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Auch im kalten Nordmeer gibt es Korallenriffe. Sie können bis in 3000 Meter Tiefe leben – allerdings nur unter ganz bestimmten Umweltbedingungen. Da die Meere immer sauer werden, droht eine Art „Osteoporose“ im Korallenriff. W wie Wissen hat Wissenschaftler mit dem Tauchboot in die kalten Tiefen des Nordmeers begleitet.
Wissenschaftler fanden vor nicht allzu langer Zeit heraus, dass unsere Ozeane stetig saurer werden. Der Grund: bei der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle entsteht Kohlendioxid und verteilt sich in der Atmosphäre. Ein großer Teil davon verbindet sich mit dem Meerwasser und bildet Kohlensäure.
Den umgekehrten Prozess kennen wir von Mineralwasser. Schütteln wir die Flasche, perlt Kohlendioxid aus, das vorher als Kohlensäure im Wasser gebunden war.
Auf einer Konferenz der European Science Union Anfang April 2006 gaben Wissenschaftler bekannt, dass die Versauerung der Ozeane sogar schneller voran schreitet, als ursprünglich gedacht.
Das Problem: alle Lebewesen im Meer, die in oder an ihrem Körper Kalk einbinden, sind davon betroffen, denn der Kalk löst sich auf. Im übertragenen Sinne kann man fast von Osteoporose im Meer sprechen, von der Korallen, Muscheln, Schnecken und besonders jene winzigen kalkbildenden Planktonorganismen betroffen sind, die am Anfang der Nahrungskette eine sehr wichtige Rolle spielen.
Meereswissenschaftler in aller Welt haben begonnen, diesen Vorgang genauer zu untersuchen. Sie wollen herausfinden, wie schnell die Versauerung stattfindet, welchen Einfluss sie jetzt und in der nahen Zukunft auf das Leben im Meer hat, und was eventuell noch dagegen unternommen werden kann. Zu den Experten gehört auch Prof. Ulf Riebesell vom Kieler Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften/Geomar. Er und sein Team konzentrieren sich u.a. auf Korallenriffe und zwar vor unserer Haustür, vor der Küste Norwegens. Denn auch dort, in den dunklen, kalten Gewässern gibt es, wie seit kurzem bekannt ist, Korallenriffe. Die sind nur eben nicht so bunt wie jene in den Tropen.
Unser Reporter Dethlev Cordts bekam Ende März die Chance, Professor Riebesell und sein Forscherteam zu begleiten, konnte mit einem Forschungstauchboot sogar selbst hinunter zu einem dieser bemerkenswerten Kaltwasser-Korallenriffe.
Hier herrscht Ende März noch der Winter. Die Schären sind schneebedeckt, die Wassertemperatur liegt nur wenig über dem Gefrierpunkt. Die Expedition findet statt mit der „Alkor“, einem Forschungsschiff des Instituts für Meereskunde/Geomar in Kiel. Mit an Bord ist Deutschlands einziges Tauchboot, die „Jago“. Mit ihm wollen die Wissenschaftler nach unten, wollen nachschauen, ob die Korallenriffe durch das saurer werdende Meerwasser bereits geschädigt sind. Und sie wollen größere Proben nach oben holen, um sie später im Labor genauer untersuchen zu können.
Zwei Leute haben in dem kleinen Tauchboot Platz. Seine Hülle ist 18 Millimeter stark – das bietet Sicherheit bis 400 Meter Tiefe.
In der Tiefe ist es dunkel, um etwas sehen zu können, muss Tauchbootpilot Jürgen Schauer die gleißenden Außenscheinwerfer anschalten. Nach 20 Minuten ist der Grund des Fjordes erreicht: Tiefe 135 Meter, es herrscht starke Strömung. Oben auf dem Schiff analysiert Teammitglied Karen Hissmann mit Hilfe von Echolot, GPS und Karten die Position des Tauchbootes, gibt dem Piloten die Richtung zum Riff an. Die kleinen Motoren und Propeller arbeiten mit Vollast, um das Boot gegen die Strömung zu bewegen. Aber nach wenigen weiteren Minuten ist es geschafft, im Scheinwerferlicht taucht die bizarre Welt weißer Kaltwasserkorallen aus der Dunkelheit auf.
Das Riff in diesem Fjord erstreckt sich über 40 bis 50 Meter, ist etwa 20 Meter breit und 8 Meter hoch. Diese Korallen gedeihen nur in kaltem Wasser bis maximal 12 Grad, und das - andernorts - gar bis in Tiefen von 3.000 Meter! Leben können sie nur unter ganz bestimmten, eng begrenzten Umweltbedingungen. Und die werden jetzt durch die Versauerung der Meere drastisch verändert.
Prof. Riebesell merkt dazu an:
„Wir wissen, dass die Ozeanversauerung all die Organismen betrifft, die Kalk bilden. Und da gibt es ja eine ganze Bandbreite von Organismen: Schnecken und Muscheln, aber auch viele Planktonorganismen, die Kalkschalen bilden. Und gut bekannt sind eben auch die Korallen, die darauf angewiesen sind, dass sie ihre Kalkskelette bilden können.“
Aber das ist in der Zukunft nicht mehr garantiert. Und ohne gesunde Korallen sind auch alle von ihnen abhängigen Lebewesen im Riff bedroht. Ganze Nahrungsketten können sogar gestört werden, weil die Basis des Lebens im Meer betroffen ist: die winzigen Planktonorganismen.
Mit einem Greifer bricht Pilot Jürgen Schauer vorsichtig kleine Korallenblöcke aus dem Meeresboden, um sie mit nach oben zu nehmen. Wichtig ist, dass dabei die empfindlichen Polypen nicht verletzt werden.
Nach 2 ½ Stunden ist der Tauchgang beendet, das Boot steigt langsam wieder hoch zur Oberfläche. Achtmal insgesamt taucht Jago während dieser Expedition ab. Dann sind die Untersuchungen an diesem Riff abgeschlossen.
Die gesammelten Korallenblöcke werden sofort in spezielle Aquarien gelegt. Die Wissenschaftler wollen sie während der nächsten Monate unter simulierten Umweltbedingungen hältern, die in 10, 50 und 100 Jahren in unseren Ozeanen herrschen. Vielleicht aber werden sie so lange gar nicht mehr leben, weil sie ja schon heute einem enormen Stress ausgesetzt sind.
Frage an Professor Riebesell, ob sich gegen die Versauerung noch etwas unternehmen lässt. Seine Antwort ist eindeutig: „Es gibt nur eine Möglichkeit, um diesen Prozess zu verlangsamen oder letztendlich aufzuhalten: Man muss die CO2-Emissionen reduzieren. Mehr CO2 heißt mehr Ozeanversauerung.“
In der Erdgeschichte gab es immer wieder Perioden, in denen die Ozeane versauerten. Die Veränderungen verliefen jedoch sehr langsam, dauerten jeweils Hunderttausende bis zu einigen Millionen Jahren. Nie verliefen die Veränderungen so schnell wie jetzt, das heißt seit Beginn des Industriezeitalters.
Die spannende, im Moment noch nicht endgültig zu beantwortende Frage ist deshalb, ob es die kalkbildenden Organismen trotzdem irgendwie schaffen, sich den neuen Umweltbedingungen anzupassen. Wenn nicht, wird es auf unserem Globus schon in wenigen Jahrzehnten kaum noch lebende Korallenriffe geben.
Autor: Dethlev Cordts
Das Meer wird sauer
Ocean acidification due to increasing atmospheric carbon dioxide
Europäisches Forschungsprogramm
über die Versauerung der Ozeane (Englisch)
Cold Ocean Acidification
Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften IfM-Geomar
Kontakt: Mona Botros, Pressesprecherin
Wischhofstraße 1-3, Gebäude 4/211
D-24148 Kiel, Germany
Tel.: 0431/ 600 -2807
Internet: IFM-Geomar
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 23.04.2006 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.