Rückschau: USA
"Angelhaken nicht verschlucken!" - Verrückte Gebrauchshinweise
Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 20. Dezember 2009

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Was tun, wenn das Wild schon anvisiert ist, der Jäger aber plötzlich Druck verspürt, nicht am Finger, sondern anderswo. Das Werbevideo für Amerikas erste Outdoor-Klobrille weist einen Ausweg, die Hersteller aus Texas sind von der Idee begeistert - und hoffen aufs Weihnachtsgeschäft.
Sicherheitshalber warnen sie allzu Eilige schon mal vor Risiken: Nicht am fahrenden Auto benutzen, heißt es da: „Zwar sollte jeder selber wissen, dass man auf keinem Klositz Auto fährt“, sagt Unternehmer Greg Jackson, „aber für den Fall, dass uns jemand deshalb auf fünf Millionen Dollar Schadensersatz verklagt, können wir sagen, sieh hin, da steht es, gut lesbar.“ So geht es vielen Firmen im Shoppingland Amerika, dank eines unbeschränkten Haftungsrechts.
Bob Jones zeigt uns mehr Beispiele: „Das ist ein CD-Regal, mit Warnung, es bitte nicht als Leiter zu benutzen. Oder ein Angelhaken, samt dem Hinweis: „Harmful if swallowed“ - bitte nicht verschlucken. Gut, dass Fische nicht lesen können“, sagt er. „Ein Sonnenschutz für Auto-Frontscheiben. Vor dem Losfahren, steht innen, bitte wieder entfernen. Und das Lieblingslabel, ein Fön mit Firmenwarnung, das Gerät nicht im Schlaf zu benutzen.“
Warn-Wahn in den USA
Begonnen habe alles mit einem heißen Kaffee, den eine McDonalds-Kundin im Auto auf sich schüttete. Die Schadensklage brachte ihr 600.000 Dollar. Seitdem, klagt Bob, hat sich Amerika verändert: „Ich finde für meine Kinder in keinem Hotelpool mehr ein Sprungbrett. Weil so viele, wenn sich jemand wehtat, das Hotel verklagten - allein deshalb, weil dort Geld zu holen war. Oder nimm die Spielplätze an Schulen: Früher gab es da überall die Wippen, die wir noch kennen. Kinder liebten die. Aber sobald eines runterfiel, verklagte man die Schule.“
Ein Kulturverfall, schimpfen die Kritiker, ein Sieg der Dummheit. Als könnte man nicht wissen, dass man Kinderbuggies nicht mitsamt dem Baby faltet.
„Kein normaler Mensch macht das“, finden auch die Weihnachtsshopper, „wenn einer da den Hersteller verklagt, sollte man ihn ins Irrenhaus stecken.“
„In anderen Ländern würde man sagen, wenn du unter den Rasenmäher greifst, bist du bescheuert. Das wäre kein Fall für den Richter.“
„Natürlich ist das lächerlich. Wir Verbraucher zahlen am Ende so viel Geld für diese Prozesse und es werden nur mehr. Da sieht man’s mal wieder. Die Anwälte lenken unser Leben.“
Anwälte profitieren von Schadensersatz-Klagen
Tatsächlich profitieren gerade Amerikas Schadensersatz-Anwälte von all dem. Ihnen vor allem gilt der Feldzug von Bob Jones. In einer Radioshow in Michigan stellt er Neuheiten vor und vergibt Preise für die albernste Verbraucherwarnung. Die Off-Road-Klobrille aus Texas ist dieses Jahr sein Favorit. Dazu unter anderem ein Computerdisplay, das man laut Label nicht aufessen soll. Die Hörer stimmen für die Klobrille.
Anwälte hin oder her. Warum nehmen Richter solche Fälle an? fragen wir Bob.
„Auch Richter werden hier gewählt, alle vier Jahre“, sagt er.
„Und wie werden sie gewählt?“
“Indem sie in Fernsehspots und Zeitungsanzeigen für sich werben.“
“Und wie bezahlen sie das?“
“Durch Spenden von Anwälten, die ihr Geld mit den Klagen verdienen. Es ist ein einziger Kreislauf.“
Natürlich halten manche dagegen, dass Amerikas Firmen so immer umsichtiger würden und das Land immer sicherer. Etwa dadurch, dass immer weniger Verbraucher sich gegenseitig in Wäschetrockner steckten. Der Entdecker dieser Warnung gewann Bobs Preis schon vor Jahren.
Bob Wilkinson, Wäscherei-Inhaber: „Ich hatte die Show gar nicht selbst gehört“, erinnert er sich. „Irgendwann rief mich einer an und sagte, hey, du hast 500 Dollar gewonnen. Mich hat’s fast umgehauen.“ Dass Maschinen-Hersteller lieber Labels kleben als Prozesse verlieren, versteht er. Sie glauben ja gar nicht, sagt er, was Betrunkene so alles tun.
Ansporn für die Produzenten?
Dazu Prof. John Hasnas von der Georgetown Universität Washington: „Wenn die Regierung alle Sicherheitsstandards regeln würde, wäre das nicht billiger. Das US-System motiviert wirklich die Verbraucher, durch Klagen Produkte zu verbessern.“
Bob Jones kann darüber nur schmunzeln. „Auf diesem Feuermelder steht tatsächlich, dass das Drücken des Batterie-Test-Knopfs kein Feuer löscht. Und hier, dass ein Schienbeinschützer nur das Schienbein schützt und nicht auch, sagen wir, den Kopf. Und dass man Bügelbildchen nicht auf T-Shirts bügelt, die gerade jemand trägt, sollte auch klar sein.“
„Wer braucht das“, schimpft er. „Wir zwar nicht, aber zur Not soll’s uns Recht sein“, sagen die jüngsten Jägersitz-Preisträger aus Texas. Und freuen sich eher über die kostenlose Zusatzwerbung.
Autor: Klaus Scherer
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 20.12.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

