Rückschau: Kanada
Vancouver - Zwei Seiten einer Medaille
Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 7. Februar 2010

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An der Pazifikküste Kanadas liegt sie, die Stadt Vancouver, und ein wenig gibt sie sich in diesem milden Klima wie eine Art Monaco des Nordens, das sich auf Olympia vorbereitet.
Vielleicht ist sie sogar eine der reizvollsten Städte Kanadas überhaupt. Nostalgie und Modernität - eine durchaus sympathische Mischung, die sich - noch - die Waage hält.
Chinesische Einwanderer prägen das Stadtbild

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Ach ja, eine asiatische Stadt ist Vancouver außerdem auch. Ein Drittel der 500.000 Einwohner kommt inzwischen aus China - und das prägt das Bild und die Kultur dieser Stadt so sehr, dass es manch einem Kanadier vielleicht schon zu viel ist.
Die Geschäfte aber laufen, der Stadt geht es nicht schlecht - und doch quält sie, erst recht vor Olympia, eine schon lange offene Wunde.
Und doch, bei allen Vorzügen kennt die Stadt auch die Kehrseite der Medaille: Obdachlosigkeit, Drogensucht und Kriminalität im notorischen Stadtteil "Downtown Eastside". Wendy Petersen, engagierte Sozialarbeiterin, kritisiert Stadt und Provinzregierung, sie würden nichts oder nicht genug dagegen tun.
Der Bürgermeister, seit einem Jahr im Amt, vertritt die gegenteilige Position. Der Organismus einer attraktiven Stadt kämpft nun schon seit Jahrzehnten mit einer offenen Wunde, die durch die Olympischen Spiele auch in den Blick der Weltöffentlichkeit gerät.
Problemviertel Downtown Eastside

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Hunderte von Drogenabhängigen und Obdachlosen hausen in der sogenannten Downtown Eastside - es ist gefährlich hier zu filmen. Wurfgeschosse fliegen Richtung Kamera, Aggressionen entladen sich, wer hier lebt, ist ganz unten angekommen.
Vancouver ist Drehscheibe für den Handel mit härtesten, aus Asien kommenden Drogen geworden, die Opfer nehmen sie ganz offen zu sich in den Seitengassen der Downtown Eastside. Es ist ein bedrückendes Drama, das sich hier seit Jahren in den Gassen abspielt, und jetzt, in Zeiten der ökonomischen Krise auch in Kanada, werden die Opfer trotz aller Maßnahmen der Stadt nicht weniger, sondern mehr. Krankheiten bis hin zu Aids grassieren hier, bei manchen ist es nur die Frage ob sie schneller oder langsamer sterben.
Kampf gegen die Obdachlosigkeit
In einem Gemeindezentrum mitten in der Downtown Eastside aber haben sich trotz der hoffnungslosen Lage Aktivisten zusammen gefunden, die für diese Armee der Verlorenen kämpfen. Armut, sagt zum Beispiel Wendy Pedersen, ist einer der Gründe für dieses Problem.
Sie und andere Sozialarbeiterinnen hier sind deshalb gegen Olympia, weil sie sagen, das Geld dafür würde anderswo dringender gebraucht. Zum Beispiel im Kampf gegen die Obdachlosigkeit in der Downtown Eastside.
Die Obdachlosigkeit, sagt sie, hat zugenommen, seit die kanadische Regierung Sozialprogramme zusammengestrichen hat. Diese Einschnitte in das soziale Netz haben gerade in der Downtown Eastside, dazu geführt, dass sie für viele zur allerletzten Haltestelle vor der Obdachlosigkeit wurde.
Dann zeigt sie, wie das aus ihrer Sicht in der Downtown Eastside, wo sie selbst wohnt, funktioniert. Auf der anderen Straßenseite wurden die Mieter von Billigwohnraum heraus gedrängt - nach Renovierung wird teurer weiter vermietet.
Im Ergebnis, sagt Wendy Pedersen, werden einige von den ehemaligen Mietern obdachlos, andere schaffen es gerade noch und ziehen in noch vorhandenen billigen Wohnraum, den sie bezahlen können.
Dadurch verdrängen sie wieder andere noch Ärmere. Das ist wie eine Kettenreaktion, meint sie. Im Ergebnis werden in diesem Stadtviertel mehr Menschen obdachlos.
Vorzeigeobjekt der Stadt
Was fehlt, will sie sagen, ist ausreichend Geld für kluge Sozialprogramme, die genau diesen Absturz verhindern.
Die Stadt Vancouver wiederum hat sich ein neues Modell überlegt. Im Problemviertel Downtown Eastside renoviert sie gerade ein markantes altes Gebäude. In dem modernen Vorzeigeobjekt sollen Arme und etwas besser Verdienende dann zusammenwohnen. Teurer aber wird auch das. In einem Ausstellungsraum präsentiert die Stadt nicht zu unrecht, was sie im Kampf gegen verwahrloste Wohnräume schon getan hat. Der Ausstellungsraum wurde vor wenigen Tagen eröffnet, sicher auch, um sich so kurz vor Olympia vor der anreisenden internationalen Presse gut zu präsentieren.
Die Aktivisten von der Downtown Eastside um Wendy Pedersen aber nutzen die Gunst der Stunde ebenfalls und demonstrieren vor diesem Objekt. Wohnungen statt Spiele, sagen sie, und hoffen, dass die Botschaft ankommt. "In Wahrheit haben wir kein Suchtproblem, sondern das Problem von zu wenig billigem Wohnraum."
Die Stadt wiederum ringt am gleichen Ort fast zur gleichen Zeit vor der Presse um die Deutungshoheit - ihr Bürgermeister Gregor Robertson, gerade ein Jahr im Amt und durchaus engagiert, verteidigt sich: „Die Stadt hat in den letzten zwei Jahren viel Geld ausgegeben, um Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Aber das Problem ist so groß, dass man das nicht in ein oder zwei Jahren lösen kann. Aber wir müssen alles dafür tun, dass es auch nach Olympia in dieser Geschwindigkeit weiter geht.“
Vancouver, beschleunigt durch Olympia, ringt umso mehr mit sich selbst und ringt mit seiner brennenden sozialen Wunde.
In den Bergen über Vancouver entfaltet sich die Schönheit der Natur, dort wo ein großer Teil der Winterspiele stattfinden wird.
Die Veranstalter präsentieren sich in diesen Bildern mit ihrem Wunsch, dass Olympia sein soll wie ein leichter nordischer Traum. Und doch ist eines sicher: Am Ende dieses Traums wartet sie wieder, die harte Wirklichkeit.
Thomas Roth, ARD-Studio New York
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

