Das Bauhaus in Dessau wird zum
Inbegriff moderner Architektur
Arbeiterinnen am Fließband bei AEG
Berlin, 1928
Absturz aus
der Moderne
Mittwoch, 19. Oktober 2005, 21.45 Uhr im Ersten
Ein Film von Florian von Stetten
Redaktion: Gudrun Wolter (WDR)
Deutschland in den zwanziger Jahren ist eine schillernde Erfolgsgeschichte, die
scheitert. Ein Aufbruch in die Katastrophe. Der dritte Teil der
Dokumentationsreihe im Ersten zeichnet den Weg vom Erfolg in den Untergang nach.
Amerikanische Kredite hatten es der deutschen Wirtschaft ermöglicht, sich schon
Mitte der zwanziger Jahre von den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges zu
erholen. Durch Firmenzusammenschlüsse können sich nun auch deutsche Unternehmen
auf dem Weltmarkt behaupten. Es entstehen die IG Farben und die Vereinigten
Stahlwerke. Mercedes wird ein Großkonzern, Quelle startet sein Versand-Geschäft,
AEG und Siemens treiben die Elektrifizierung der privaten Haushalte voran. Die
Moderne hält Einzug in Küche und Wohnzimmer. Das Bauhaus in Dessau wird zum
Inbegriff fortschrittlicher Architektur: funktional, sachlich, schnörkellos. In
den Naturwissenschaften geht jeder dritte Nobelpreis an deutsche Forscher.
Autos, Flugzeuge, U-Bahnen und Zeppeline bestimmen das Tempo der Zeit.
Sportliche Erfolge und Rekorde auf allen Gebieten stärken das gebrochene
Nationalgefühl. Schneller, höher, weiter: Deutschland ist wieder wer!
Die Kehrseite: Arbeitslose, die in trostlosen Mietskasernen hausen, und eine
zunehmende Radikalisierung der Politik aufgrund der sozialen Spannungen. Eine
verunsicherte Mittelschicht, vom Fortschritt überrannt. Und die Großindustrie,
die aus Angst vor einer sozialen Revolte den Aufstieg der Nationalsozialisten
mitfinanziert.
Die Weltwirtschaftskrise 1929 bringt die schillernde Seifenblase zum Platzen,
die Abhängigkeit von der amerikanischen Wirtschaft erweist sich als
verhängnisvoll. Fünf Millionen Arbeitslose und bürgerkriegsähnliche Zustände auf
den Straßen lassen den Wunsch nach Ruhe und Ordnung wachsen. Ein fruchtbarer
Nährboden für Adolf Hitler, der verspricht, die "Schmach von Versailles" und die
drückenden Reparationszahlungen zu beseitigen. Geschickt nutzen die
Rechtsextremen die modernen Errungenschaften der Zeit für ihre Zwecke. Die
Erfindung des Lautsprechers ermöglicht propagandistische Massenveranstaltungen,
Adolf Hitler erscheint zu seinen Wahlkämpfen mit einem Flugzeug als Erlöser vom
Himmel. Am Ende der ungeliebten Republik sehen viele in ihm den Retter der
Arbeitslosen. Die bürgerlichen Parteien dulden seinen Aufstieg oder haben ihm
nichts entgegenzusetzen, die Linken bekämpfen sich untereinander.
Fortschritt und Moderne gehen damals an den Bedürfnissen der meisten Menschen
vorbei, so dass sie die Vorteile der Demokratie nicht erkennen. "Deutschland war
zu arm, um sich Gold an die Fahne zu heften", sagt einer der Zeitzeugen.
Aus dem Freudenhaus wird ein Totenhaus.