MISEREOR-Fastenaktion 2019: Die Predigt von Kardinal Woelki

Kardinal Rainer Maria Woelki
Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. | Bild: WDR / dpa

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

kommt die Mauer? Oder kommt sie nicht? Vermutlich haben die meisten von Ihnen sofort eine Idee, welche Mauer ich meine... Genau! Die, mit der Donald Trump meint, die USA nach Mexiko hin abschotten zu müssen, um sich vor einer Invasion von Flüchtlingen, Kriminellen und Drogen zu schützen. So behauptet er das jedenfalls und dafür ruft er sogar den Notstand aus. Das alles, um die Zukunft der Vereinigten Staaten abzusichern - die Zukunft eines Landes, das bis fast komplett von Einwanderern und deren Nachkommen aus allen Teilen der Welt besiedelt ist. Die Familie Trump mit ihren deutschen und schottischen Wurzeln natürlich eingeschlossen.

Doch ich möchte heute Morgen gar nicht so sehr über Migration und Flüchtlinge sprechen, auch wenn mir diese Menschen und ihr Schicksal – ganz gleich, wo auf der Welt – sehr am Herzen liegen. Ich möchte dieses wichtige Menschheitsthema aber mit hineinnehmen. Denn auch die Lesung heute hat uns ja eine Migrationsgeschichte in Erinnerung gerufen.

"Gott will Menschen aus Elend und Gewalt herausführen"

Die Worte aus dem Buch Deuteronomium bilden das älteste jüdische Glaubensbekenntnis. Es ist das Bekenntnis zu einem Gott, der ein heimaltloses Volk herausführt aus Knechtschaft und Elend. Und wir, liebe Schwestern und Brüder, wir tragen dieses Bekenntnis fort: Gott will auch heute Menschen aus Rechtlosigkeit herausführen, aus Elend und Gewalt. Solch eine Flucht ist immer eine Verzweiflungstat. Wer flieht, weiß, dass Flucht immer auch mit dem Tod enden kann: in der Wüste, auf stürmischem Meer, an Eisenbahnschienen oder an einer schrecklichen Mauer, wie wir sie auch noch aus unserem eigenen Land kennen.

Die 61. MISEREOR-Fastenaktion lenkt unseren Blick auf das mittelamerikanische Land El Salvador. Seit Jahrzehnten wird dieses Land von politischer und krimineller Gewalt zerrissen. Mit Drogen handelnde Jugend-banden beherrschen die Straßen, verbreiten Angst - und nicht selten den Tod. Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivenlosigkeit prägen in El Salvador den Alltag. Gegen diese Missstände anzukämpfen, ist gefährlich. Die Ungerechtigkeit und gar Täter beim Namen zu nennen, das kann tödlich enden.

Das bekannteste Beispiel dafür ist der hl. Oscar Romero. In genau zwei Wochen jährt sich seine Ermordung am Altar während der Messfeier zum 39. Mal. Doch es könnte auch eine Geschichte aus dem El Salvador von heute sein. Denn das eigentlich wunderschöne kleine Land in Mittelamerika ist an so vielen Orten mehr eine Wüste der Armut und Gewalt denn ein fruchtbarer Lebensraum. Da ist die Versuchung vor allem für die junge Generation groß, der Verzweiflung oder auch nur der Verlockung nachzugeben, selbst ans schnelle Geld zu kommen. Wer in einer Jungendbande mitmischt, gehört zu denen, die Waffen und Macht haben - und Geld. Es ist schmutziges Geld, aber: – so teuflisch das ist – auch das hilft, sich ein Leben aufzubauen.

Auch für Jesus bestanden Versuchungen

Sie haben sicher noch das heutige Evangelium im Ohr: die Versuchung Jesu. Buchstäblich teuflisch sind auch diese Versuchungen von Macht, Reichtum und schier unbeschränkten Möglichkeiten. Auch für Jesus selbst, der davon nicht ausgenommen ist. Nicht umsonst berichten die Evangelien davon. Am Ende heißt es gar: "Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab" (Lk 4,13).

Für eine gewisse Zeit... Die Versuchung, die Seite zu wechseln, wird auch für Jesus wiedergekommen sein, besonders, als ihm immer klarer wurde, dass sein Weg, den Armen die frohe Botschaft zu bringen, den Gefangenen die Entlassung und den Zerschlagenen die Freiheit (vgl. Lk 4,18), dass dieser Weg ans Kreuz führen würde. Jesus begegnet den Versuchungen mit der Kraft des Gottesgeistes und der Weisheit der Hl. Schrift. Mit ihr und aus ihr heraus hat er gelebt genauso wie aus seiner tiefen Beziehung zu Gott, seinem himmlischen Vater.

Zeugnis von diesem Jesus geben die Caritas El Salvador und die MISEREOR-Partnerorganisation Fundasal. Unser Generalvikar, Markus Hofmann, war noch vor wenigen Tagen gemeinsam mit Pirmin Spiegel vor Ort und konnte sehen, wie es dort gelingt, junge Menschen zu motivieren. Diese Organisationen machen sich stark für eine Zukunft jenseits des Teufelskreises aus Gewalt und Gegengewalt, aus Armut und Flucht.

Plakat der Misereor Fastenaktion mit der Aufschrift "Mach was draus: Sei Zukunft!"
Das Plakat der 61. Fastenaktion von Misereor. | Bild: WDR/Klaus Nelissen

"Mach was draus: Sei Zukunft!" steht auf dem diesjährigen MISEREOR-Plakat, von dem aus uns Ana Colocho anlächelt. Ana Colocho steht für eine ganze Generation, die in ihrem Heimatland zwischen Bandenkriminalität und einer auch brutalen Staatsgewalt aufgerieben wird.

"Sei Zukunft für diese Welt, die deine Solidarität braucht"

Durch die von MISEREOR geförderten Programme und Projekte lernen sie, wieder zu träumen: Vom neuen Himmel und der neuen Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt (vgl. 2 Petr 3,13). Auf ihrem Lernweg erleben sie kleine Erfolge, wo sonst viel Verzweiflung herrscht. Sie lernen Vertrauen in ihre Stärken und Fähigkeiten und gestalten damit ihr Leben und soziales Umfeld.

Mach was draus: Sei Zukunft für dein eigenes Leben! Mach was draus: Sei Zukunft für deine Familie und die Gesellschaft, in der du lebst! Mach was draus: Sei Zukunft für El Salvador. Mach was draus: Sei Zukunft für diese Welt, die deine Solidarität braucht über Grenzen und Mauern hinweg!

Lassen wir uns, liebe Schwestern und Brüder, deshalb anstecken von diesen jungen Menschen El Salvadors, die tatsächlich ein Vorbild sein können für die ganze Menschheitsfamilie. Machen wir was draus! Seien wir gemeinsam Zukunft. Wir dürfen daran glauben, dass Christus, der Salvator, uns in unseren Mühen entgegenkommt, um für die Zukunft zu vollenden, was wir in Glaube, Hoffnung und tatkräftiger Liebe grundlegen: Zum Segen für uns und die ganze Welt. Amen.