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Service: Nein sagen im Beruf

mit Dr. Silke Brand, Diplom-Psychologin

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Service: Nein sagen im Beruf | Video verfügbar bis 07.07.2021 | Bild: WDR

Das kurze Wort 'nein' kommt manchmal schwer über die Lippen. Jetzt in Corona-Zeiten kann das für viele Homeoffice-Nutzer ein Desaster werden. Denn vielen fällt es schwer, in den eigenen vier Wänden Grenzen zwischen Beruf und Freizeit zu ziehen. Wer nicht nein sagen kann, ist schnell überfordert. Auf Dauer macht das sogar krank.

Dabei würden schon kleine Ergänzungen helfen, die Botschaft leichter auszusprechen: Jetzt nicht! Vielleicht später? Oder: Nicht mit mir. Vielleicht mit jemand anderem? Oder: Ich nicht – vielleicht jemand anders?

So könnte jeder konstruktiv nein sagen, ohne das kleine Wort zu verwenden. Niemandem ist geholfen, wenn sich der Ja-Sager übernimmt und verzettelt, Druck aufbaut und seinen Ärger schürt, schlampig arbeitet oder nur mit halbem Herzen bei der Sache ist. Mehr noch: Wer nicht nein sagen kann, nimmt sich die Möglichkeit, nach Alternativen zu suchen, zu denen er uneingeschränkt ja sagen kann.

Nein zu sagen lässt sich erlernen

Wenn Sie zu den Menschen gehören, die oft ja sagen obwohl sie nein meinen, dann finden Sie hier ein paar Tipps, die Ihnen dabei helfen, sich besser von Ihrer Umwelt abzugrenzen und selbstbewusster aufzutreten.

1. Herausfinden, warum Neinsagen so schwer fällt

Die unterschiedlichsten Gründe führen dazu, eine Bitte oder ein Anliegen schwer ablehnen zu können. Sich Klarheit über die persönlichen Gründe zu verschaffen, hilft dabei, genau diese Bedenken, Ängste oder auch unbewussten Abläufe zu überwinden. Nachfolgend ein paar Beispiele:

Die Angst vor Ablehnung und das Bedürfnis, gemocht zu werden – Vielleicht haben Sie schon als Kind die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen Sie nur dann mögen, wenn Sie ihnen nützlich sind. Als Erwachsene können Sie diesen Zusammenhang erkennen und für sich die Spielregeln ändern.

Das Bedürfnis, gebraucht zu werden – Vielen Menschen tut es sehr gut, für andere da sein zu können, gebraucht zu werden, helfen zu können. Wichtig hierbei ist, dass Sie die Balance halten und kein so genanntes Helfer-Syndrom entwickeln. Damit brennen Sie nämlich über kurz oder lang aus (weil Sie selbst zu kurz kommen).

Die Angst vor unangenehmen Konsequenzen – Nicht jeder ist erfreut, wenn Sie eine Bitte ablehnen. Es kann also durchaus zu Konflikten kommen. Im Berufsleben kann die Angst, den Job zu verlieren das Handeln bestimmen. Gerade hier ist es sehr wichtig, die Lage möglichst objektiv und realistisch einzuschätzen.

Tatsächlich gibt es Situationen, in denen Sie besser ja sagen – aber nicht so oft, wie Sie vielleicht denken. Führen Sie sich all die Konflikte, die Sie in Ihrem Leben schon bewältigt haben, vor Augen, und machen Sie sich bewusst, dass Streit zum Miteinander gehört.

Die Angst davor, als egoistisch oder herzlos zu gelten – Niemand ist ein Egoist, nur weil er nicht sofort springt, wenn jemand um etwas bittet. Allein schon die Tatsache, dass Sie befürchten, ein Egoist zu sein, zeigt, dass Sie keiner sind. Echte Egoisten denken über ihr Verhalten gar nicht erst nach.
Es kann allerdings trotzdem passieren, dass man Ihnen vorwirft, egoistisch zu sein. Der Egoismus-Vorwurf ist nämlich sehr wirkungsvoll, wenn man andere zu etwas bringen möchte.

Die Angst davor, etwas zu versäumen – Im beruflichen und familiären Umfeld, vor allem aber im Freizeitbereich treibt viele das Bedürfnis an, nur ja nichts zu verpassen. Und so wird keine Feier, keine Veranstaltung, kein Treffen ausgelassen. Um „dabei“ zu sein, werden Aufgaben und Gefälligkeiten übernommen, in dem Glauben, dass einem etwas entgeht, wenn es jemand anderes tut. Hier hilft nur eins: Prioritäten setzen.

Finden Sie heraus, was Ihnen wirklich Spaß macht, was Ihnen echte Freude und Befriedigung verschafft. Üben Sie dann Schritt für Schritt, eine Einladung auch mal abzusagen oder an einer Veranstaltung nicht teilzunehmen. Sie werden feststellen, dass das Leben weitergeht, auch wenn Sie nicht überall dabei sind.

2. Um Bedenkzeit bitten

Oft werden Anliegen und Bitten ganz unerwartet an uns herangetragen und bevor wir es uns versehen, haben wir schon „Ja“ gesagt. Daher ist es wichtig, sich ein wenig Zeit zu nehmen, um die Situation zu analysieren. Lassen Sie sich also nicht überrumpeln und sagen Sie ruhig, dass Sie einen Moment darüber nachdenken wollen und in ein paar Minuten Bescheid geben.

3. Beweggründe des anderen verstehen

Die anderen machen es uns oft nicht gerade leicht, nein zu sagen. Verständlicherweise, denn sie möchten ja schließlich, dass wir ihrer Bitte nachkommen. Hierzu werden verschiedene Taktiken angewendet, beispielsweise das Auslösen von Schuldgefühlen, Erpressung, Ausübung von Druck, Überrumpelung, Schmeicheleien, Mitleidstour.

Schauen Sie also genau hin, wer etwas von Ihnen will und welche Mittel diese Person einsetzt, um es zu bekommen. Haben Sie eine Strategie erkannt, können Sie diese freundlich, aber bestimmt ansprechen, wie zum Beispiel:

  • "Ich fühle mich von Dir überrumpelt, weil Du von mir unter Zeitdruck eine Entscheidung möchtest. Gib mir zehn Minuten und dann sage ich Dir Bescheid."
  • "Ich kann verstehen, dass es Dir nicht gefällt, wenn ich jetzt ‚Nein’ sage. Ich möchte mir aber deswegen keine Schuldgefühle machen lassen."
  • "Ihr Lob freut mich natürlich sehr und trotzdem kann ich diese Aufgabe heute leider nicht mehr für Sie übernehmen."

4. Neinsagen üben

  • Stimmen Sie sich mental auf Ihr Nein ein. Machen Sie sich klar, dass Sie ein Recht darauf haben, nicht manipuliert und zu einem Ja gedrängt zu werden. Achten Sie auf eine freundliche, aber feste Stimme oder Schriftkonversation, ohne Hin-und-Her-Schwanken und "ich/wir könnte(n) ja mal" oder ähnliches. Vermeiden Sie auch Füllwörter wie 'eigentlich' und 'vielleicht'. Sie signalisieren Ihrem Gegenüber Unentschlossenheit.
  • Stellen Sie sich für Ihr Nein aufrecht hin. So vermeiden Sie schon rein äußerlich ein Gefühl von Unterlegenheit, und selbst am Telefon wirkt Ihre Stimme kraftvoller und damit überzeugender.
  • Verpacken Sie Ihre Absage nett und bleiben Sie freundlich, aber bestimmt. Bedanken Sie sich beispielsweise für das Angebot oder die Aufgabe, zeigen Sie Verständnis für den anderen und seine Situation oder betonen Sie Ihre Wertschätzung oder Freundschaft zum anderen. So stehen Sie fest zu Ihrer Ablehnung, machen aber gleichzeitig auch deutlich, dass Sie wirklich über die Anfrage nachgedacht haben, Ihr Gegenüber schätzen und Ihre Ablehnung nur mit der Sache, nichts mit der Person zu tun hat.
  • Bedenken Sie, dass Absagen mit einer kurzen Begründung oft höflicher sind als ein einfaches „Nein“. Auch bietet sich hier die Möglichkeit, dem anderen klarzumachen, warum Sie etwas ablehnen. Aber Vorsicht: Manch forderndes Gegenüber fasst eine Begründung als ein Zeichen von Schwäche oder ein Sich-entschuldigen-Müssen auf und hat somit einen Angriffspunkt, Sie aufgrund Ihrer Erklärung in eine Diskussion zu verwickeln.
  • Statt dem anderen etwas abzunehmen, bieten Sie sich als Problemhelfer an, schlagen Sie Lösungen vor und bringen Sie so Ihr Gegenüber dazu, selbst Lösungen zu finden.

Literatur

Silke Brand: Vergiss Dein nicht: Authentisch leben
Kreuz Verlag 2010 (1. Auflage), 160 Seiten, ISBN-10: 3783134307, ISBN-13: 978-3783134308
Herbert Fensterheim: Sag nicht ja, wenn du nein sagen willst: Wie man seine Persönlichkeit wahrt und durchsetzt
Goldmann Verlag 2006, 384 Seiten, ISBN-10: 3442112974, ISBN-13: 978-3442112975
Gitta Jacob: Andere Wege gehen
Beltz Verlag 2017,ISBN:978-3-621-28415-8
Hedwig Kellner: Ein klares Nein muss manchmal sein: Das Trainingsprogramm zum selbstbewussten Neinsagen
Kösel-Verlag 2003 (1. Auflage), 160 Seiten, ISBN-10: 346634462X, ISBN-13: 978-3466344628
Monika Radecki: Nein sagen: Die besten Strategien
Verlag Haufe-Lexware 2007 (1. Auflage), 128 Seiten, ISBN-10: 3448086266, ISBN-13: 978-3448086263
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens
Verlag Junfermann 2007 (6. veränderte Auflage) 240 Seiten, ISBN-10: 3873874547, ISBN-13: 978-3873874541
Matthias Nöllke: Schlagfertigkeit. Das Trainingsbuch
Haufe Verlag 2018, ISBN: 978-3-648-10613-6

Stand: 07.07.2020 12:19 Uhr