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10.02.2012

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Rückschau: Von der Life-Style-Pille zum Horrormittel

 

 

Am 01. Oktober 1957 kommt das Schlafmittel Contergan in den Handel. Der neuartige Wirkstoff soll völlig harmlos sein und keine Nebenwirkungen haben, verspricht die Werbung.

Gezielt wird das Mittel bei werdenden Müttern eingesetzt gegen Schlafstörungen in der Schwangerschaft. Aber auch Kindern wird das Schlafmittel Contergan verabreicht – die Eltern können sorglos ins Kino gehen, heißt es. Die Tabletten werden deshalb auch „Kino-Pille“ genannt: eine Lifestyle-Arznei der 1950er Jahre mit schrecklichen Folgen.

Gutgläubigkeit

Viele glauben den Versprechungen des Herstellers Grünenthal: Selbst bei Überdosierung bestehe keine Gefahr für Leib und Leben.

Drei Jahre nach dem Verkaufsstart ist Contergan Marktführer bei Schlafmitteln. Im Januar 1961 werden weltweit über 20 Millionen Tagesdosen verkauft. Das Medikament ist ein Renner in der Bundesrepublik, wo nach dem Ende des 2. Weltkriegs Arzneimittelknappheit herrscht.

Dass gleichzeitig die Zahl der Neugeborenen steigt, die mit bis dahin unbekannten Fehlbildungen zur Welt kommen, , bringt anfangs niemand mit Contergan in Verbindung. Schätzungen gehen von 10.000 bis 15.000 geschädigten Kindern aus.

Ein Kinderarzt deckt auf

Erst 1961 – die Zahl der Missbildungen bei Neugeborenen hat ihren Höchststand erreicht - beginnen Mediziner nachzufragen. Einer von ihnen ist Widukind Lenz. Der Hamburger Kinderarzt und Humangenetiker arbeitet an seiner Habilitation über Missbildungen bei Neugeborenen:

Er vermutet, dass es einen Zusammenhang mit Contergan gibt. Die Folgen des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid werden unabhängig voneinander in Deutschland, Großbritannien und Australien entdeckt.

Das Pharmaunternehmen schweigt

Der Hersteller des Medikaments, das Pharmaunternehmen Grünenthal in Stolberg bei Aachen, reagiert zunächst nicht. Dann äußert der Hamburger Arzt Lenz seinen Verdacht erstmals öffentlich auf einem Kongress für Kindermedizin. Er warnt vor dem Schlafmittel, dessen Namen er da noch nicht nennen will. Doch die Presse reagiert sofort, Zeitungsartikel erscheinen. Später kommt heraus, dass bis zu diesem Zeitpunkt bereits gut 1600 Hinweise und Warnungen bei der Herstellerfirma eingegangen waren.

Der Prozess gegen den Hersteller

Am 26. November 1961 zieht die Firma Grünenthal schließlich ihr umstrittenes Contergan aus dem Handel. Vier Jahre lang hat es Rekordumsätze gebracht. Die Verbindung K 17, der Wirkstoff des Contergan, war ein Zufallsprodukt. Entdeckt wurde der Wirkstoff in den Forschungslabors des ehemaligen Seifenherstellers Grünenthal. Nur drei Jahre lang wird K 17, das spätere Contergan, an Tieren getestet.

Der Prozess gegen die Herstellerfirma Grünenthal endete im Dezember 1970 mit einem Vergleich: Grünenthal zahlte eine Abfindung von etwa 110 Millionen D-Mark in einen Fonds – und kaufte sich damit frei. Von einer weiteren rechtlichen Verfolgung sah das Gericht ab.

Armut der Betroffenen

Die betroffenen Eltern der geschädigten Kinder mussten damals eine Erklärung unterzeichnen, in der sie bestätigten, nicht mehr weiter gegen die Firma Grünenthal Chemie zu klagen. Damit verzichteten sie auf Entschädigung in Milliardenhöhe. Die Contergan-Geschädigten selbst erhalten heute eine monatliche Leibrente zwischen 100 und 500 Euro, wovon der Bund die Hälfte bezahlt. Der Hersteller und Auslöser des größten Arzneimittelskandals in der Bundesrepublik, die Firma Chemie Grünenthal, hat sich bis heute nicht bei den Geschädigten entschuldigt.

Autorin: Danuta Harrich-Zandberg

Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 28.10.2007 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Sendung vom
So, 04.11.07 | 17:03 Uhr

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