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Die Meeresbiologen stehen vor einem Rätsel. Die rote Tiefseequalle Periphylla Periphylla ist in den norwegischen Lurefjord eingefallen und hat alle anderen Fischarten verdrängt. Eigentlich gibt es damit auch keine Nahrung mehr für die Qualle – trotzdem leben die Quallenschwärme weiter. W WIE WISSEN untersucht, was hinter diesem Phänomen stecken könnte.
Sie besitzt kein Hirn, kein Blut und kein Herz. Trotzdem ist die leuchtend rote Tiefseequalle Periphylla periphylla die unumschränkte Herrscherin des Lurefjords. Der riesige, nur eine Autostunde von der norwegischen Stadt Bergen entfernte Meeresarm ist praktisch fischfrei. Denn die Meduse verfügt über eine tödliche Waffe, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Ihre zwölf, bis zu einem halben Meter langen Tentakeln sind ständig in Bewegung und von oben bis unten mit giftigen Nesselzellen gespickt. Gerät ein potentielles Beutetier - Kleinkrebse oder Fischlarven - in die Nähe dieses tödlichen Vorhangs kommt die schnellste Reaktion auf zellulärer Ebene im ganzen Tierreich in Gang: Mit Widerhaken versehene Pfeile schießen aus den Nesselzellen und durchschlagen den Panzer oder die Haut der ahnungslosen Opfer.
Dank des eingespritzten Giftes, braucht Periphylla mit ihren Armen die gelähmte Beute nur noch zur Mundöffnung führen und das Festmahl beginnt. Wer die Zusammenhänge von Masse und Geschwindigkeit kennt, wird erstaunt sein, dass ein nur paar Nanogramm schweres Geschoss in der Lage ist, einen Laborhandschuh aus Plastik zu durchschlagen. Oder aber in die menschliche Haut einzudringen und für schmerzhafte Verletzungen zu sorgen.
Im Lurefjord hat ein Fischer nach dem anderen inzwischen das Handtuch geworfen. Arthur Monslaup ist der letzte. Mit 59 will er sich nicht mehr neu orientieren, solange es zum Überleben reicht, sagt er bis zu den Knien im roten Glibber stehend, der aus den Netzen ins Boot geschwappt wird. Auch das Putzen der Außenwände spart er sich inzwischen. Die Ablagerungen sehen aus wie Rost, sind aber rotes Quallenpigment.
Was Periphylla in der Tiefsee für ihre Feinde nahezu unsichtbar macht, bringt ihr an der Oberfläche den Tod. Das rote Pigment zersetzt unter Lichteinfluss ihre Organe. Deshalb steigen die Medusen nur Nachts an die Oberfläche. Zum Fressen? Zur Paarung? "Wir wissen es nicht", klagt Professor Ulf Bamsted, Leiter des europäischen Quallenprojekts Eurogel. "Länger als zwei Wochen konnten wir noch keine Periphylla am Leben halten, um sie zu untersuchen. Sie sind einfach zu empfindlich."
Was im Lurefjord genau passiert, ist ein biologisches Rätsel. Seit Jahren warten Wissenschaftler aus aller Welt auf den zyklischen Zusammenbruch der Quallen-Population. Das Massenaufkommen einer Art, müsste theoretisch den Beutetierbestand vernichten. Deren Rückgang würde dann den Kollaps der Quallenpopulation nach sich ziehen. Doch nichts passiert. Der rote Tiefseeräuber hat sich als Spitze der Nahrungspyramide etabliert.
Ist Periphylla in der Lage sich ständig auf andere Nahrungsquellen umzustellen? Oder gelingt es ihr wie so vielen Tiefseebewohnern wochenlang zu hungern, wenn es weniger Nahrung gibt? Ulf Bamstedt ist ratlos. Auf dem Sonarschirm der Hakon Mosby, dem Forschungsschiff der Universität Bergen beobachtet er ein dickes, mehrere hundert Meter langes Objekt in einer Tiefe von 350 Metern. Es sind Millionen und Abermillionen der roten Medusen für deren Massenaufkommen er seit Jahren mit internationalen Forschungsteams Antworten sucht. "Eigentlich ist Periphylla ein Wanderer der Weltmeere, mal hier mal dort. Und eigentlich lebt sie in Tiefen von mehr als 1000 Metern. Hier ist es höchstens 600 Meter tief. Draußen werden sie bis zu fünf Kilogramm schwer, im Fjord maximal zwei Kilo."
Der Lurefjord an und für sich ist eine biologische Besonderheit. Sein Einlauf ist gerade einmal 200 Meter breit und 25 Meter tief. Der Wasseraustausch mit dem offenen Atlantik ist gering. Der Meeresarm ist ein nahezu geschlossenes Ökosystem. Temperatur, Salz- und Sauerstoffgehalt sind ab 100 Meter Tiefe fast konstant.
"Vielleicht wird sie aus den anderen Fjorden einfach wieder hinausgespült. Ihre Larven sind kaum in der Lage gegen stärkere Strömung anzukämpfen und vielleicht hat das bisher die Invasion der anderen Küsten bisher verhindert", glaubt der mitgereiste Dr. Henry Tiemann von der Universität Hamburg. Wenn er zusammen mit Ulf Bamsted den Forschungsroboter mit Kamera in die richtige Tiefe ablässt, kommt ein Vier-Mann-Team vor den Monitoren kaum mit dem Zählen nach. "Nirgendwo sonst trifft ein Tiefseebewohner wie Periphylla auf so viele potentielle Geschlechtspartner. Nirgendwo sonst sind die Umweltbedingungen so konstant. Für so schlechte Schwimmer ein enormer Vorteil. Und was vielleicht noch eine Rolle spielt: Wahrscheinlich können die Quallen bis zu 30 Jahren alt werden."
Doch ist dieser Populationsschub nicht das erste Anzeichen einer größeren Veränderung des Ökosystems? Trotz ihres fragilen Äußeren sind Quallen dank der Nesselzellen eine der erfolgreichsten Spezies der Evolution. Seit mehr als 600 Millionen Jahren bevölkern sie alle Gewässer der Erde. Süß- und Salzwasser, Tropen und Eismeer. Verändert haben sie sich kaum. Quallen stellen auch das giftigste Tier der Erde. Das Gift einer einzigen Seewespe kann 200 Menschen töten. Allein in Australien sterben durch diese Qualle mehr Menschen als durch alle Haiangriffe weltweit. Und immer wieder sorgt das Massenvorkommen der Wabbeltiere von der Ostsee bis an die Adria für Schlagzeilen. Aber es geht schon lange nicht mehr um vernesselte Touristenbeine. Immer größer wird der Schaden für die Fischerei, für Schifffahrt, Industrieanlagen und Kraftwerke beispielsweise durch verstopfte Filter. Alleine in der EU schätzt Bamstedt die durch Quallen verursachten wirtschaftlichen Schäden auf über 600 Millionen Euro.
Es scheint schon lange keine natürlichen Rhythmen der Quallenpopulation mehr zu geben. Das Ökosystem Meer ist angeschlagen. Die Überdüngung bedeutet mehr Plankton und damit mehr Nahrung für die Quallen. "Eigentlich ist es im Lurefjord wie überall bei einer Quallenpest. Irgendwann hat Periphylla praktisch alle pelagischen Jungfische - ihre direkten Nahrungskonkurrenten - gefressen. Nur verschwindet sie jetzt nicht mehr", sagt der amerikanische Meeresbiologe Marsh Youngbluth zwischen zwei Robotertauchfahrten.
Viel Zeit hat er nicht auf der Hakon Mosby. Es wird in Schichten gearbeitet, 24 Stunden am Tag. Zum ersten Mal ist es auf dieser Expedition gelungen mit einer speziellen Einsaugvorrichtung Quallen lebend in 400 Meter Tiefe zu fangen. In angebauten Glasbehältern werden sie unversehrt nach oben gebracht. Bisher landeten durch das Hochziehen in den schweren Spezialnetzen vor allem schwer beschädigte Medusen auf den Seziertischen. Das heutige Ergebnis stellt wieder einmal viele Theorien auf den Kopf. "Die Mägen aller acht Tiere sind leer! Die Quallen aus dem Netz waren immer vollgefressen. Vielleicht waren unten ihre Mägen leer und sie haben nur beim Hochziehen die im Netz mitgefangenen Kleinstlebewesen verspeist", resümiert Youngbluth.
So haben Ulf Bamsted und sein Team auch diesmal mehr Fragen als Antworten. Wird es Periphylla gelingen, ihre Vormachtstellung auf das offene Meer auszudehnen? Ulf Bamsted winkt müde ab. Man hat zwar inzwischen in zwei weiteren Fjorden mit wesentlich größerem Wasseraustausch zum Atlantik Periphylla periphylla entdeckt. Aber es könnte eine andere Art sein. Genau, räumt er achselzuckend ein, könne man es aber nicht sagen.
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 07.07.2004 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.