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Kurz nach dem zweiten Weltkrieg ereilte den Nordseeschnäpel das gleiche Schicksal wie den Rhein-Lachs. Er fiel der Umweltverschmutzung zum Opfer.
Giftige Abwässer und die Verbauung der Flüsse durch Wehre ließen ihm keine Chance. Seit dem Zweiten Weltkrieg gilt er im Rhein und den anderen deutschen Flüssen als ausgestorben.
Heute kennt ihn niemand mehr. Dabei war er noch zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts neben dem Lachs einer der schmackhaftesten Speisefische des Rheins. Immerhin ist er ein naher Verwandter des als Delikatesse gerühmten Blaufelchens aus dem Bodensee. Er wird allerdings mit 60 cm Länge und mit zwei Kilo viel größer und schwerer als diese. Auch Forellen sollen im Geschmack nicht an ihn heranreichen.
Früher lebte der Schnäpel an den Küsten der Nordsee und in den Mündungen der Flüsse. Nur zur Fortpflanzung wanderte er die Ströme hinauf. Allerdings nicht wie der Lachs bis in kleinste Flüsschen, sondern er laichte in ruhigen Nebenarmen der großen Flüsse und den tieferen Einmündungen der Nebenflüsse. Wehre und die später gebauten Fischtreppen mied er.
In einem kleinen abgelegenen dänischen Flüsschen überlebten einige wenige Exemplare des Nordseeschnäpels. Einem Fischzüchter gelang es, ihnen den Laich zu entnehmen und die daraus schlüpfenden Jungfische groß zu ziehen.
Erst vor wenigen Jahren gab es endlich genügend Jungfische, um den Versuch zu wagen, den Schnäpel im riesigen Flussgebiet des Rheins wieder anzusiedeln.
Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren wurden in Rhein und Lippe insgesamt weit über eine Million Jungschnäpel ausgesetzt.
Diese Aktion wird von der Universität Köln wissenschaftlich begleitet. Biologe Dr. Jost Borcherding hofft, dass die Tiere heranwachsen, in die Nordsee wandern und zum Laichen wieder an ihren Geburtsort zurückkehren. Doch niemand weiß, ob die aus Dänemark und der Treene stammenden Fische wieder die Lebensweise der ausgerotteten Rhein-Population annehmen werden. Schleusen und Sperrwerke im Mündungsgebiet des Rheins haben den alten Lebensraum grundlegend verändert.
Während Lachse relativ einfach vor Wehren und in Fischtreppen zu beobachten sind, laichen Schnäpel in den trüben, tiefen Fluten der Flüsse. In diesen Gewässern kann man sie nur schwer beobachten und kontrollieren.
Um Schnäpel erforschen zu können, muss man sie fangen. Aber sie sind sehr empfindlich und dürfen nicht dicht gedrängt mit einem Netz aus dem Wasser gehoben werden.
Niederländische Biologen des an die Universität Wageninge angegliederten Institutes IMARES und Ökologen des Rijkswaterstaat, der Verwaltung der niederländischen Wasserwege versuchen zusammen mit den deutschen Wissenschaftlern das Verhalten der in Deutschland eingesetzten Schnäpel zu erforschen.
Sie erkannten: Im einzigen möglichen Wanderweg der Schnäpel ohne Schleusen und Wehre, der durch den Rotterdamer Hafen führt, gibt es keine geeigneten Fischer. Es gibt nur einen Experten, der Schnäpel lebend fangen kann. Der fischt jedoch im IJsselmeer, einer riesigen eingedeichten ehemaligen Meeresbucht in die ein Seitenarm des Rheins mündet. Heute ist das IJsselmeer ein Binnensee von dem nur zwei Schleusen ins Meer führen. Diesem Fischer gelang es im April 2007 mit nur einem Fischzug rund 100 Schnäpel zu fangen. Wesentlich mehr als erwartet.
Um festzustellen wie sich die Schnäpel verhalten, ohne sie beobachten zu können, sind trickreiche Methoden notwendig.
Eine wichtige Hilfe sind die Schuppen der Fische. Diese wachsen indem sich am Außenrand Ring um Ring anlagert, ähnlich den Wachstumsringen bei Bäumen. Die chemische Zusammensetzung der Schuppenringe kann verraten wo die Fische wann lebten, im Süß- oder im Salzwasser.
Allerdings sind derart exakte Analysen mikroskopisch kleiner Bereiche nur in wenigen Labors möglich. Im Forschungszentrum Jülich perfektioniert Dr. Johanna Sabine Becker solche Methoden. Ein Laser verdampft, vom Zentrum der Schuppe ausgehend bis zum Rand, eine Reihe von Proben und misst das genaue Verhältnis von Strontium und Calcium darin. Dieses ist je nach Süß- oder Salzwasser verschieden.
Ergebnis: Nur ein Teil dieser Schnäpel lebte wie ihre Urahnen dauerhaft im Meer und kommt ausschließlich zum Laichen zurück. Eine andere Gruppe wechselt zwischen Meer und Süßwasser hin und her. Eine sehr große Gruppe bleibt gleich ganz im Süßwasser. Damit hatten die Wissenschaftler nicht gerechnet.
Noch sind die Schnäpel komplett geschützt. Wenn sie in Zukunft wieder als Delikatesse dienen sollen, muss man ihre Lebensweise sehr genau erforschen, Schutzzonen und Schonzeiten festlegen. Sonst würden sie womöglich gleich wieder ausgerottet.
Die einzige Möglichkeit hierfür ist, einzelne Fische mit einem Sender auszustatten und deren Wanderungen zu registrieren. Platz für einen Sender ist bei einem Schnäpel nur in der Bauchhöhle. Joep de Leeuw und Erwin Winter vom IMARES-Institut in Wageningen müssen daher eine richtige Operation durchführen. Die Fische werden betäubt und anschließend operiert. Die Wunde wird mit sich selbsttätig auflösenden Fäden vernäht. Während der Operation werden die Fische durch einen Wasserschlauch künstlich beatmet. Dies ist notwendig weil zwar ihr Herz schlägt, aber sie nicht selbstständig atmen können. Daher müssen sie auch in einem Aufwachbecken sorgfältig beobachtet werden, bis sie wieder selbstständig atmen.
Der größte Erfolg des Schnäpel-Programmes ist, dass sich die Schnäpel wieder selbst vermehren. Daher müssen auch keine Jungschnäpel mehr ausgesetzt werden. Die Bestände wachsen offenbar sehr schnell.
Aus deutscher Sicht bleibt die Frage, ob die Nachkommen der in der Lippe ausgesetzten Fische ebenfalls wieder zum Laichen zurückkehren. André Breukelaar vom Rijkswaterstaat betreut eines der weltweit größten Netze von Messstationen für mit Radiosendern versehenen Fische. 40 Detektoren im Rheingebiet registrieren die Wanderwege der inzwischen 100 Schnäpel. Ergebnis: Die Schnäpel wandern oftmals hunderte Kilometer weit und erobern sich offenbar den veränderten Lebensraum aufs neue. Und: Einer der Schnäpel kam auch bereits wieder in der Lippe an!
Autor: Vladimir Rydl
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 30.05.2007 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.