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Buchtipp: Neurscheinungen

von Thomas Schindler, Literaturexperte

PlayBuchtipp Emmanuel Carrères und Katja Kullmann
Buchtipp: Neuerscheinungen | Video verfügbar bis 30.03.2023 | Bild: WDR

Katja Kullmann – Die singuläre Frau

Hanser Berlin 2022, 336 Seiten, 24 Euro

Leben heißt, wahrgenommen werden:

"Begrüßt man sie mit "Schönen guten Morgen, Frau Professor", ist es ein völlig anderes Ding, als wenn die Nachbarskinder "Hilfe da kommt die Irre" rufen, wenn sie den Müll rausbringt."

Leben heißt, Bilanz ziehen:

"Nie war ich verheiratet, und doch kommt es mir jetzt oft so vor, als führte ich das Leben einer halbwegs glücklich Geschiedenen (…) oder das einer glimpflich davongekommenen Deserteurin. Einer wacker sich haltenden Veteranin der Liebe."

Eine Veteranin der Liebe nennt sich die Autorin (Jahrgang 1970) , die das erste Drittel Ihres Lebens "in enger Verbindung mit jeweils einem Mann" verbrachte und seitdem als Einzelgängerin unterwegs ist.

Alleinstehend könnte man auch sagen, aber das Wort gefällt ihr nicht, weil es nach defizitärem Seins-Modus klingt, und wer steht, kommt nicht vom Fleck, stagniert, ist gehemmt.

Daher der Titel "Die singuläre Frau" für ein Leben ohne Partner. Dieses sehr persönliche Buch ist schon mit Selbstbehauptungs-Verve geschrieben, kommt aber nicht als Singlefrau-Kampfschrift daher. Es ist nicht der allertollste Lebensentwurf, sondern der für die Autorin passende.

Zudem liefert Katja Kullmann, die einiges an Literatur zum Thema weggelesen hat, einen Abriss der historischen Wandlungen des Blickes auf die "Frau ohne Begleitung" –  Superweib und Karrieristin, Alleinerziehende, Mauerblümchen, alte Jungfer, Hascherl, neue Frau und spätes Mädchen – welche sozialen Kategorien beurteilen den Lebenslauf, wie verhält sich Frau dazu?

Schaut man auf das 19. und das 20. Jahrhundert zurück, erkennt man schnell: Frauen ohne feste Partnerschaft mussten sich mit massiven Widerständen auseinandersetzen, waren Pionierinnen in vielen Bereichen und ein Motor der Modernisierung.

Hier und da verlieren sich Aussagen, die für die singuläre Frau im Allgemeinen gelten sollen, in individuellen Erfahrungen einer gebildeten Frau Anfang 50 aus dem Berliner Großstadt-Biotop, die im schreibenden Milieu Karriere gemacht hat. In den selbstironischen und in den sachlich unaufgeregten Passagen dieses insgesamt sehr guten Buches gefällt mir die Autorin am besten.

Emmanuel Carrère "Yoga"
Emmanuel Carrère "Yoga" | Bild: Matthes & Seitz Verlag Berlin

Emmanuel Carrère – Yoga

Roman. Matthes & Seitz 2022, 341 Seiten, 25 Euro

Für die einen nur eine besondere Form der Gymnastik, für andere eine philosophische Heilslehre: Yoga. Und so auch der Titel des aktuellen Buches von Emmanuel Carrère.

Im ersten Drittel besucht Carrère ein Yogaseminar, 10 Stunden Meditation pro Tag, aber dann muss er abbrechen. Carrère verliert durch den Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" in Paris einen Freund. Alles gerät ins Wanken, eine Liebesbeziehung folgt, scheitert und ist der Auslöser für eine Depression. Es folgt ein Psychiatrie-Aufenthalt, Nullpunkt:

"Um leben zu können, braucht man eine Erzählung von sich, ich habe keine mehr."

Es gelingt so etwas wie ein Neuanfang in Griechenland, der Versuch, mit dort gestrandeten Flüchtlingen zu arbeiten und dem Leben neuen Sinn zu geben.

Emmanuel Carrère ist in Frankreich eine große Nummer und auch sein jetzt auf Deutsch erschienener Roman "Yoga" wurde zum Bestseller. Erstaunlich für so ein Buch, das nicht gerade aus einem Guss ist. Manche Passagen enttäuschen, wirken furchtbar banal, dann wieder seitenweise großartige Beobachtungen eines zerrissenen Menschen auf Sinnsuche. Der Kampf mit uns selbst, die Sehnsucht, alle Widersprüche aufzulösen, die mitunter dilettantischen Anläufe, die wir unternehmen, aus diesem Leben etwas Gutes zu zimmern, das alles steckt in diesem Buch.

Stand: 30.03.2022 09:19 Uhr

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