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Zu Pfingsten kam der Heilige Geist über die Jünger, lehrt die christliche Kirche. Aber woher kam er? Aus uns selbst, lautet die jüngste These von Neuro-Theologen. Die Sehnsucht nach einem Gott und Religion sei Ausdruck einer bei allen Menschen vorhandenen entsprechenden Hirnstruktur. Wir müssen quasi glauben.
Grenzenlose Weite – für viele Menschen, der Ort, wo irgendwo Gott zu finden ist. Als Juri Gagarin 1961 vom ersten Ausflug eines Menschen in das All auf die Erde zurückkehrte, spottete er: So sehr er sich auch bemüht habe, Gott habe er da oben nirgends sehen können. doch hat Gagarin einfach nur in die falsche Richtung geguckt? Schließlich kommt die Sehnsucht nach Gebet und Religion aus unserem Gehirn. Das jedenfalls glauben Wissenschaftler eines neuen Forschungsgebiets, der sogenannten Neuro-Theologie, festgestellt zu haben. Ihre provokante These: Gott wohnt in unserem Gehirn.
Zugang zu einer höheren Macht
Menschen auf der ganzen Welt suchen nach einem Zugang zu einer höheren Macht - im Islam, Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Judentum oder in Naturreligionen. Allein in Deutschland glauben rund 80 Prozent der Menschen, dass es einen Gott gibt. Für die Neuro-Theologen liegt der Grund für diese Überzeugung im Gehirn. Für sie ist dieses im Verlaufe der Evolution so geschaltet worden, dass wir gar nicht anders können: Wir müssen glauben.
Der Radiologe Andrew Newberg von der Universität Pennsylvania in den USA hat in einem Experiment untersucht, was sich im Gehirn bei religiöser Versenkung abspielt. Die ersten Testpersonen waren Buddhisten. Kurz vor dem Gipfel ihrer Meditation gaben sie Newberg ein Signal. Weil Sprechen oder Tasten drücken das Experiment gestört hätten, zogen sie an einer Schnur. Für Newberg war es das Zeichen, ihnen binnen weniger Minuten über einen Venenkatheder eine radioaktive Substanz zu injizieren. Diese lagert sich vor allem an aktive Gehirnzellen an.
Sobald die Testpersonen wieder aus ihrer Versenkung im "Hier und Jetzt" angekommen waren, wurden sie in einen speziellen Computertomographen geschoben, mit dem sich die Verteilung der radioaktiven Partikel im Gehirn abbilden lässt. Stark aktive Bereiche im Gehirn werden rot markiert. Blau und grün zeigen, dass dort die Nervenzellen kaum Signale übertragen. Das Ergebnis: Während einer Meditation wird der obere hintere Teil des Gehirns kaum noch durchblutet. Es herrscht hier quasi Funkstille. In dieser Region laufen alle Informationen über den Körper zusammen. Ist dieser sogenannte Orientierungsbereich aber stillgelegt, können wir nicht mehr zwischen unserem Körper, dem Ich, und der äußeren Welt unterscheiden.
Meditation oder Gebet - für unser Gehirn ist es dasselbe
Dieser Teil des Gehirns enthält alle unsere sensorischen Informationen. Dadurch bekommen wir ein Gefühl für unser Selbst. Wenn Leute meditieren, beschreiben sie häufig, dass sie ihr Selbst verlieren. Und das ist genau das, was gefunden wurde: eine Abnahme der Aktivität im Orientierungsbereich des Gehirns. Auch bei Nonnen, die intensiv beteten, konnte Newberg diesen Effekt beobachten. Insgesamt untersuchte er acht Buddhisten und acht Franziskaner-Nonnen. Anschließend stand für ihn fest: Ob Meditation oder inniges Gebet - für unsere Gehirnzellen macht es keinen Unterschied, an wen oder was wir glauben und uns darin versenken. Wir alle besitzen die Fähigkeit, uns gedanklich vom Körper zu lösen.
Das aber, sagen Kritiker, bedeutet noch nicht, dass ein Gott sozusagen in unserem Gehirn fest eingebaut ist. Denn Glaube oder Religion ist mehr als nur Meditation oder Gebet. Prof. Andreas Engel, Neurophysiologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf meint: "Das ist, glaube ich, die eigentlich entscheidende Schwäche dieser Experimente, weswegen man warnen muss vor dieser überzogenen Interpretation. Die Frage ist, kann man in dieser künstlichen Laborsituation überhaupt das Einfangen, was in einem positiven Sinne, religiöse Erfahrung eigentlich bestimmt für die Menschen, die das kennen. Da ist ohne Frage klar, dass es sehr auf die äußeren Umstände ankommt."
Eine Art "Gottes-Modul" im Gehirn?
Religion, wie sie viele Gläubige täglich praktizieren, hat Newberg nicht untersucht. Dazu gehören zum Beispiel auch mystische Tänze oder das Stoßgebet. Trotzdem meint Newberg, den Ursprung unserer Glaubensfähigkeit gefunden zu haben: "Weil das Gehirn so gebaut ist, wie es ist, und weil Religion und Spiritualität so gut darin eingebettet sind, gibt es seit Urzeiten Konzepte von Gott und Religion." Also doch eine Art "Gottes-Modul" im Gehirn? Das würde aber bedeuten, dass dieser Bereich im Gehirn ausschließlich bei religiöser Versenkung zum Stillstand kommt. Aber sind nicht auch andere Erlebnisse vorstellbar, die in der selben Hirnregion den gleichen Effekt hervorbringen?
"Wenn man sich anschaut, welche Hirnareale Aktivierungsunterschiede zeigen, sind es Areale, die in ganz vielen anderen Untersuchungen genauso Aktivierungsunterschiede zeigen, weil das Areale sind, die etwas mit Steuerung von Aufmerksamkeit zu tun haben", erklärt Engel. Fest steht also: Jede Erfahrung, die wir machen, wirkt sich im Gehirn aus. So auch Meditation oder ein inniges Gebet. Diese Veränderungen hat Newberg sichtbar gemacht. Das ist neu. Ein Beweis aber, dass ein Gott, eine übernatürliche Macht, in unseren Gehirnzellen einprogrammiert ist, ist das jedoch wohl nicht. Bleibt die Frage, ob die Neurotheologen ihn überhaupt je führen können.
Dr. Andrew Newberg
Direktor of NeuroPET Research,
Direktor of Clinical Nuclear Medicine,
Assistant Professor Department of Radiology
University of Pennsylvania, Medical Center
Homepage
Persönliche Webseite für Fragen und Antworten (englisch)
Prof. Dr.med. Andreas K. Engel
Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf
Institut für Neurophysiologie und Pathophysiologie
Tel.: (040) 42803 - 6170
Fax: (040) 42803 - 4882
E-Mail: ak.engel@uke.uni-hamburg.de
Homepage
"Religion und Gehirn" - Streitgespräch zwischen dem Hirnforscher Detlef Linke und dem Theologen Ulrich Eibach
"Gott im Gehirn?" - Unter diesem Titel fand im Winter 2003/2004 eine öffentliche interdisziplinäre Ringvorlesung des neugegründeten Leipziger Forums Naturwissenschaft-Philosophie-Theologie an der Universität Leipzig statt
Andrew Newberg, Eugene D-Aquili, Vince Rause
Der gedachte Gott
- Wie Glaube im Gehirn entsteht -
Piper Verlag
ISBN-Nr. 3-492-04427-1
Detlef B. Linke
Religion als Risiko - Geist, Glaube und Gehirn
rororo - Taschenbuch
ISBN 3-499-61488-x
"Wo Gott wohnt"
Journal "Gehirn & Geist", Spektrum-Verlag, Nr. 1/2004
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 11.05.2005 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.