

Franziskanermönch Isidoro Macías (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: Franziskanermönch Isidoro Macías ]
Eigentlich hat er den falschen Beruf, um Vater zu sein. Trotzdem nennen alle ihn Papa. Der Franziskanermönch Isidoro Macías kennt diese Kinder seit ihrer Geburt. – „Papa willst Du auch so Zöpfe wie wir?“ – „Ich weiß nicht, ob mir die stehen?“ – „Ja, die stehen Dir!“ – „Na, vielleicht lass ich mir welche flechten.“ Am nächsten Morgen: Papa Isidoro in zivil. Er hat eingekauft für die Mütter der Kinder. Frauen wie Maria. Hochschwanger stand sie eines Tages vor seiner Tür, geradeaus übers Mittelmeer nach Spanien gekommen, kurz vor der Niederkunft. Isidoro brachte sie ins Krankenhaus, und nach der Geburt zog sie hier ein – in diesem Frauenhaus unter der Leitung des Priesters. „Ich habe mir gedacht, man braucht nicht auf Weihnachten zu warten, nur weil an diesem Tag ein besonderes Kind geboren wurde. Auch sonst werden Kinder geboren, die unsere Hilfe brauchen. Weihnachten ist für mich immer dann, wenn man anderen helfen kann.“

Boot mit Flüchtlingen (Quelle: dpa) Bildunterschrift: Boot mit Flüchtlingen ]
Hier, an Spaniens, Südküste heißt das: Wenn die Boote mit den Immigranten an Land kommen. Immer wieder sind auch Frauen mit Kleinkindern und Schwangere an Bord. Sie sind auf die gefährliche Reise gegangen - in der Hoffnung, kurz vor der Entbindung oder kurz danach werde Spanien sie schon nicht abschieben. Das Baby als Eintrittskarte nach Europa – so hat es auch Maria gemacht. „Es gab nichts richtiges zu essen auf dem Boot. Es gab kein sauberes Wasser. Ehrlich gesagt: Eine schwangere Frau sollte so eine Reise nicht machen. Aber das alles habe ich nur gemacht wegen Spanien. Ja? Ich wollte unbedingt nach Spanien.“

Prostituierte (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: Prostituierte aus Afrika ]
Weil Papa Isidoro sie aufnahm, muss Maria nicht fürchte was Tausende Frauen erleiden, die aus Afrika nach Spanien kommen. Denn für viele endet der Traum von Europa auf dem Straßenstrich. Weil sie ohne Papiere, illegal einreisen, dürfen sie nicht arbeiten. Die Prostitution ist ihre einzige Chance, Geld zu verdienen. Dabei fallen sie in die Hände von kriminellen Banden, die sie ausbeuten. Besonders berüchtigt ist die nigerianische Mafia. Eine Frau, die jahrelang von diesen modernen Sklavenhändlern geschunden wurde, erzählt uns: „Sie gaben uns ständig Pillen zu schlucken. Oder sie ließen uns Kokain schnupfen vor der Arbeit. Wir mussten ständig solches Zeug nehmen. Damit wir bessere Leistung bringen, haben sie gesagt. Und später mussten wir die Drogen auch noch bezahlen von unserem Lohn.“ Irgendwann schaffte sie es zu fliehen. Sie hat mehrfach die Stadt gewechselt. Weil sie immer noch illegal ist, muss sie weiter anschaffen. Jetzt auf eigene Rechnung – ohne Mafia. Es bleibt die Angst, ihre Peiniger wiederzutreffen. „Wenn ich auf der Straße bin und sehe nur von weitem einen Mann mit schwarzer Hautfarbe, dann sterbe ich fast vor Angst. Ich gehe nicht gerne allein raus. Ich habe zum Glück ein paar Freundinnen. Wenn ich zum Beispiel einkaufen gehen will, dann gehe ich immer mit ihnen zusammen. Die Angst ist schrecklich.“

Papa Isidoro kennt viele solcher Schicksale. In seinem Kloster ist er nur noch zum beten und schlafen. Tagsüber lebt er mit den Afrikanerinnen. Und dieses Leben hat seine Ansichten verändert. Er fordert, dass Prostitution ein Beruf wird mit beschützten Eros-Centern und Rentenversicherung – eine ziemlich ungewöhnliche Meinung im katholischen Spanien. „Ich lebe hier auf der Erde, und nicht da oben im Himmel. Und ich lebe jetzt schon eine ganze Weile mit diesen Menschen und kenne ihre Lage. Die Frauen brauchen das Geld, und sie sollen bei der Arbeit wenigstens nicht in die Hände dieser Verbrecher fallen. Ich denke, wenn Jesus heute auf die Erde käme, er würde es ähnlich sehen wie ich, oder?“

Maria mit Tochter (Quelle: SWR)lupe Bildunterschrift: Maria mit Tochter ]
Aber er muss nicht nur mit seinem obersten Dienstherrn klarkommen, sondern auch mit der Ausländerbehörde. Und die macht ihm mehr Kummer: Es gibt kaum noch Aufenthaltsgenehmigungen für Papas Schützlinge. Für den Staat ist es bequem, dass der Priester sich um Mütter und Kinder kümmert, ihnen Wohnung und zu essen gibt – und Geborgenheit in einem fremden Land. „Wir versuchen eine Familie zu sein. Aber das ist nicht leicht. Ich spreche kein Englisch, sie kein Spanisch. Und schließlich haben sich die Frauen auch erst hier kennen gelernt. Wir müssen halt versuchen, miteinander klarzukommen.“ Wie viele Menschen zu dieser Großfamilie gehören, das zählt keiner mehr. Aber vor Maria haben schon rund 500 Mütter mit ihren Kindern hier Aufnahme gefunden. Wenn sie eine Aufenthaltsgenehmigung hat, muss Maria gehen – das ist die Verabredung. Es wir noch eine Weile dauern, aber sie ist ohnehin schon jetzt zufrieden. „Meine Tochter ist das Symbol für meinen Sieg. Darum habe ich sie Victoria genannt, die Siegerin. Ich habe mein ganzes Leben von Europa geträumt. Mit ihr habe ich es geschafft: Als ich hier ankam, habe ich sie geboren.“

Wo man von Spanien bis hinüber nach Marokko sehen kann, ist der Lieblingsplatz von Papa Isidoro. Jetzt im Winter wird das Meer stürmischer. Es werden weniger Boote kommen. Für den Vater der Flüchtlinge eine Zeit zum Durchatmen.

Autor: Thomas Schneider, ARD-Studio Madrid

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 13.12.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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