DasErste.de - Springe direkt zu

Inhalt.
Hauptnavigation.
Weitere Inhalte.

09.02.2012

W wie Wissen
Inhalt

Rückschau: Toll Collect: Startschuss für die PKW-Maut

 

 

Der Start der LKW-Maut verlief weitgehend störungsfrei. Im allgemeinen Jubel darüber traut sich noch niemand offen auszusprechen, was für Verkehrswissenschaftler auf der Hand liegt: Die LKW-Maut ist der erste Schritt in Richtung einer allgemeinen Straßenbenutzungsgebühr. W WIE WISSEN zeigt, dass das System schon heute dafür ausgelegt ist.

Das von vielen befürchtete Chaos beim Start der LKW-Maut zum 1. Januar ist ausgeblieben. Keine endlosen Staus vor den manuellen Toll-Collect-Terminals, stattdessen funktioniert das System ungewohnt reibungslos.

Beckstein fordert Ausweitung der Maut

Doch schon melden sich die ersten Politiker, wie Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU), und fordern ein Ausweiten der Maut auf einige Bundesfernstraßen. So soll verhindert werden, dass die Lastwagen von den Autobahnen auf Bundesstraßen ausweichen, um die Maut zu sparen.

Grundsätzlich ist das nicht nur nach dem Mautgesetz möglich, sondern auch technisch - wenn auch nicht sofort. Denn die erste "abgespeckte" Software-Version, mit der die On-Bord-Units (OBUs) jetzt ausgerüstet sind, lässt eine solche Änderung des mautpflichtigern Streckennetzes ebenso wenig zu wie eine Änderung der Streckenpreise. Mit der Vollversion der Software, die im Laufe des Jahres fertig sein soll, werden solche "kleinen Änderungen" aber ganz problemlos möglich sein, ohne das die LKW noch einmal in die Werkstatt müssen.

Die große Aufregung um das Maut-Debakel ist damit wohl vorerst beendet und dafür die Diskussion über die Möglichkeiten von Toll Collect eröffnet.

Mautgrenze bald ab 3,5 Tonnen

Noch müssen nur LKW ab 12 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht für die Benutzung der Autobahnen zahlen. Mit "11,99-Tonnern", die gerade unterhalb der Mautgrenze liegen, können einige Spediteure der Maut derzeit noch ein Schnippchen zu schlagen. Doch dieses legale Schlupfloch wird sicherlich bald geschlossen werden. Viele Spediteure rechnen schon fest mit einer Absenkung der Mautgrenze auf 3,5 Tonnen.

Aber dabei wird es nicht bleiben. Denn das Maut-System sollte von Beginn an weit mehr können, als nur eine LKW-Maut erheben. "Die ausgewählte Technik von Toll-Collect wurde ja in einem System-Vergleichs-Versuch 1994/95 ausgewählt", sagt Prof. Günter Halbritter vom Institut für Technikfolgeabschätzung und Systemanalyse am Forschungszentrum Karlsruhe. "Und da wurden sehr anspruchsvolle Forderungen gestellt: man wollte eine Gebührenerfassung bei bis zu 200 Kilometer pro Stunde bei gleichzeitigem Spurwechsel sicherstellen, und dazu war nur dieses sehr aufwändige, oder technisch anspruchsvolle, würde ich besser sagen, denn aufwändig ist es gar nicht, dieses anspruchsvolle GPS-GSM-System in der Lage."

Dank der GPS-Satelliten-Technik kennt das Maut-Gerät ständig seine Position. Auf mautpflichtigen Strecken sendet es eine SMS über das GSM-Handy-Netz an Toll Collect: dann läuft der Maut-Zähler in der On-Bord-Unit. Fährt der Wagen von der Autobahn ab, meldet er das wieder per SMS an die Zentrale – und wie viel die Fahrt gekostet hat. Das funktioniert auch problemlos bei hohen Geschwindigkeiten von 200 Stundenkilometer – und ist längst nicht alles was das System für die Verkehrspolitiker so attraktiv macht.

Sehr flexibles System

"Ich denke, man hat sich für das Toll-Collect-System deswegen entschieden, weil es ein sehr flexibles System", sagt Prof. Markus Friedrich vom Institut für Straßen- und Verkehrswesen der Universität Stuttgart. "Ein System mit dem man, dass man zu jedem Zeitpunkt auf andere Teile des Straßennetzes ausweiten kann, also wenn man neue Autobahnen baut, die heute noch nicht da sind, wenn man andere Strecken in die Bemautung miteinbeziehen möchte ist das jederzeit möglich, man kann auch jederzeit die Preise leicht ändern, es ist kein hart verdrahtetes System, sondern ein System, dass schnell an neue Gegebenheiten angepasst werden kann."

Die technischen Möglichkeiten von Toll Collect zeigen, wohin die Reise geht: "200 Kilometer pro Stunde mit gleichzeitigem Spurwechsel“ – das klingt nicht nach LKW. Und auf Autobahnen muss die Maut auch keineswegs beschränkt bleiben.

Die großen Überwachungs-Brücken gibt es zwar nur an Autobahnen - aber die sind ohnehin nur zur Kontrolle da, um Maut-Preller automatisch zu erwischen. Für die eigentliche Mauterfassung werden sie nicht gebraucht. Das erledigen die kleinen, flexiblen OBUs. Und die können nicht nur in LKW, sondern in alle Fahrzeuge eingebaut werden.

Option "PKW-Maut" inklusive

Die Option "PKW-Maut" ist also bei Toll-Collect schon inklusive - und das Geld braucht der Staat dringend. Allein der Ausbau der Verkehrsnetze nach dem Bundesverkehrswegeplan soll in den nächsten 10 Jahren gigantische 150 Milliarden Euro kosten. Über Steuern, wie bisher, wird sich das kaum finanzieren lassen.

Davon ist auch Prof. Werner Rothengatter vom Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung der Universität Karlsruhe überzeugt. Er gehört zum kleinen Kreis der wissenschaftlichen Berater des Verkehrsministeriums. "Ich denke, dass die PKW-Maut alleine aus finanziellen Gründen schon bald kommen muss," sagt er, "und der beste Zeitpunkt ist immer nach den Bundestagswahlen, das heißt, ich erwarte, dass nach den nächsten Bundestagswahlen Ende des Jahres 2006 diese PKW Maut zunächst in Form einer Vignette beschlossen werden wird. Und wenn eine Vignette einmal eingeführt worden ist, dann ist das der Einstieg in gerechtere Lösungen, wie eine Kilometer bezogene Lösung,, und dies wird aus technischen Gründen Ende diesen Jahrzehnts möglich sein."

Schon 2008 könnte es soweit sein. Ab dann könnte Toll Collect nämlich mit dem extrem genauen und zuverlässigen europäischen Satelliten-System Galileo arbeiten. Und bis dahin dürften die Maut-Profis auch genug Erfahrung haben, um neben den rund 1 Million LKW-Fahrten die über 40 Millionen PKW-Fahrten täglich zu bearbeiten.

Bezahlung nach Kilometer

Immerhin: jeder bezahlt dann nur so viel, wie er tatsächlich fährt. Nach Berechnungen von Prof. Rothengatter könnten das im Schnitt wohl etwa 100 bis 120 Euro im Jahr sein. Und diese Belastung könnte zumindest teilweise kompensiert werden.

"Man kann also daran denken, dass die Kraftfahrzeugsteuer abgeschafft wird und dass an Stelle der Kraftfahrzeugsteuer dann eine PKW-Maut eingeführt wird. Darüber wird ja bereits verhandelt zwischen Bund und Ländern. Denn die Kraftfahrzeugsteuer ist ja eine Steuer der Länder, die müssten auf diese Einnahmen verzichten und brauchen dafür ihrerseits wieder eine Beteiligung an Bundessteuern. Das Ganze ist im Fluss, und ich denke auch, dass das bis zum Jahr 2006 dann entschieden sein wird, sodass der Weg frei sein wird für eine stärkere Gebühren-Lösungen für die PKW."

Für die Autofahrer könnte die bittere Maut dabei noch durch verschiedene Vorteile versüßt werden. Ein Navigationssystem zum Beispiel. Denn die genaue Position und eine digitale Karte braucht das Toll-Collect-System ohnehin.

Wenn fast jeder das Gerät hat, könnten damit sogar Staus in Echtzeit erkannt und die Verkehrsströme dann gezielt umgelenkt werden. Über Empfehlungen, aber auch über den Preis, der nach Tageszeit und Verkehrsaufkommen gestaffelt werden könnte. Technisch sind die Weichen also längst in Richtung PKW-Maut gestellt – obwohl davon offiziell noch keiner spricht.

(Autor: Patrick Hünerfeld)

Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 05.01.2005 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
Mi, 05.01.05 | 21:45 Uhr

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW