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Buchtipp "Hunter Biden: Beautiful things"

von Thomas Schindler, Literaturexperte

PlayHunter Biden im Video-Interview mit Thomas Schindler
Buchtipp "Hunter Biden: Beautiful things" | Video verfügbar bis 14.04.2022 | Bild: WDR

Hunter Biden: Beautiful things. Meine wahre Geschichte

Hoffmann und Campe 2021, 272 Seiten, 22 Euro

"Ich möchte mit Ehrlichkeit und Demut und einem gehörigen Maß an Ehrfurcht zeigen, dass die Liebe meiner Familie mein einziger Schutz war gegen die vielen Dämonen, gegen die ich ankämpfen musste."

Joe Bidens Sohn Hunter Biden habe ich zum ersten Mal im letztjährigen Wahlkampf wahrgenommen. Donald Trump und sein Team warfen Joe Biden vor, er habe seine außenpolitische Macht als Vizepräsident unter Barack Obama missbraucht, um seinem Sohn einen lukrativen Posten als Aufsichtsrat des ukrainischen Gasunternehmens Burisma zuzuschustern. 

In Hunter Bidens Autobiografie "Beautiful things" schreibt er dazu: "Habe ich einen Fehler gemacht, als ich einen Sitz im Verwaltungsrat eines ukrainischen Gaskonzerns annahm? Nein. Habe ich mangelndes Urteilsvermögen an den Tag gelegt? Nein. Würde ich es noch einmal tun? Nein." Warum nein? Zum einen, weil es dem Vater geschadet und seine Wahl zum Präsidenten gefährdet hat. Zum anderen, weil "Burisma es mir möglich gemacht hat, noch schneller in die Drogensucht abzurutschen."

Und das ist der eigentliche Kern dieses Buches, Politik und die große Weltbühne sind nur Beiwerk. "Beautiful things" ist eine anrührende, schockierende, erstaunlich ehrliche Suchtbeichte, ein Leseerlebnis mit starker Echtheitsaura, die vor allem durch den Kontrast erzeugt wird, dass hier jemand schonungslos von der furchtbaren Crackhölle berichtet, der einen Abschluss in Yale vorzuweisen hat, ein erfolgreicher, wenn auch ethisch diskutabler Geschäftsmann und Sohn eines Senators und späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Hunter Biden macht keinen Hehl daraus, dass er privilegiert aufwuchs und ihm sein Name viele Türen öffnete. Aber "Beautiful things" erzählt von einem Leben, das von großen Schicksalsschlägen geprägt wurde: Mit nicht einmal drei Jahren überlebt er schwerverletzt einen Autounfall, Mutter und Schwester sterben. 2015 stirbt sein Bruder und bester Freund an einem Gehirntumor. Schon am College wird er zum Alkoholiker, nach dem Tod des Bruders folgt der Totalabsturz. Wie kann ein Mensch sieben Jahre nüchtern leben und dann so tief fallen? Wie kann jemand in der Gosse landen, der so einen mächtigen und zugleich liebenden Vater hat? Wie ist Hunter Biden da lebend wieder rausgekommen?

Ein starkes Kapitel beschreibt Hunter Bidens Freundschaft zu einer obdachlosen Frau namens Rhea, die seit über 20 Jahren crackabhängig ist. Er schildert sie als einmalige, lustige, herzliche Frau, die in ihrem Leben furchtbare Dinge durchmachen musste. In all dieser Hoffnungslosigkeit eines Suchtdaseins gibt es Momente voller Wärme und Freundschaft: "Ich liebte Rhea so sehr, wie ich jeh eine Freundin geliebt habe. Sie ist der einzige Mensch aus dieser Periode meines Lebens, an den ich gute Erinnerungen habe."

Heute ist Hunter Biden clean, er hat einen kleinen Sohn mit seiner neuen Frau und ist dankbar für "dieses unfassbare Geschenk: Leben", für das er sich jeden Tag anstrengen muss, weil er immer ein Süchtiger bleiben wird.

Manch einem Leser mag zu viel Pathos, zu viel "Erkenne die Schönheit der Welt durch Liebe"-Rhetorik in diesem Buch stecken. Wieder andere werden von den unfassbar harten Drogengeschichten angewidert sein. Für mich ist es gerade dieser Mix, der "Beautiful things" besonders und zu einem spannenden Buch macht.

Stand: 14.04.2021 07:52 Uhr

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