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Service: Depressionen im Berufsleben

Ulrich Hegerl, Vorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe

PlayService: Depressionen im Berufsleben
Service: Depressionen im Berufsleben | Video verfügbar bis 08.11.2022 | Bild: WDR

Über Jahre schätzt man sie für ihre gute Arbeit. Doch plötzlich treten bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Konzentrationsstörungen auf: Sie sind reizbar und dünnhäutig. Aber auch sozialer Rückzug können zu den äußerlich auffälligsten Veränderungen zählen, die auf eine Depression hinweisen. Das kann die Arbeitsatmosphäre sehr belasten - psychisch bedingte Fehlzeiten haben sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt. Die Daten deutscher Krankenversicherer und der Deutschen Rentenversicherung aus den letzten Jahren verzeichnen gestiegene Ausfallzeiten und Erwerbsunfähigkeiten aufgrund psychischer Erkrankungen.

Symptome einer Depression

Die drei Hauptsymptome sind

  • gedrückte, depressive Stimmung
  • tiefe Interessen- und Freudlosigkeit
  • Antriebsstörung mit Erschöpfungsgefühl.

Zu den Nebensymptomen gehören

  • verminderte Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit
  • reduziertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • Schuldgefühle
  • hartnäckige Einschlaf- und Durchschlafstörungen
  • Appetitstörungen, oft mit Gewichtsverlust
  • Hoffnungslosigkeit und Suizidalität bis hin zu Suizidversuchen

Wenn mindesten zwei der Hauptsymptome und zwei der Nebensymptome anhaltend über mindestens zwei Wochen vorhanden sind, dann liegen die Kriterien einer Depression vor. Oft gibt es zusätzlich vielfältige Ängste und auch körperliche Beschwerden, wegen derer oft Ärzte aufgesucht werden.

Falsche Scham

Ob eine Depression oder nur eine Reaktion auf Stress am Arbeitsplatz oder andere schwierige Lebensumstände vorliegen, muss von Ärzten oder Psychotherapeuten beurteilt werden. Teilweise wollen die Betroffenen aus falscher Scham nichts unternehmen, in anderen Fällen bringen sie die Kraft kaum noch auf, sodass viel Zeit bis zum Beginn einer konsequenten Behandlung verloren geht, was zu großem Leid und in Unternehmen auch immensen Kosten durch Präsentismus und Absentismus führt.

Warnsignale erkennen

Häufig versuchen Betroffene, ihr Innenleben nicht nach außen zu tragen. Es ist möglich, dass ein fröhlich und lebenslustig wirkender Mensch unter Depressionen leidet. Darüber hinaus können sich Depressionen auch körperlich äußern. Auftretende Beschwerden sind etwa Kopfschmerzen, Energielosigkeit, Abgeschlagenheit, Verspannungen, Magen-Darm-Probleme oder Rückenschmerzen. Oft werden eher die körperlichen Beschwerden berichtet, sodass Depressionen auch von Ärztinnen und Ärzten nicht sofort erkannt werden.

Vielleicht "nur" ein Burn-out?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Burn-out nicht als Krankheit, sondern als Zustand körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. Ab 2022 wird das Syndrom zusätzlich als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz konkretisiert, der unter anderem zu einer negativen Einstellung zum Job und geringerer Leistungskraft führt.

Weil die Symptome einer Depression ähneln, wird Burn-out häufig lieber als Bezeichnung für Depressionen verwendet. Es scheint so, dass die Bezeichnung "Burn-out" weniger stigmatisierend ist. Teilweise wird der Begriff sogar als Ausdruck für besonders hohe Leistungsbereitschaft empfunden. Als Faustregel gilt dennoch: Burn-out-Symptome können Teil einer Depression sein, während nicht jedes Burn-out eine Depression ist.

Klinisch ist die Unterscheidung klar: Die Depression ist eine psychische Störung, für das Burn-out-Syndrom gilt das nicht.

Wie kann ich helfen?

Veränderungen in der Persönlichkeit, im Verhalten und in der Leistungsfähigkeit eines betroffenen Mitarbeitenden kann ich nur feststellen, wenn ich genau hinsehe und zuhöre. Betroffenen ist bereits viel geholfen, wenn Kolleginnen oder Kollegen Anzeichen einer Überlastung oder eine Wesensveränderung wahrnehmen und das Gespräch suchen. Ratsam sind offene Fragen ("Mir ist aufgefallen, dass..") und das Gegenüber, um die eigene Einschätzung zu bitten. Auch ist es wichtig, beim Fragenstellen authentisch zu bleiben. Das heißt, wer in der Situation verunsichert ist, darf das zeigen – das schafft Vertrauen.

Unterstützung anbieten

Verdeutlichen Sie die Bereitschaft seitens des Betriebs oder der Abteilung, die oder den Betroffenen bei auftretenden Problemen unterstützen zu wollen. Ein gutes Betriebsklima kann ebenso helfen. Führungskraft können zum Beispiel gezielt Seminare zu den Themen Teambuilding, Konfliktmanagement oder Selbstorganisation anbieten. Das kann Stress vorbeugen und die Gesundheit Ihrer Mitarbeitenden verbessern.

Basiswissen und Handlungskompetenz schaffen

Depression ist eine sehr häufige und schwere Erkrankung. Personalverantwortliche sollte in der Lage sein, mit verändert wirkenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Gespräch zu führen und falls möglicherweise eine psychische Erkrankung vorliegt, wissen, wohin sich die/der Mitarbeiter/in zur Diagnostik und Behandlung wenden kann. Bei diesem Gespräch muss keine Diagnose gestellt werden, aber sprechen Sie ihre Beobachtungen an und dass Sie sich Sorgen machen (z. B. „Mir ist aufgefallen, dass Sie in der letzten Zeit oft niedergeschlagen wirken. Was ist los? Kann ich irgendetwas tun, um Sie zu unterstützen?” ).

Als Ansprechpartner/in können der/die Facharzt/Fachärztin (Psychiater/in oder Nervenarzt/Nervenärztin), der/die Psychotherapeut/in oder der/die Hausarzt/Hausärztin empfohlen werden.

Weitere Informationen

• Deutsche Depressionshilfe
https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe

• BKK Bundesverband
https://www.bkk-dachverband.de/publikationen/selbsthilfe-broschueren/psychisch-krank-im-job

• Max-Planck-Institut und vbw, 2016: Der Einfluss von Arbeitsbedingungen auf die psychische Gesundheit
https://www.uvbonline.de/de/system/files/downloads_und_vorschaubilder/macht_arbeit_krank_vbw-studie.pdf

• WDR, Podcast "Danke! Gut!"
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/cosmo/danke-gut/index.html

• WDR 5, Westblick aktuell
https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/corona-depressionen-aengste-102.html

• WDR YouTube Frau TV - Mehr Frauen erkranken an Depressionen
https://www.youtube.com/watch?v=PuBneLu9pdc

• NDR Wisssenschaftspodcast
https://www.ndr.de/nachrichten/info/Neuer-Wissenschaftspodcast-Raus-aus-der-Depression-,podcastdepression100.html

• NDR Ratgeber
https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Eine-Depression-erkennen-und-behandeln,depression108.html

• SWR aktuell
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/karlsruhe/wie-das-home-office-krank-machen-kann-100.html

https://www.diskussionsforum-depression.de

• Angebot für junge Menschen ab 14 Jahre
https://www.fideo.de

• Deutsches Bündnis gegen Depression: konkrete Hilfe vor Ort in über 85 Städten und Regionen 
https://www.deutsche-depressionshilfe.de/regionale-angebote

• Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe
https://www.nakos.de

• Beratung und Austausch für Angehörige: Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
https://www.bapk.de

• Deutschlandweites Info-Telefon Depression
0800 33 44 5 33 (kostenfrei)

Stand: 08.11.2021 10:04 Uhr